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Vertrauen leben

Tagesthema 28. August 2013

Vertrauen leben - in der Familie

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Junge Familie arbeitet im Garten. Die Eltern erklären ihrer Tochter die Gartenarbeit. Bild: epd-Bild  

Ein Kind haben sich Christine und Kai Würbs gewünscht, doch Mutter Natur machte ihnen einen Strich durch die Rechnung: Ein eigenes Kind zu bekommen war biologisch unmöglich. Am Wunsch, Eltern zu sein, änderte das jedoch für die heute 43-Jährigen nichts. Sie stellten bei der Stadt Hamburg einen Adoptionsantrag und signalisierten gleichzeitig ihre Bereitschaft, Langzeitpflegeeltern zu werden. Acht Monate später kam der entscheidende Anruf: Jovana, neun Monate alt, warte im Kinderschutzhaus auf ein neues Zuhause.

Der 6. Dezember 2007 wird dem Ehepaar Christine und Kai Würbs unvergessen bleiben. Denn an diesem Tag durften sie ihre Jovana endlich mitnehmen. Fort vom Kinderschutzhaus, in dem das Mädchen wenige Tage nach seiner Geburt untergebracht worden war. Die leibliche Mutter hatte das Baby nach der Entbindung im Krankenhaus zurückgelassen. Jovana litt an Entzugserscheinungen, da ihre Mutter zum damaligen Zeitpunkt drogenabhängig war. Jovana musste die ersten acht Minuten nach der Geburt künstlich beatmet werden. Der Start ins Leben hätte für das kleine Mädchen wahrlich besser laufen können. „Für uns spielte die Abhängigkeit der Mutter keine Rolle“, sagt Kai Würbs.

Zwei Wochen lang besuchten die beiden Jovana, vor und nach der Arbeit, gemeinsam und auch jeder für sich. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, schwärmt Vater Kai.

Parallel zu ihren Besuchen forderten sie den Entlassungsbericht aus dem Krankenhaus an. Für Kai Würbs, Student der Illustration, blieb das Fazit der Ärzte ein Buch mit sieben Siegeln. Anders als Ehefrau Christine. Als Sozialpädagogin war sie fachlich im Bilde, fühlte sich allerdings emotional befangen. Sie bat ihre Chefin, den Bericht zu lesen. Die Antwort war erlösend, wie sich Christine erinnert: „Jovana hat sich fürs Leben entschieden. Ganz und gar.“ Auf dieses Urteil vertraute das Paar.
Jovana fasste ebenfalls Schritt für Schritt Zutrauen zu ihren Pflegeeltern, ließ sich am Ende der Kennenlernphase sogar auf den Schoß nehmen. „Das war der erste richtige Entwicklungsschritt!“ Die Freude darüber ist Kai Würbs noch anzuhören.

So problemlos ging der neue Lebensabschnitt zu dritt allerdings nicht weiter. Im Schicht-System des Kinderschutzhauses konnte Jovana keine feste, kontinuierliche Bindung aufbauen. Dazu kam, dass es nach der Geburt keinen Kontakt zwischen Jovana und ihrer leiblichen Mutter gab. Christine Würbs: „Jovana hatte damals nie einen Menschen verlässlich an ihrer Seite.“

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Vertrauen leben in der Familie. Bild: epd-Bild

Die Angst des Kindes, erneut verlassen zu werden, zeigte sich daran, dass sie ihren Pflegeeltern überallhin folgte, 24 Stunden am Tag Körperkontakt brauchte. Sich alleine zu beschäftigen, und sei es nur eine halbe Stunde lang – Fehlanzeige. Außerdem hatten immer alle Wohnungstüren offen zu sein „Das war superanstrengend“, erinnert sich Kai Würbs.

Auffällig war zudem, dass es fast drei Jahre brauchte, bis Jovana sich nicht mehr demonstrativ abwandte, wenn sie auf den Arm genommen wurde oder auf dem Schoß saß. Während andere Kinder sich üblicherweise gerne ankuscheln beziehungsweise ihr Gegenüber anschauen, konnte Jovana diese Art von Nähe lange nicht ertragen. Erst ging es für die Kleine forsch in die Welt, dann entdeckte sie, wie schön es sein kann, zu umarmen und umarmt zu werden. „Das war wie ein umgekehrter Entwicklungsprozess!“ Viel Geduld war notwendig. „Es war schwer, sich da zurückzunehmen. Doch wir hatten Vertrauen in die Autonomie des Kindes“, unterstreicht Christine Würbs.

Auf einem guten Weg scheint auch die Beziehung zur leiblichen Mutter zu sein, die Jovana mittlerweile alle vier Wochen sieht. Noch vor fünf Jahren hätten die Pflegeeltern das für unmöglich gehalten. Damals klagte die leibliche Mutter kurzzeitig auf Vormundschaft für ihre Tochter. Jahrelang prägte Misstrauen die Treffen zwischen den Erwachsenen. „Wir haben uns gefragt: Wie verlässlich ist sie? Ist sie irgendwann weg?“, erzählt Christine Würbs.

Erst über die Mediation von der Fachstelle Pfiff, in der sich das Paar und die leibliche Mutter eineinhalb Jahre lang regelmäßig trafen, brachte die positive Wende. „Wir möchten Jovana die Möglichkeit geben, dass sie ihre Mutter auch lieben darf“, sagt Christine Würbs. Ein Paradebeispiel ist für sie da ein Besuch im Zirkus. Jovana saß auf Christine Würbs’ Schoß, lehtnte jedoch ihren Kopf an die Schulter der leiblichen Mutter. „Besser kann es fürs Kind doch nicht laufen: Ohne Groll, beide Mütter nebeneinander!“

Ob Jovana bis zu ihrem 18. Lebensjahr bei ihren Pflegeeltern bleiben darf – das Ehepaar weiß es nicht. „Die Garantie kann uns keiner geben“, resümiert Christine Würbs. Sorgen machen sie und ihr Mann sich deswegen jedoch nicht. Die Zeit wird es zeigen.

Von Maren Warnecke (aus: Evangelische Zeitung)

Warum in einer Gesellschaft Vertrauen wichtig ist

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Peter Gross

Die Evangelische Zeitung stellt die Frage, ob wir in unserer Gesellschaft zu misstrauisch sind. Wenn das Misstrauen überhand nimmt, werde eine Gesellschaft funktionsuntüchtig, meint der Autor Peter Gross. Es brauche ein Mindestmaß an Vertrauen – selbst wenn Folgen nicht immer abschätzbar sind, beantwortet er in einem Interview die Fragen der Redaktion. Nachzulesen in der aktuellen Ausgabe der Evangelischen Zeitung (35/2013) oder auch online - dort steht auch noch mehr über das Schwerpunktthema „Vertrauen – wie geht das?“

Mehr zum Thema "Vertrauen" in der Evangelischen Zeitung

Und Ihre Meinung zum Thema „Vertrauen“

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Bild: misterQM / photocase.com

„Vertrauen“ haben wir alle schon erlebt. Genauso, dass unser Vertrauen auch enttäuscht wurde - und manchmal tut es gut, darüber nachzudenken, was Vertrauen eigentlich bedeutet. Oder wie sehr wir uns Vertrauen wünschen. Schreiben Sie Ihre Gedanken zum Thema „Vertrauen“ in unserem Forum.

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Was uns Sicherheit gibt

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Sich vertrauensvoll in die Hände anderer Menschen zu begeben, wie hier beim Vertrauenstraining im Wald, fällt vielen Menschen schwer. Grund dafür sind negative Kindheitserfahrungen. Bild: epd-Bild  

Eine sichere Bindung gilt heute als das stabile Fundament der menschlichen Persönlichkeit. Sie fördert die körperliche, emotionale und soziale Entwicklung eines Säuglings und macht ihn zu einem beziehungsfähigen Mitglied seiner Familie und unserer Gesellschaft. 

Wie entwickelt sich eine solche sichere Bindung? Wie entstehen Bindungsstörungen, warum werden sie in Familien über Generationen weitergegeben, als seien sie vererbt? Lassen sich diese Teufelskreise durchbrechen und kann man den werdenden Eltern schon ab der Schwangerschaft helfen, mit ihrem Baby eine sichere Bindungsentwicklung aufzubauen, selbst wenn die eigenen Kindheitserfahrungen nicht so positiv waren?

Die Bindungstheorie besagt, dass der Säugling im Laufe des ersten Lebensjahres auf der Grundlage eines biologisch angelegten Verhaltenssystems eine starke emotionale Bindung zu einer Hauptbezugsperson entwickelt, die er bei Schmerz oder Angst und Gefahr aufsucht. Das Bindungsverhalten drückt sich insbesondere im Suchen des Säuglings nach der Bindungsperson, Weinen, Nachlaufen, Festklammern an der Bindungsperson aus und wird durch Trennung von der Bindungsperson sowie durch äußere oder innere Bedrohung und Gefahr aktiviert. Ist die Hauptbindungsperson nicht erreichbar, so können auch andere weitere Bindungspersonen anstelle dieser ersatzweise aufgesucht werden, wie etwa der Vater, die Großmutter, die Tagesmutter.

Für das unselbstständige menschliche Neugeborene und Kleinkind ist die Schutzfunktion durch eine Bezugsperson von lebenserhaltender Bedeutung. Die Pflegeperson bietet als zuverlässige Bindungsperson in Gefahrensituationen einen „sicheren Hafen“. Dort kann sich der menschliche Säugling in Gefahrensituationen retten und Schutz und Hilfe erwarten. Das Bindungssystem, das sich im ersten Lebensjahr entwickelt, bleibt während des gesamten Lebens aktiv. Auch Erwachsene suchen in Gefahrensituationen die Nähe zu anderen Personen auf, von denen sie sich Hilfe und Unterstützung erwarten.

Werden diese Bedürfnisse nach Bindungssicherheit befriedigt, so wird das Bindungssystem beruhigt, und als Ergänzung zu diesem kann das System der „Erkundung“ aktiviert werden. Ein Säugling, der sich sicher und geborgen fühlt, kann von der Mutter als „sicherem Hafen“ aus seine Umwelt erforschen. Droht ihm dort aber Gefahr, kann er jederzeit auf seine Mutter als „sichere Basis“ zurückgreifen. Ohne sichere emotionale Bindung ist keine offene uneingeschränkte, neugierige Erkundung der Welt möglich.

Werden die Bindungsbedürfnisse oder auch die Erkundungswünsche nicht befriedigt, missachtet oder nur in sehr unzuverlässiger und in unvorhersehbarer Weise beantwortet, so führt dies zu Wut und Enttäuschung wie auch zu ambivalenten Gefühlen gegenüber der Bindungsperson. Die ausgeprägte Missachtung und Zurückweisung von Bindungswünschen durch die Bezugspersonen sind auch eine Quelle von aggressivem Verhalten des Kindes.

Kinder entwickeln dann unsichere und desorganisierte Bindungen oder sogar Bindungsstörungen. Diese Kinder zeigen gravierende Defizite in der Aufnahme und Gestaltung von Bindungsbeziehungen, sie verhalten sich in Konflikten eher aggressiv, sie können sich schlecht in die emotionalen Bedürfnisse, Gedanken und Handlungsabsichten ihres Gegenübers einfühlen.

Bindungsproblemen vorgebeugt werden kann beispielsweise durch das Programm „SAFE – Sichere Ausbildung für Eltern“. Dieses Programm richtet sich an alle Väter und Mütter. Insbesondere werdende Eltern, sowohl Erst- wie auch Mehrgebärende, sollten an den SAFE-Gruppen teilnehmen, damit schon mit Beginn der Schwangerschaft Eltern in ihren elterlichen Kompetenzen und Fähigkeiten durch Unterricht, Seminare und zusätzliche Medienmöglichkeiten wie Videofeedback geschult und für die Bedürfnisse ihres Kindes sensibilisiert werden.

Unsere Erfahrungen mit dem SAFE-Programm zeigen, dass es durch die Unterstützung der Eltern bis zum ersten Lebensjahr ihres Kindes gelingt, dass die Eltern eine sichere Bindung mit ihrem Säugling aufbauen können – selbst dann, wenn sie in ihrer eigenen Kindheit nicht so gute emotionale Unterstützung erfahren haben.

Karl Heinz Brisch, Facharzt unter anderem für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Kinderspital der Ludwig-Maximilian-Universität München