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Ein Bild der Ausstellung. Bild: Michael Eberstein / Evangelische Zeitung

 

Wunden der Welt

Tagesthema 16. August 2013

Wenn Augenblicke zu Ikonen werden

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Washington, 1967. Bild: Marc Riboud / Magnum Photos.  

Er war zur rechten Zeit am rechten Ort: Als Marc Riboud 1967 vor dem Pentagon in Washington mit seiner Kamera den jungen Männern und Frauen folgte, die gegen den Krieg in Vietnam protestieren wollten, ahnte er nicht, dass ihm eines der bewegendsten Fotos der Geschichte gelingen sollte. Er erfasste den Moment, in dem sich Jan-Rose Kasmir aus der Gruppe löste und sich mit einer Blume in der Hand den aufgepflanzten Bajonetten entgegenstellte. Ein trauriges Bild, das die mächtigste Armee der Welt da von sich gab, befand der Fotograf später.

Gezeigt wird auch das wohl bekannteste Kriegs-Foto, der sterbende Kämpfer im spanischen Bürgerkrieg, aufgenommen von Robert Capa. Es zeigt den 22-jährigen Milizionär Federico Borrell Carcia an der Front bei Cordoba in dem Augenblick, als ihn eine tödliche Kugel trifft. Dieses Foto lässt die Besucher im Friedenszentrum immer noch minutenlang verharren.

Magnum Photos schickt sein Archiv zum ersten Mal in Form einer pädagogischen Ausstellung auf Reisen: „Wunden der Welt“ zeigt 53 der wichtigsten Magnum-Arbeiten aus sechs Jahrzehnten Kriegs- und Krisen­fotografie. Die Geschichten hinter den Bildern haben Absolventen der Zeitenspiegel-Reportageschule in Reutlingen aufgeschrieben.

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Nordirland, 1973. Bild: Philip Jones Griffiths / Magnum Photos.  

Unabhängig wollten sie sein, nur der Wahrheit verpflichtet: 1947 gründeten Robert Capa, George Rodger, David Seymour und Henri Cartier-Bresson die Agentur Magnum Photos. Bis heute steht dieser Name für das Streben, die Wirklichkeit mit der Kamera zu erfassen und zu verstehen. Ob in Vietnam, Ruanda oder Irak, ob in Beirut, Sarajewo oder Kairo: Magnum-Fotografen waren und sind Augenzeugen der Umbrüche, der „Wunden der Welt“, so Henri Cartier-Bresson. Nicht selten definieren ihre Aufnahmen die Erinnerung an die jüngere Geschichte.

Diese Fotos zeigen nicht den Krieg, sondern seine Folgen

Oberflächlichkeit kann keinem dieser Fotos vorgeworfen werden – im Gegenteil: Es sind Bilder, die hinter das Kriegsgeschehen blicken, die seine Folgen aufzeigen. Es sind eben nicht die üblichen Kriegsillustrationen – Freiheitskämpfer mit Maschinenpistolen, blutbesudelte Soldaten oder Aufständische, brennende Panzerfahrzeuge. Die Magnum-Fotografen richten ihren Blick und ihre Objektive auf die Menschen, die unter den Kriegen leiden, genauso wie auf die Menschen, denen das Schicksal anderer offenbar völlig egal ist.

So etwa Thomas Hoepker, der am 11. September 2011 versucht, so nah wie möglich an die brennenden und einstürzenden Türme des World Trade Centers heranzukommen, und auf der gegenüberliegenden Seite des Hudson Rivers eine Gruppe junger Menschen ablichtet, die vor der Kulisse der rauchenden Twin Towers fröhlich picknicken.

Es wird beim Betrachten der Fotos deutlich, dass sich die Fotografen mal als unbeeinflussbare Dokumentare betrachten, die mit ihren Bildern nicht das Geschehen kommentieren wollen, sondern nur die Folgen darstellen, mal aber auch sich zu Fürsprechern der Geschundenen machen, um mit ihren Fotos zu Untaten von Dikatoren oder Gräueltaten marodierender Truppen Stellung beziehen. Das Foto von Thomas Hoepker etwa löste in den USA eine Diskussion aus: Sind die Fotografierten wirklich gefühlskalt? Hoepker stellte sich aber auch selbst die Frage, wie er als fotografierender Beobachter ausgesehen habe. „Ich erinnere mich nur, ich war unter Schock, durcheinander, verängstigt, orientierungslos gerührt und bemüht, gute Fotos zu machen.“ 

Die Ausstellung zeigt Fotos von den Magnum-Fotografen Abbas, Micha Bar-Am, Bruno Barbey, Werner Bischof, René Burri, Robert Capa, Raymond Depardon, Thomas Dworzak, Cristina Garcia Rodero, Jean Gaumy, Burt Glinn, Philip Jones Griffiths, Thomas Hoepker, Josef Koudelka, Alex Majoli, Peter Marlow, Steve McCurry, Susan Meiselas, Paolo Pellegrin, Mark Power, Mark Riboud, Moises Saman, David ‘Chim’ Seymour, Kryn Taconis, Larry Towell, Peter Van Agtmael und Alex Webb.

Der Katalog beinhaltet alle gezeigten Fotografien, dazu Texte und Fotos zu Fotografen und zu den dargestellten Konflikten. Essays beleuchten Geschichte, Wirkung und Funktion der Kriegsfotografie sowie das Rollenverständnis der Magnum-Fotografen.

Von Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Die Ausstellung „Wunden der Welt“ ist zu sehen im

  • Felix-Nussbaum-Haus (Kulturgeschichtliches Museum), Lotter Straße 2, Osnabrück
    Dienstag bis Mittwoch und Freitag von 11 bis 18 Uhr
    Donnerstag bis 20 Uhr
    Sonnabend und Sonntag von 10 bis 18 Uhr

und im 

  • Maria-Remarque-Friedenszentrum, Markt 6, Osnabrück,
    Dienstag bis Freitag von 10 bis 13 Uhr und 15 bis 17 Uhr,
    Sonnabend und Sonntag von 11 bis 17 Uhr

Der Ausstellungskatalog

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Der Ausstellungskatalog

Die Ausstellung wird von einem Katalog begleitet, in dem alle gezeigten Fotografien abgedruckt sind. Texte zu Fotos, Fotografen und Konflikten betten die Bilder in ihren Kontext ein. Essays beleuchten die Dialektik der Kriegsberichterstattung, die Geschichte, Wirkung und Funktion der Kriegsfotografie sowie das Selbstverständnis der MAGNUM-Fotografen. 

Mehr über die Ausstellung und die Möglichkeit, den Katalog zu bestellen