2013_08_21

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Erfüllt mit großer Sorge

Tagesthema 20. August 2013

„Dem Teufelskreis der Gewalt Einhalt gebieten“

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Nikolaus Schneider. Bild: epd-Bild / Norbert Neetz

Anlässlich der gewalttätigen Auseinandersetzungen in Ägypten erklärte der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, in Hannover:

„Die Lage in Ägypten erfüllt mich mit großer Sorge. Täglich erreichen uns erschreckende Bilder und Nachrichten von blutigen Auseinandersetzungen. In dieser Spirale von Gewalt und Gegengewalt werden auch unsere christlichen Glaubensgeschwister und christliche Einrichtungen zunehmend bedroht. Wir rufen alle Verantwortlichen dazu auf, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen. Unversöhnlichkeit und gewaltsame Unterwerfung des politischen Gegners führen nicht zu einer Gesellschaft, in der Menschen in Frieden zusammenleben. Dabei nehme ich dankbar zur Kenntnis, dass sich viele Muslime und Christen für Gewaltlosigkeit und Verständigung einsetzen.

Ich wünsche den Menschen Erfolg, die für ein demokratisch und zivil regiertes Ägypten eintreten. Zu einer solchen Gesellschaft gehört es, dass die verschiedenen Religionen nicht nur geduldet werden, sondern an der Gestaltung des Gemeinwesens gleichberechtigt mitwirken können. Die klare Trennung von Staatswesen und Religion bei gleichzeitiger Möglichkeit zu Kooperation ist nach unseren Erfahrungen ein Weg zum friedlichen Zusammenleben.

Ich bete darum, dass sich in Ägypten die Kräfte des Friedens, des Ausgleichs und der Versöhnung durchsetzen. Gott stärke und bewahre unsere christlichen Geschwister, die dort jetzt in Bedrängnis sind und mache sie zu Werkzeugen seines Friedens!“

Menschenrechtler: Christen am Nil sind lohnendes Angriffsziel

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Den Christen in Ägypten könnte die große internationale Aufmerksamkeit zum Verhängnis werden: Nach Einschätzung der Gesellschaft für bedrohte Völker greifen Islamisten die christliche Minderheit der Kopten gezielt an, um dem Ansehen der Militärregierung im Ausland zu schaden. "Die Lage der Christen wird international stark wahrgenommen, deshalb sind sie ein lohnendes Angriffsziel", sagte der Afrika-Referent der Organisation, Ulrich Delius, am Montag in Göttingen dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dass in den vergangenen Tagen an rund 40 verschiedenen Plätzen beinahe gleichzeitig Anschläge gegen Christen verübt wurden, sei kein Zufall: "Dahinter steckt Strategie."

Befeuert hätten die Kopten den Hass der Islamisten durch ihre ablehnende Haltung gegen die Regierung der Muslimbrüder und den vom Militär gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi. Dennoch seien die Rachegelüste der Islamisten gegen die christliche Minderheit nur schwer nachzuvollziehen, sagte Delius: "Auch die Kopten haben unter dem Militär gelitten."

Angesichts der aktuellen Gewaltwelle gegen Christen sprach der Experte von einer "pogromähnlichen Stimmung". Seit der brutalen Räumung der Protestcamps von Anhängern des Ex-Präsidenten Mursi durch das Militärregime in der vergangenen Woche seien bei Angriffen mutmaßlicher Islamisten 38 Kirchen zerstört und weitere 23 Gotteshäuser massiv beschädigt worden. Auch andere Einrichtungen der Kirche würden zur Zielscheibe.

Die Zukunft der ältesten christlichen Kirche im Nahen Osten sei ungewiss, sagte Delius. Zahlreiche junge Kopten verließen bereits das Land, vor allem in Richtung USA und Kanada, wo es große koptische Gemeinden gibt. "Hoffnung macht uns die Tatsache, dass es viele Muslime in Ägypten gibt, die Christen unterstützen." Sogar Imame hätten in den vergangenen Tagen zum Schutz der Kopten aufgerufen.

epd-Gespräch: Ellen Nebel

Amnesty fordert Ende des Blutvergießens in Ägypten

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Nofretete-Masken als Protest gegen die Gewalt in Ägypten. Bild: epd-Bild

Mit Nofretete-Masken haben am Montag Vertreter von Amnesty International vor der ägyptischen Botschaft in Berlin gegen die Gewalt am Nil demonstriert. Die rund 20 Aktivisten, darunter die Generalsekretärin der deutschen Amnesty-Sektion, Selmin Caliskan, forderten ein Ende des Blutvergießens und eine sofortige und umfassende Aufklärung der exzessiven Gewalt durch Sicherheitskräfte. An den ägyptischen Botschafter übergaben sie eine entsprechende Unterschriftenliste.

Zuvor hatten bereits auf einer Amnesty-Konferenz 450 Delegierte aus 80 Ländern mit den Nofretete-Masken gegen die ägyptische Polizei- und Militärgewalt protestiert. In Berlin findet gerade die Internationalen Ratstagung von Amnesty statt. „Wir verurteilen diese Gewalt aufs Schärfste“, betonte die deutsche Generalsekretärin Caliskan: „Wir appellieren an alle Seiten, keine weitere Gewalt anzuwenden und umgehend zu friedlichen Verhandlungen zusammen zu kommen.“

Der Generalsekretär der internationalen Amnesty-Sektion, Salil Shetty, forderte, die Verantwortlichen der Gewaltexzesse zur Rechenschaft zu ziehen. Die von Amnesty dokumentierten Menschenrechtsverletzungen der Mursi-Anhänger dürften nicht als Vorwand genutzt werden, um gegen alle Mitglieder der Muslimbruderschaften vorzugehen und keinen Unterschied zwischen gewaltbereiten und friedlichen Demonstranten zu machen, kritisierte Shetty.

Amnesty International hatte am Wochenende ein Bericht über die Gewaltexzesse veröffentlicht. Ein Amnesty-Team hatte in der vergangenen Wochen zahlreiche Krankenhäuser und Leichenhallen in Kairo besucht. Berichte durch das Personal belegten, dass häufig Schüsse gezielt auf Kopf und Brust abgegeben wurden, hieß es.

Das Internationale Ratstagung ist das höchste beschlussfassende Gremium vom Amnesty auf internationaler Ebene und entscheidet alle zwei Jahre über die politische Ausrichtung der Menschenrechtsorganisation.

epd