2013_09_03

Bild: epd-Bild / Swen Pförtner

Demografischen Wandel gestalten

Tagesthema 02. September 2013

In vielen Dörfern hat der demografische Wandel erste Spuren hinterlassen: Häuser sind verwaist, Bankfilialen und Läden haben geschlossen. Im Landkreis Göttingen arbeiten sogenannte Dorfmoderatoren, um der Überalterung auf dem Land gegenzusteuern.

Südniedersachsen startet neues Projekt

Moderatorin im Dorf

Dorfmoderatoren1
Die Demografiebeauftragte im Landkreis Göttingen, Regina Meyer (links), und die Dorfmoderatorin aus Hemeln, Nortrud Riemann, stehen in Göttingen vor Landkarten. Riemanns Wohnort Hemeln zählt zu den Orten, denen einer aktuellen Studie zufolge ein Rückgang und eine Überalterung der Bevölkerung drohen. Bild: epd-Bild / Swen Pförtner

Hemeln zählt zu den schmuckeren Dörfern in Südniedersachsen. Viele der alten Fachwerkhäuser sind frisch saniert. Es herrscht eine rege Gemeinschaft - die Landfrauen kochen im Pfarrhaus, der Sportverein veranstaltet kleine Fußballturniere, alle fünf Jahre ist Kirmes. Hemeln hat aber auch ein Problem: langfristig drohen dem Ort einer aktuellen Studie zufolge ein Rückgang und eine Überalterung der Bevölkerung. Einwohnerin Nortrud Riemann will das nicht tatenlos hinnehmen. Als „Dorfmoderatorin“ versucht sie, Projekte anzustoßen, um den demografischen Wandel zumindest zu gestalten.

Aufhalten lassen sich die Entwicklungen nicht, glaubt die Demografiebeauftragte des Landkreises Göttingen, Regina Meyer. „Wir werden weniger und wir werden älter. Aber den negativen Auswirkungen können wir entgegenwirken.“ Auf Meyers Initiative geht das Projekt „Dorfmoderatoren“ zurück, an dem auch Riemann mitwirkt. Ziel: Mehr Lebensqualität auf dem Land und eine altersgerechte Anpassung dörflicher Strukturen.

Dorfmoderatoren2
Walter und Ursula Henkel fegen in Hemeln heruntergefallene Äpfel von der Straße. Der Ort zählt zu den schmuckeren Dörfern in Südniedersachsen. Bild: epd-Bild / Swen Pförtner

Neun Montage lang hat der Landkreis Göttingen jetzt neun Dorfmoderatoren ausgebildet, die sich ehrenamtlich in ihren Dörfern und Gemeinden einsetzen sollen. Weitere Kurse sollen folgen. „Programme muss man nicht selbst erfinden“, sagt 61-jährige Teilnehmerin Riemann. Wichtiger sei es, aufzugreifen, was bereits im Ort diskutiert werde.

Sie verstehe sich als eine Vermittlerin, die Prozesse in Gang hält und die nötigen Stellen - Ortsrat, Stadtverwaltung und andere Institutionen - einbezieht. In dem mehrmonatigen Moderatorenkurs des Landkreises habe sie gelernt, sich im Wirrwarr behördlicher Zuständigkeiten zurechtzufinden und Gesprächsrunden mit Bürgern zu führen.

Das Programm ist der Landkreisbeauftragten Meyer zufolge bundesweit bislang einzigartig. Moderatoren gebe es andernorts eher als Streitschlichter, nicht aber in Bezug auf den demografischen Wandel. Die Idee dazu stamme aus einem Pilotprojekt im südniedersächsischen Güntersen, wo sie selbst über zwei Jahre Demografieprojekte moderiert hat.

Dorfmoderatoren3
Kanuten auf der Weser fahren an Hemeln vorbei. Hemeln hat bei aller Schönheit ein Problem: Langfristig drohen dem Ort einer aktuellen Studie zufolge ein Rückgang und eine Überalterung der Bevölkerung. Bild: epd-Bild / Swen Pförtner

Nortrud Riemann wohnt erst seit anderthalb Jahren in Hemeln. Die Probleme dort seien ihr schnell bewusst geworden: Post und Bank haben ihre Filialen geschlossen, der nächste Arzt ist nur mit der Fähre zu erreichen. Einige Bürgern seien ihrem Engagement als Dorfmoderatorin skeptisch begegnet, die meisten seien jedoch aufgeschlossen: „Die hatten eine Idee nach anderen, was wir alles machen könnten.“

Beispielsweise sei die die Teilnahme am Wettbewerb „Kerniges Dorf“ beschlossen worden, in dessen Rahmen der Ortskern neu gestaltet werden soll. Aber auch kleinere Initiativen wie eine Mitfahrerbörse für Einkaufe in der Stadt stünden auf der Liste. Außerdem werde überlegt, eine Praxisfiliale einzurichten - ein von der Gemeinde bereitgestelltes Behandlungszimmer, in dem regelmäßig ein Arzt Sprechstunden abhalten könnte. Ob dazu die finanzielle Mittel reichten, sei allerdings ungewiss.

„Städte und Gemeinden kommen alleine nicht aus der Misere heraus“, betont Landkreismitarbeiterin Meyer. Die Budgets seien zu weit heruntergefahren, und nur mit ein paar Dorfmoderatoren ließen sich die Zukunftsfragen nicht bewältigen. Ohne die Unterstützung von Bund und Land ließen sich Ortskerne kaum attraktiv umgestalten, die kleinen Dorfläden nicht halten und der öffentliche Nahverkehr nicht regelmäßiger einsetzen. Meyer: „Die Moderatoren können ja schöne Ideen haben, aber sie brauchen auch Geld, um sie umzusetzen.“

Von Carsten Albert (epd)

Kirche auf dem Lande

Trecker mit Pflug auf Acker
Landwirtschaft bedeutet fast immer auch Einsatz von Maschinen   Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Für das Themenfeld Kirche auf dem Land, ländlicher Raum und Landwirtschaft präsentiert sich der „Kirchliche Dienst auf dem Lande (KDL)“ als Fachdienst für alle Fragen der Landwirtschaft und der Lebenssituation bäuerlicher Familien, den Menschen auf dem Land, sowie der kirchengemeindlichen wie regionalen Entwicklung im ländlichen Raum.

Der KDL greift aktuelle Entwicklungen und Veränderungsprozesse auf und zeigt kirchliches Profil. Thematisiert werden unter anderem:

  • Entwicklung von Kirche und Gemeindeleben im Dorf
  • Konventionelle und ökologische Landwirtschaft, Nachwachsende Rohstoffe, Agro-Gentechnik, Nutztierhaltung
  • Nachhaltigkeit und schonender Umgang mit natürlichen Ressourcen
  • Landschaftspflege und Landschaftsschutz
  • Hofnachfolge und Generationenberatung
  • Kirche und ihr Land
  • Dorferneuerung und Dorfentwicklung
Zu den Seiten über den Kirchlichen Dienst auf dem Lande

Brief an die Gemeinden

äpfel
Vielfältig ist die hannoversche Landeskirche, bodenständig und bei den Menschen - Landesbischof Ralf Meister auf seiner Reise durch die Kirchenkreise in und um Hannover. Bild: Rainer Schütze

Landesbischof Ralf Meister hat sich zu Pfingsten in einem Brief an die Kirchenvorstände der Landeskirche gewandt und dafür eingesetzt, die verdeckte Armut stärker zu bekämpfen. „Viele Initiativen habe ich erlebt“, schreibt Meister an die Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen, „in denen Sie konkret in die Situation von Menschen in Not in Ihren Dörfern und Städten eingegriffen haben“. Gleichzeitig habe er, so Meister, bei seinen Besuchen in den Kirchenkreisen „Menschen getroffen, die durch biografische Umstände, Arbeitslosigkeit, Schulden, Scheidung zum Teil den Anschluss an die Dorfgemeinschaft verloren haben“.

Weitere Informationen

Wir sind evangelisch