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Martin Luther - ein Vorbild?

Tagesthema 21. August 2013

Der Historiker Hartmut Lehmann wünscht sich eine intensive Auseinandersetzung mit Luther

Die Frage, ob Martin Luther auch heute noch ein Vorbild ist, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder einem eindeutigen Nein beantworten. Dazu einige Beispiele. Notwendig ist es zunächst, die Ausgangslage der 2017 anstehenden Feierlichkeiten in den Blick zu nehmen, das heisst den 31. Oktober 1517. Wie ist der Luther, der die 95 Thesen verfasste, zu charakterisieren? Welche Ziele verfolgte er?

Hier gilt es, daran zu erinnern, dass Luther die Thesen zwei Briefen anfügte, die er an seine kirchlichen Oberen schickte, als Beilage – als theologische Begründung für sein kirchenpolitisches Anliegen. Er hat die Thesen am 31. Oktober 1517 nicht „veröffentlicht“, wie neuerdings immer wieder zu hören ist. Dafür, dass er die Thesen an jenem Tag an die Tür der Wittenberger Schlosskirche anschlug, gibt es kaum belastbare Nachweise. Was war der Inhalt der Briefe und der Thesen? Seine kirchlichen Oberen sollten dafür sorgen, dass dem Dominikanerprediger Tetzel, der Ablassbriefe verkaufte und den Käufern den Erlass ihrer Sünden und damit ihr Seelenheil versprach, das Handwerk gelegt wird. Tetzels Vorgehen sei, so Luther, ein Skandal.

Der Augustinermönch und Theologieprofessor Luther, der so argumentierte, ist als gutes und treues Kind seiner Kirche zu charakterisieren. Gewiss, er wollte Reformen, er wollte aber nicht den Bruch mit seiner Kirche, keine neue Kirche. Er war, kurz gefasst, ein Reformkatholik – und in dieser Eigenschaft ist er seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch für viele Katholiken zum Vorbild geworden.

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Hartmut Lehmann

Als Reaktion auf drängende Fragen seiner Zeit entstanden die klassischen reformatorischen Texte, die auch heute noch lesenswert sind. Zu konstatieren ist jedoch auch, dass sich Luther, je älter er wurde, immer wieder im Ton vergriff und gegen seine tatsächlichen oder vermeintlichen Gegner Formulierungen verwendete, die heute nur noch als schwere, unentschuldbare Entgleisungen anzusehen sind. Im Papst sah er den Antichristen, an den Täufern liess er kein gutes Haar, gegen Erasmus fuhr er schwere verbale Geschütze auf, die Fürsten forderte er 1525 auf, die aufständischen Bauern zu vernichten, die Türken waren für ihn Bundesgenossen des Teufels, die Juden, die sich der Reformation nicht anschlossen, galt es seiner Ansicht nach aus Deutschland zu vertreiben.

Gewiss: Luther brachte umstrittene theologische Fragen in seinen reformatorischen Schriften sowie im Kleinen und im Grossen Katechismus überzeugend auf den Punkt und schuf damit für die protestantischen Kirchen eine feste Glaubensbasis. Ebenso verdanken wir ihm wunderbare Lieder und die beste Übersetzung der biblischen Bücher ins Deutsche, die jemals gemacht wurde. Warum aber diese Intoleranz gegen Andersdenkende, warum die Hasstiraden?

Luther – ein Vorbild? Die Erinnerung an den Beginn der Reformation ist 2017 ein ausgezeichneter Anlass, um sich möglichst intensiv mit den unterschiedlichen Schriften dieses ungewöhnlich einflussreichen Mannes und mit dem historischen Kontext, in dem er wirkte, zu beschäftigen. Dies sollte aber nicht allein in zentralen Veranstaltungen geschehen, sondern möglichst in allen lokalen Kirchengemeinden. Geschieht dies, kann jeder einzelne protestantische Christ entscheiden, ob Luther für ihn ein Vorbild ist.

Hartmut Lehmann war einer der beiden Direktoren des Max-Planck- Instituts für Geschichte in Götttingen und wirkte als Honorarprofessor unter anderem an den Universitäten Kiel und Göttingen

Fürchtet Gott, ehrt den König

Mit dem Themenjahr „Reformation und Politik“ beginnt die zweite Halbzeit der Lutherdekade. Die Vorbereitungen auf das Reformationsjubiläum 2017 nehmen Gestalt an. Von Anfang an hat die Reformation auch politisch gewirkt. Martin Luther und die anderen Reformatoren bestimmten den Charakter und die Aufgaben von politischer Gewalt und Kirche neu und konnten auf diesem Weg ihr Verhältnis grundstürzend erneuern. Ihre Einsichten haben kulturelle Spuren hinterlassen, die bis heute gesellschaftliche Relevanz entfalten: ein Verständnis von Bildung als staatlicher Aufgabe, eine Neubewertung der Rechtsstellung der Frau und vieles mehr.

Mehr über das Themenjahr „Reformation und Politik"

„Darf“ ein Lutheraner überhaupt Vorbilder haben?

Nur Gott hat keine Vorbilder. Er hat nur Nachbilder – „lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei“, lässt der Verfasser des ersten Schöpfungsberichtes (1. Mose 1,26) ihn sagen. Dennoch würde aber niemand sagen, dass er sich Gott zum Vorbild nimmt. Dass wir vollkommen sein sollen, „wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“, ist eine Aufforderung dazu, den Feind zu lieben wie Gott das tut, der es schließlich auch „regnen läßt über Gerechte und Ungerechte“ (Matthäus 5,45 und 48). Unser Handeln kann gelegentlich das Handeln Gottes widerspiegeln. Aber sein Wollen wie Gott – das ist eine Versuchung, die nach dem zweiten Schöpfungsbericht die Ursünde ist – wie Luther sagt: Die Sünde besteht darin, dass der Mensch nicht will, dass Gott Gott ist, sondern er will selbst Gott sein.

Wir haben Vorbilder. Nicht Gott haben wir zum Vorbild, sondern Menschen, die uns gleich sind, weil sie denselben Abstand zu Gott haben wie wir. Sie sind unvollkommen, fehlerhaft, nur in einzelnen Momenten, Taten, Charakterzügen spiegeln sie das Urbild ab. Aber sie sind es nicht, dieses Urbild.

Den ganzen Bericht von Notger Slenczka lesen, beim Schwerpunktthema der Evangelischen Zeitung