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Bild: Jens Schulze

Fremdeln mit dem deutschen Essen

Tagesthema 16. September 2013

Die neunköpfige syrische Familie al-Hariri lebt nach ihrer Flucht über den Libanon im Grenzdurchgangslager Friedland

Ziad al-Hariri ist etwas nervös. Am 11. September 2013 sind der 43 Jahre alte Syrer, seine Frau und seine sieben Kinder im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen angekommen. Nun soll die Familie erfahren, wo sie künftig leben wird. Zumindest für die nächsten Jahre.

„Ein früherer Nachbar von uns wohnt in einer deutschen Stadt“, sagt al Hariri und streicht aufgeregt mit dem Finger auf dem roten Laufzettel herum, den er gleich nach der Ankunft im Lager erhalten hat. „Ich weiß nicht, wie diese Stadt heißt, sie liegt irgendwo in Nordrhein-Westfalen, und da möchten wir gerne hin.“

Die Familie al-Hariri stammt aus Dar`a. Die 80.000-Einwohner-Stadt südlich von Damaskus war Ausgangspunkt der ersten Proteste gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad - und damit für den Bürgerkrieg in Syrien. Im Februar 2011 wurden dort 15 Kinder festgenommen, weil sie regimekritische Parolen an das Schulgebäude gemalt haben sollten. Die betroffenen Eltern berichteten, dass ihre Kinder im Gefängnis geschlagen und gefoltert worden seien. Sie organisierten erste Demonstrationen.

Die Gewalt eskalierte. Fast täglich gab es Kämpfe und Schießereien, Bomben und Luftangriffe: Vor anderthalb Jahren sei die Situation in Dar`a untragbar geworden, erzählt al-Hariri.

Die Familie entschloss sich zur Flucht, zog zuerst aufs Land zu Verwandten und flüchtete dann im eigenen Fahrzeug weiter in den Libanon. Eine Schwester des Vaters, sie ist Lehrerin und mit einem Anwalt verheiratet, blieb in Syrien.

Wie konnten sie die Grenze erreichen? Mussten sie dafür Geld bezahlen? Gab es Kontrollen? Al-Hariri zögert, blickt immer wieder zum Dolmetscher - als ob er sich bei ihm versichern will, nichts Falsches zu erzählen. „Es gab überall Posten“, sagt er schließlich. „Wir konnten aber durchfahren.“

Ob und welche Position die Familie im syrischen Konflikt einnimmt, bleibt unbeantwortet. Sie gehört zur sunnitischen Glaubensrichtung. Und unter den Aufständischen, die gegen die überwiegend alawitische Regierung kämpfen, spielen die Sunniten eine wichtige Rolle.

Statt wie viele andere Syrer in ein Flüchtlingslager, zog die Familie in Beirut in eine Wohnung - ein Indiz, dass die al-Hariris in ihrem Land nicht zur Unterschicht gehörten. Zunächst habe er Arbeit außerhalb der libanesischen Hauptstadt gefunden, später war er ohne Beschäftigung - die Fragen nach seiner Tätigkeit oder nach seinem erlernten Beruf möchte der Vater nicht beantworten.

Zunächst will Deutschland in den nächsten Monaten 5.000 Syrer im Rahmen eines internationalen Abkommens aufnehmen.

Wer kommen darf, entscheiden Vertreter des UN-Flüchtlingshilfswerks und der Bundesrepublik vor Ort. Sie wählen die Flüchtlinge in den Auffanglagern der Nachbarländer Syriens aus. Die Kriterien sind nicht ganz eindeutig, ein Grund können Krankheiten und Verletzungen sein.

Auch drei der Kinder von Ziad und Mariam al-Hariri sind krank. Sie leiden an Schwerhörigkeit. Zu 75 Prozent der zwölfjährige Mohamed, zu 50 Prozent der sechs Jahre alte Waad. Die kleine Aminah, sie ist erst drei, könne gar nichts hören, übersetzt der Dolmetscher. Ein Arzt hat die Kinder in Friedland bereits untersucht. Nächste Woche, wenn die Eltern an den sogenannten Wegweiser-Kursen teilnehmen, soll auch ein HNO-Spezialist ins Lager kommen.

Die schlichten Unterkünfte in Friedland, die Doppelstockbetten, das schlechte Wetter machen der Familie nichts aus, sagt al-Hariri. Nur mit den deutschen Essgewohnheiten, etwa dass es zum Abendessen Brot und Aufschnitt gibt, fremdeln die Syrer noch: „Wir sind es eigentlich gewöhnt, dass wir selber kochen.“

Tochter Rania, die am Sonntag ihren 13. Geburtstag feiert und das älteste Kind des Paares ist, freut sich vor allem auf die Schule. Sie hat in Dar`a ein Gymnasium besucht und dort auch Englisch gelernt. Anders als dem Vater ist es ihr egal, in welche Stadt die Familie geschickt wird. Freundinnen, sagt Rania, werde sie doch überall finden.

Reimer Paul, epd

Müde, glücklich und erschöpft

Die erste syrische Flüchtlingsgruppe ist am Flughafen von Hannover-Langenhagen mit einer vom Bund gecharterten Maschine gelandet. Die 107 Syrer, etwa zur Hälfte Kinder, wurden von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) auf dem Rollfeld begrüßt. "Sie sind jetzt in Sicherheit", sagte Friedrich. Die Flüchtlinge, die aus Lagern im Libanon kommen, werden in den nächsten zwei Wochen im Auffanglager Friedland bei Göttingen untergebracht und danach auf die einzelnen Bundesländer verteilt.

Deutschland hatte sich im März verpflichtet, 5.000 Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen. Rund 300 Syrer aus dem Kontingent haben ihre Reise selbst organisiert und nach Angaben des Ministeriums Deutschland bereits erreicht. In Friedland sollen die Syrer in sogenannten Wegweiser-Kursen die deutsche Sprache und das Leben in Deutschland kennenlernen. Neben einem Taschengeld von 20 Euro erhalten sie auch Informationen über Sozialleistungen.

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Sonderspende der Landeskirche

„Ich grüße Sie im Namen der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und möchte Sie als Bischof dieser Kirche herzlich willkommen heißen.

Wir freuen uns, dass Sie hier in Friedland angekommen sind. Die Nachrichten aus Ihrer Heimat Syrien verfolgen wir wie so viele Menschen weltweit mit Erschrecken und Sorge. Zugleich haben wir als Landeskirche die Situation der Flüchtlinge und das, was aus humanitären Gründen zu tun notwendig und möglich ist, besonders im Blick.

Im Frühjahr hatte ich Gelegenheit, mit Bischof Hanna von Palmyra zu sprechen. Er berichtete mir von der Aufnahme syrischer Flüchtlinge in Berlin. Das hat mir noch einmal ganz klar vor Augen geführt: Es ist unsere christliche Pflicht, alles zu tun, damit mehr Flüchtlinge aufgenommen werden können.

Bei einer Tagung der Akademie Loccum zur Lage und Zukunft der Christen in Syrien wurde zugleich die Zerrissenheit zwischen der Flucht und dem Verbleib in der Heimat deutlich: Sie alle, die Sie heute hier sind, würden lieber in einem friedlichen, sicheren Syrien leben als an diesem für Sie fremden Ort.

Es bleibt die Aufgabe, die Suche nach einer politischen Lösung des Konfliktes in Syrien zu intensivieren. Zugleich benötigen die Menschen unsere Hilfe, die sich wie Sie für die Flucht aus einer so gefährdeten Lebenssituation entschieden haben.

Als Landeskirche wollen wir die Aufnahme von Flüchtlingen mit einer Sonderspende von 10.000 Euro unterstützen. Sie soll der kontinuierlichen Arbeit hier im Lager Friedland zu Gute kommen, Flüchtlingen das Ankommen erleichtern und die Angebote für ein erstes Willkommen unterstützen. Dazu gehört auch die Arbeit von Pastor Martin Steinberg, dem ich für seinen Dienst herzlich danke.

Ihnen allen, die Sie heute angekommen sind, wünsche ich von Herzen Gottes Segen: dass Sie zur Ruhe kommen mögen nach den Tagen in Gefahr, dass die Eindrücke des Krieges und der Zerstörung in den Hintergrund treten mögen und Sie in Sicherheit leben können. Die Sorge um Ihre Freunde und Verwandten, um die Lage in Ihrer Heimat werden wir in die Fürbitte in den Gottesdiensten unserer Kirchengemeinden aufnehmen.

Bleiben Sie behütet und seien Sie Gott befohlen.“

Landesbischof Ralf Meister, Hannover

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