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Bild: Jens Schulze

Am roten Tisch: Zukunft der Kirche

Tagesthema 23. August 2013

Kirche und Menschen

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Im Kamerablick. Bild: Jens Schulze

Kirchentage sind Großereignisse, zu Pilgerreisen erscheinen Bestseller. Zugleich beklagen die christlichen Kirchen Mitgliederschwund und leere Gotteshäuser. Gehen kirchliche Angebote an den Menschen vorbei? Darf Glaube guttun, sollten Gottesdienste überraschend und freudvoll sein – oder glaubensstreng? Und brauchen Menschen die Kirche überhaupt noch, um ihren Glauben zu leben?

Glaube brauche Gemeinschaft, sagt die Luther-Botschafterin und frühere Bischöfin Margot Käßmann. Die Kirche dürfe nicht nur auf Mitgliederzahlen schielen, sondern müsse sich selbst treu bleiben. Frido Mann, Theologe, Psychologe und Enkel von Thomas Mann, findet hingegen, es sei anmaßend, wenn die Kirchen ihre Offenbarungen als einzig rechtmäßige Heilswahrheiten verbreiteten.

Wer’s glaubt, wird selig? – Die Institution Kirche auf der Suche nach einer neuen Standortbestimmung

Pro: Religion muss sich der Vernunft stellen

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Margot Käßmann. Bild: Jens Schulze

Die Kirche hat kein Monopol auf Glaubensvermittlung, sie ist für Evangelische im theologischen Sinne nicht heilsnotwendig. Aber purer Individualismus ist nicht die Alternative. Denn Christentum gründet sich auf die Gemeinschaft der Gläubigen, und diese Gemeinschaft braucht eine Form, eine Ordnung. Sie muss auch Kompromisse suchen. Ich kann natürlich allein im Wald singen, „großer Gott, wir loben dich“. Aber es heißt immer noch: „wir“!

Viele Menschen stellen sich heute ihre Religiosität, ihren Glauben individuell zusammen. Eine diffuse Religion aber schafft diffuse Antworten. Mir liegt an konkreter und gebildeter Religion, die sich der Vernunft stellen kann. Das ist die Grundlage dafür, Fundamentalismus abzuwehren.

In den USA hat jeder Zweite, der sich Pfarrer nennt, keine theologische Ausbildung erfahren. Und wenn es dann schiefgeht mit dem Pfarrer, der in keine Organisation eingebunden ist, fehlt die Aufsichtsinstanz. Man mag die Bürokratie eines Landeskirchenamtes beklagen, aber sie schafft eben auch einen verbindlichen Rahmen.

Das Interesse an Religion ist so groß wie kaum zuvor. Dennoch verlieren die christlichen Kirchen weiter Mitglieder. Es ist schade um jede und jeden, die und der geht. Doch es geht zuallererst um Verkündigung und Seelsorge, erst in zweiter Linie um Finanzen und Mitgliederzahlen. Kirchen sind keine Wirtschaftsunternehmen, die auf hohe Umsätze schielen. Glaubwürdigkeit ist das zentrale Gut.

Gelegentlich wird der evangelischen Kirche eine Anpassung an den Zeitgeist vorgeworfen. Das ist Unfug. Erst mehr als vierhundert Jahre nach der Reformation wurden die ersten Frauen als Pfarrerinnen ordiniert. Darin liegt aber weder Beliebigkeit noch Anpassung an die Neuzeit, sondern gerade eine Rückbesinnung auf Luther, wonach „jeder, der aus der Taufe gekrochen ist, bereits Priester, Bischof und Papst ist“. Nach reformatorischem Verständnis steht Frauen daher jedes Amt in der Kirche offen.

Eine Rückkehr zu den Wurzeln kann zu überraschenden Antworten führen, wie sie etwa die aktuelle EKD-Denkschrift zur Familie gibt. Es ist nämlich keineswegs so, dass die Bibel nur die klassische Ehe zwischen Mann und Frau kennt. In der Bibel gibt es eine ganze Reihe von Regenbogenfamilien wie die von Abraham oder Jakob. Entscheidend in Beziehungen sind weiterhin die alten Werte wie Vertrauen, Verantwortung, Verbindlichkeit und Verlässlichkeit. 

Margot Käßmann ist Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017

Contra: Kirche verliert an Glaubwürdigkeit

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Frido Mann, Theologe und Psychologe. Bild: Jens Schulze  

Die Kirche hat keine Zukunft, wenn sie weiter so viel an Glaubwürdigkeit verspielt. Dies sehe ich besonders für die katholische Kirche so, die ich aus Enttäuschung über den vorigen Papst und seine Haltung gegenüber den Pius-Brüdern verlassen habe. Aber auch die evangelische Kirche hat ein Problem mit der Glaubwürdigkeit. 

Die christlichen Kirchen beanspruchen für sich, dass ihre Offenbarung die einzig rechtmäßige Heilswahrheit enthält. Diese hat den Menschen in seinem Innersten zu ergreifen und den Sinn zu geben, der sein Leben entsprechend verändert. Schon während meines Theologie-Studiums konnte ich dieses enge Verständnis von Offenbarung schwer in Einklang bringen mit meiner Sicht vom Menschen als lebendigem und vernünftigem Wesen. Ich halte es für fatal, biblische Wahrheiten für unumstößlich zu halten. Der Begriff des Unumstößlichen gehört ins Mittelalter.
Die evangelische Kirche hat mit Luther ein ernstes Problem – sein Leitsatz ist ja, allein die Schrift zähle. Die moderne Theologie aber hat immer mehr Zweifel angemeldet an der Authentizität einzelner Bibelstellen. Da wurde die Bibel so zerpflückt, dass das Vaterunser bleibt, die Bergpredigt und ein paar Gleichnisse.Es ist schon fast eine Tragödie, dass dieses lutherische Verständnis, gepaart mit der Bibelauslegung des 20. Jahrhunderts, zu einem immer stärkeren Substanzverlust des christlichen Glaubens geführt hat.

Die Achterbahnfahrt der Religionen durch die Jahrtausende hat die bösartigen Schwächen menschlichen Denkens und Handelns oft in den krassesten Farben aufgezeigt. Natürlich haben sich Christinnen und Christen immer wieder für Schwache und Verfolgte eingesetzt. Auch mein Großvater Thomas Mann konnte dank der Hilfe von christlichen Netzwerken aus Europa in die USA fliehen, wo ich geboren und nach seinem Wunsch getauft wurde. Doch die Gesamtbilanz der christlichen Kirchen bleibt angesichts von religiöser Intoleranz, von Kreuzzügen und Hexenverbrennungen negativ.

Vielleicht hat die Kirche noch eine Chance – wenn sie Regionalisierung zulässt, wenn sich ein Gemeindeleben unabhängig von Hierarchien entwickeln kann. Die Kirche muss sich der Relativität ihrer Lehre bewusst sein. Darin liegt auch eine Anstrengung für die Gläubigen selbst. Denn die Grundentscheidung für oder gegen ein dialogisch offenes Bemühen um Sinnfindung fällt nicht vom Himmel.

Der Theologe und Psychologe Frido Mann promovierte zu Luther und schrieb das Buch „Das Versagen der Religion“

Das glauben die Deutschen

Mit 81 Prozent glauben die meisten Deutschen einer emnid-Umfrage zufolge daran, dass Jesus gelebt hat. Während 56 Prozent ihn auch als Gottes Sohn ansehen, glauben nur noch 43 Prozent, dass er auch von den Toten auferstanden ist, teilte die Redaktion der evangelischen Fernseh-Talkshow "Tacheles" am Mittwoch in Hannover mit. Lediglich 39 Prozent könnten sich vorstellen, dass Jesus auch Blinde und Gelähmte geheilt haben soll.

Für die repräsentative Umfrage befragte das Bielefelder Demoskopie-Institut emnid bundesweit 502 Personen über 14 Jahre. Auftraggeber waren die Evangelische Kirche im NDR und die in Hannover und Hamburg erscheinende "Evangelische Zeitung".

Bei der Umfrage habe es deutliche Ost-West-Unterschiede gegeben, hieß es. In den neuen Bundesländern seien demnach nur 70 Prozent davon überzeugt, dass Jesus überhaupt gelebt hat. An die Auferstehung glaube mit 32 Prozent nicht einmal jeder Dritte. Dabei hätten die Frauen deutlich bibeltreuer als die Männer geantwortet. 63 Prozent sähen Jesus als Gottes Sohn, aber nur 49 Prozent der Männer.

 

epd

Hat die Kirche noch Zukunft?

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Für den richtigen Ton sorgen. Bild: Jens Schulze

Darüber diskutierten Margot Käßmann, Frido Mann,  Eckart von Hirschhausen und Spiegel-Autor Jan Fleischhauer in der hannoverschen Marktkirche.

Phoenix strahlt die Debatte voraussichtlich am

Sonntag, 8. und 15. September, um 24 Uhr sowie am Sonntag, 29. September, um 17 Uhr aus.

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