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Bild: Jens Schulze

Pfarrhaus im Dorf lassen

Tagesthema 25. September 2013

Pfarrhaus und Residenzpflicht

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Bild: Jens Schulze

Dienstwohnungspflicht:

Im Bereich der hannoverschen Landeskirche gilt seit 2007 der „Pfarrhaus-Kompromiss“. Er sieht vor, dass Pfarrerinnen und Pfarrer nicht zwangsläufig ein Pfarrhaus beziehen müssen, sondern sich auch eine passende Dienstwohnung im Bereich der Gemeinde anmieten dürfen. Umgekehrt kann die Landeskirche die Pfarrhäuser verkaufen, die nicht dem „Prägnanz-Status“ (Kirchennähe, Erkennbarkeit) unterliegen.

Im Bereich der Nordkirche gilt folgende – je nach ehemaliger Landeskirche unterschiedlich formulierte – Rechtsvorschrift:„Pfarrerinnen und Pfarrer sind verpflichtet, am Dienstsitz, bzw. bei der Kirchengemeinde zu wohnen. Eine für sie bestimmte Dienstwohnung haben sie zu beziehen. Ausnahmen können in besonders begründeten Fällen genehmigt werden.“ Umgangssprachlich wird diese Dienstwohnungspflicht auch Residenzpflicht genannt. Diese meint jedoch zunächst nur das Beziehen einer Wohnung im Pfarrbezirk.

Contra: Es gibt eine bessere Lösung

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Pastor Andreas Dreyer

Im Vergleich zur Nordkirche ist die hannoversche Landeskirche einen Schritt weiter. Seit 2007 gilt hier der „Pfarrhaus-Kompromiss“: Gemeindepastoren und -pastorinnen müssen nicht mehr zwangsläufig in Pfarrhäusern wohnen, sondern haben unter Umständen durchaus die Möglichkeit, eine passende Dienstwohnung im Bereich der Gemeinde anzumieten, die ihren Bedürfnissen mehr entgegenkommt. Umgekehrt kann die Landeskirche diejenigen Pfarrhäuser verkaufen, die nicht dem „Prägnanz-Status“ entsprechen.

Soweit ich sehe, hat sich dieser Kompromiss weitgehend bewährt. Die Klagen über zu große, unsanierte, problematische Pfarrhäuser sind leiser geworden, wenngleich nicht verstummt. Mietabschläge für Beeinträchtigungen berücksichtigen die besondere Wohnsituation derjenigen, deren Pfarrwohnung im Gemeindehaus oder neben der Kirche liegt. Auf der anderen Seite haben Pastoren in angemieteten Dienstwohnungen durch die räumliche Trennung eine verbesserte Möglichkeit, Dienstliches und Privates zu trennen, wenngleich die Kosten ihrer Dienstwohnung etwas höher sind.

Pastorenausschuss und Pfarrverein tragen diesen Kompromiss mit, auch wenn er natürlich die Ungleichheit innerhalb der Pfarrerschaft erhöht. Der Kompromiss kommt den Wünschen der Pfarrerschaft entgegen: Da gibt es die einen, die aufgrund ihrer Familiensituation kein ganzes Haus für sich benötigen, da sind die anderen, die sich bewusst auf die besondere Wohnsituation im Pfarrhaus eingelassen haben und sie als Teil ihrer Lebensplanung empfinden. Die Pfarrhauskultur ist Teil des Protestantismus. Eine völlige Abschaffung der Dienstwohnungspflicht mit dem Verkauf aller Pfarrhäuser würden wir von daher als überstürzt ansehen. Pfarrhäuser sind in der Regel Raumensembles, wo geschützter Raum für Gespräche vorhanden ist. Dies ist atmosphärisch etwas völlig anderes als ein bloßes Dienstzimmer der Pastorin oder des Pastors im Gemeindehaus. 

Andreas Dreyer, Pastor in Landesbergen und stellv. Vorsitzender des Pastorenausschusses der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers

Pro: Rahmenbedingungen sind unzumutbar

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Pastor Frank Lotichius 

Eine strikt durchgehaltene Residenzpflicht halte ich weder für zeitgemäß noch für angemessen, zumal die Rahmenbedingungen nicht mehr zumutbar sind. Sie gängeln ohne Flexibilität Gemeinden und Pastorinnen und Pastoren.

Und: Ist das Bild von Kirche, das sich dahinter verbirgt, noch zeitgemäß? Gute Erreichbarkeit von Pastorinnen und Pastoren hängt nicht am Pastorat.
Auf dem Theologischen Tag in Ratzeburg wurde so ganz nebenbei ein Faktum genannt, das allein Anlass gäbe, die Residenzpflicht zu hinterfragen: der Zustand der Pastorate, vor allem der energetische. Da ist zwar in den letzten Jahren hier und da etwas getan worden – aber genau das ist das Problem: hier und da. Es gibt kein System, kein Programm.

Dahinter steckt eine strukturelle Frage: die Verantwortung für die Dienstwohnungen der Pastorinnen und Pastoren liegt bei den Kirchengemeinderäten. In der Praxis führt das zu – für beide Seiten – oft unangenehmen, ja unzumutbaren Situationen: Die Pastorinnen und Pastoren müssen um Verbesserungen im Pastorat quasi betteln und sitzen dabei – oft an entscheidender Stelle – selbst in dem Gremium, das darüber zu entscheiden hat. Das ist typisch Kirche und gehört dringend geändert. Zumal sich die familiären Realitäten nicht mehr in Standards zwängen lassen.

Und: Anders als zu meiner Studienzeit ist die zukünftige Wohnungssituation unter den Theologiestudierenden nicht nur ein Diskussionsgegenstand, sondern offenbar – sollte es bei der strikten Residenzpflicht bleiben – geradezu ein Angstfaktor. Was ist, wenn der Partner, die Partnerin, das gestellte Haus nicht akzeptiert? Wie ist das, wenn man allein lebt – muss man dann auch ins große Pastorat? Können wir uns die Heizkosten leisten? Hier geht es also um die Zukunft unserer Kirche. Die Besetzbarkeit von Stellen wird sich hier entscheiden.

Pastor Frank Lotichius, zuständig für die Gemeinden Alt-Mölln, Bälau, Borstorf und Breitenfelde mit dem Ortsteil Neuenlande.

Wem gehören die Pfarrhäuser?

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Das Modell stammt aus dem Mittelalter

Können eigentlich Kirchengemeinden über ihre Pfarrhäuser selbst entscheiden? Dazu nimmt Oberlandeskirchenrat Adalbert Schmidt vom hannoverschen Landeskirchenamt Stellung.

Evangelische Zeitung: Wem gehören die Pfarrhäuser?
Schmidt: Im Gebiet der Landeskirche Hannovers gibt es zurzeit knapp 1200 Pfarrhäuser. Sie gehören fast ausnahmslos den örtlichen Kirchengemeinden. Wenige Pfarrhäuser sind Eigentum der Landeskirche oder der Kirchenkreise. Für die Zukunft ist damit zu rechnen, dass zunehmend Kirchenkreise als Dienstwohnungsgeber auftreten und Dienstwohnungen vermehrt angemietet werden.

Evangelische Zeitung: Wie entstand das traditionelle Modell?
Schmidt: Der Ursprung des kirchlichen Grundvermögens und mithin auch des Pfarrhauses findet sich im Mittelalter. Insbesondere von weltlichen Landesherren wurden sogenannte „Parochien“ als Vorläufer der heutigen Kirchengemeinden errichtet und mit Landbesitz und auch Gebäuden ausgestattet. Damit sollte der dauerhafte Erhalt von Kirchengemeinden und die Unterbringung von Pfarrern samt Familien sichergestellt werden. Heute ist die Bereitstellung einer Dienstwohnung für einen Pfarrer oder eine Pfarrerin im kirchlichen Dienst durch die örtliche Kirchengemeinde in einem Pfarrhaus, einem anderen kirchlichen oder angemieteten Gebäude Teil der kirchengesetzlichen Pfarrerbesoldung und -versorgung.

Evangelische Zeitung: Wer entscheidet über den Verkauf eines Pfarrhauses? Welche Kriterien werden angewandt?
Schmidt: Über die Veräußerung eines Pfarrhauses muss letztlich dessen Eigentümer, also in der Regel die örtliche Kirchengemeinde entscheiden. Neben ökonomischen, ökologischen und energetischen Aspekten, der Lage und der Wohnqualität des Gebäudes wird diese Entscheidung aber auch von dem jeweiligen Kirchenkreis beeinflusst, der im Rahmen des von ihm durchzuführenden Gebäudemanagements und der Gebäudebedarfsplanung hier auch Kriterien festlegen kann. Schließlich hat sich aus den Erfahrungen der öffentlichen Diskussion über die Auf- und Abgabe von Pfarrhäusern gezeigt, dass es dabei auch entscheidend darauf ankommt, ob auf die Funktion eines Gebäudes für die Präsenz der Kirche in der Öffentlichkeit verzichtet werden kann. Vor diesem Hintergrund ist die Frage der Prägnanz in seiner konkreten örtlichen und räumlichen Situation für den Auftrag der Kirche zu einem maßgeblichen Kriterium für die Entscheidung der Frage geworden, ob ein kircheneigenes Pfarrhaus aufgegeben und ggf. durch eine anzumietende Dienstwohnung ersetzt werden kann.

Evangelische Zeitung:Wie wird Ihrer Einschätzung nach das Eigentümer-Modell der Zukunft aussehen (müssen)?
Schmidt: Auch in absehbarer Zukunft wird der überwiegende Teil der Pfarrhäuser im Eigentum der Kirchengemeinden verbleiben. Soweit es aber diesen nicht gelingt, die das Ortsbild und die kirchliche Situation vor Ort prägenden Gebäude baulich und energetisch angemessen zu erhalten und daneben auch eine dem aktuellen Standard angemessene Wohnqualität zu gewährleisten, sollte im Rahmen des Gebäudemanagements über eine Änderung der Eigentumsverhältnisse an dem Gebäude nachgedacht werden. Durch die zurückgehende Zahl von Pfarrern und Pfarrerinnen sowie den zunehmenden finanziellen Handlungsdruck wird sich die Zahl der Pfarrhäuser künftig deutlich reduzieren. Neben den verbleibenden „prägenden“ Standorten kann und muss dann durch Anmietung von Wohnungen flexibel auf die Wohn-, Lebens- und Arbeitsbedürfnisse von Pfarrstelleninhabern und -inhaberinnen reagiert werden. 

Alte Bilder mit neuem Leben füllen

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Martin Luther musiziert im Kreise seiner Familie und seines Weggefährten Philipp Melanchthon. Abbildung: Gustav Spangenberg, 1875  

Je mehr die Realität des Pfarrhauses gefährdet erscheint: durch Sparzwänge wie durch pastorale Lebensformen, denen jenes Haus zu groß oder zu gläsern geworden ist, um so mehr wird – nicht zuletzt seitens vieler Kirchenleitungen – der Mythos des Pfarrhauses beschworen: als festgefügtes, unerlässliches Fundament für das pastorale Amt. Angesichts der Gemengelage zwischen realen Nöten und symbolischem Anspruch lohnt es sich, jenen Mythos zu erinnern – und zu entmythologisieren.
Das neueste Buch zum Thema (Christine Eichel, 2012; siehe Marginalspalte) macht deutlich: Der Mythos des Pfarrhauses ist literarisch vermittelt; er verdankt sich der eindrücklichen Kraft dichterischer Bilder. Drei solche Bilder seien hier zitiert – und kritisch gedeutet.

Der Göttinger Theologieprofessor Jan Hermelink schreibt über den Mythos des Pfarrhauses und wie er modern zu füllen ist - nachzulesen in der Evangelischen Zeitung - online und in der Printausgabe

Direkt zum Thema in der Evangelischen Zeitung