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Bild: Jens Schulze

Ungleichheit trotz Wachstum

Tagesthema 25. August 2013

Loccumer Gespräche über Ethik und Verantwortung in der Wirtschaft

Abstand vom Alltag, Raum zum Austausch und Impuls zur Orientierung – das sollen die „Loccumer Gespräche“ geben, zu denen die Landeskirche Hannovers einmal im Jahr ins Kloster Loccum einlädt. Die Gerechtigkeit – oder Ungerechtigkeit – der sozialen Marktwirtschaft hat dieses Mal im Mittelpunkt gestanden.

Vertreter aus der Wirtschaft, von Arbeitnehmerverbänden, aus solchen Institutionen, deren tägliches Brot das Florieren des Marktes beziehungsweise das Wohl von Arbeitnehmern ist, haben in diesem Jahr eine Einladung zu den „Loccumer Gesprächen“ bekommen.

Die Einladungen werden gerne angenommen, denn das Podium ist stets hochkarätig besetzt und die Zusammensetzung garantiert kontroverse Diskussionen, die vielen Meinungen Raum geben. Bevor jedoch Hans Fabian Kruse als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens und Präsident eines Arbeitnehmerverbandes, Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, und Dieter Lehmkuhl als Sprecher der ‚Initiative Vermögender für eine Vermögensabgabe’ Moderatorin Ulrike Heckmann Rede und Antwort standen, bekam Landesbischof Ralf Meister Gelegenheit, einen Impuls zu setzen.

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Die Diskussionsrunde mit Prof. Dr. Gerhard Wegner, Sozialwissenschaftliches Institut der EKD, Dr. Hans Fabian Kruse, AGA Unternehmensverband, der Moderatorin Ulrike Heckmann und Dr. med. Dieter Lehmkuhl, Initiative „Appell für eine Vermögensabgabe“. Bild: Jens Schulze  

Niemand solle bitte erwarten, eine klare Antwort auf die Frage der Gerechtigkeit der sozialen Marktwirtschaft von ihm zu erhalten, sagte der Bischof. Ob die Politik bei der Regulierung der Märkte versagt habe, weil den Politikern ihre Wahlversprechen ohnehin nicht mehr abgenommen würden, fragte Meister. Und ob das zu Resignation auf der einen Seite, zu einer rücksichtslosen Durchsetzung eigener Interessen auf der anderen Seite führe. 1,5 Millionen Menschen profitierten täglich von den Tafeln. Werde der Staat durch diese Initiativen aus seiner Verantwortung entlassen? Seien die Tafeln womöglich ein Menetekel der sozialen Marktwirtschaft?

Verteilungsgerechtigkeit ist für Meister ein Schlagwort. Soziale Gerechtigkeit müsse aber auch darauf ausgerichtet sein, allen gleiche Verwirklichungschancen zu bieten. Das System müsse mit einem starken finanziellen Schub korrigiert werden, ist die Ansicht von Dieter Lehmkuhl. Dank des Erbes seiner Eltern ist der Psychiater vermögend – und bereit, einen guten Teil dieses Vermögens abzugeben. Die Initiative, deren Mitinitiator er ist, habe mittlerweile 63 Unterstützer, die ebenso denken wie er, führte er aus. Verteilungsgerechtigkeit, um die Krise zu bewältigen, ist sein Ansatz.

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Im Gespräch. Bild: Jens Schulze

So wie Lehmkuhl sieht auch Gerhard Wegner es als bedrohlich an, dass Deutschland mittlerweile in der Statistik der armen Länder Europas ins Mittelfeld gerutscht ist. Wegner sieht das Problem in der Agenda 2010, die die Ausweitung des Niedriglohnsektors billigend in Kauf genommen habe. Sinnvoll sei eine Einführung von Mindestlöhnen, die gesetzlich geregelt werden. Die bessere Lösung seien individuelle Regelungen, da sie regionale und branchenspezifische Gegebenheiten besser berücksichtigen könnten. Die Gewerkschaften hierzulande seien aber zu schwach, um diese Regelungen flächendeckend durchzusetzen. Dem widersprach Hans Fabian Kruse, machte darauf aufmerksam, dass nicht nur die Löhne, sondern auch das Potential der Unternehmer, die diese schließlich bezahlten, berücksichtigt werden müssten, und verwies darauf, dass auch 8,50 Euro Mindestlohn in manchen Gegenden nicht genügten, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Bessere Verwirklichungschancen für alle - unabhängig von Vermögen und Bildungsstand im Elternhaus - seien für ihn ein vorrangiges Thema, sagte Kruse weiter. Seit den 1960er und 1970er Jahren habe es in dieser Beziehung enorme Rückschritte in Deutschland gegeben. Beispiele wie das eines Gerhard Schröder, der sich aus ärmsten Verhältnissen zum Staatsoberhaupt hochgearbeitet habe, seien heute kaum noch vorstellbar. Bildungsgerechtigkeit forderte auch Wegner ein – rund 20 Prozent der Schüler bekämen mittlerweile keinen Abschluss mehr. „Da brauchen wir allesamt mehr Fantasie“, forderte Wegner. Dem pflichtete Kruse bei: „Wir müssen die Jungs – und nicht nur die – vom Sofa holen.“ Dass das System der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland gut und gerecht funktioniert – diese Ansicht vertrat keiner der Podiumsteilnehmer uneingeschränkt.

Beate Ney-Janßen, Evangelische Zeitung

Das Gespräch auf NDR Info

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Im Refektorium des Klosters. Bild: Jens Schulze

Die Diskussion im Kloster Loccum wird am Montag, 26. August, um 20.30 Uhr, auf NDR Info übertragen.