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Bild: Elisabeth Patza / pixelio.de

Nein sagen ist erlaubt

Tagesthema 14. August 2013

Plädoyer für ein „echtes“ Amen der Gemeinde

„So sicher wie das Amen in der Kirche“ – für unseren Autor enthält dieser Satz eine bittere Botschaft über den inneren Zustand der Kirche. Er möchte das Amen des Pastors am Ende einer Predigt abschaffen und damit den Gläubigen ihr eigenes Urteil in Glaubensdingen ermöglichen. Denn Glaubensüberlieferungen sind kritikwürdig.

Wer Kritik übt, mischt sich in Zusammenhänge ein, die eine unterschiedliche Beurteilung erlauben. Demokratien verdienen diesen Namen nur, wenn sie alle Bereiche des Lebens als kritikwürdig verstehen und keine Bereiche gegen eine Kritik der Bürger abschotten. Dasselbe gilt aber auch für Kirchen. Nirgends zeigt sich das besser als darin, dass die christliche Bibel ein interreligiöser Kanon von Juden und Christen ist, und dass im Neuen Testament vier Evangelien enthalten sind. Ihr Nebeneinander legitimiert, dass es damals wie heute unterschiedliche Möglichkeiten gibt, Jesus und Gott zu verstehen, und dass jede kritikwürdig ist.

Das Wort „kritikwürdig“ sagt klar, dass Kritik zu erhalten, dem Leben dient: Wer Kritik übt, nimmt die Gedanken anderer ernst und müht sich mit ihnen ab (sofern er sie nicht vernichten will). Und wenn er von anderen Denkvoraussetzungen ausgeht als der Kritisierte, kommt er folgerichtig auch zu einer anderen Sicht des behandelten Problems.

Das aber heißt im Kern: Wer Kritik zulässt und sich durch Kritik gewürdigt fühlt, gesteht anderen zu, dass sie von anderen Denkvoraussetzungen ausgehen als er selbst. Das erst ist die eigentliche Basis von Demokratien und anderen Gemeinschaften, die die Menschenwürde achten.

Man gesteht einander zu, die Denk- und Lebenswege selbst wählen und gestalten zu können. Man erwartet von einander aber auch, dass alle das Gemeinwohl im Blick haben und dazu ihren Beitrag leisten. Alle dürfen nicht nur, sondern sollen das Niveau der gemeinsamen Kultur in konstruktiver Kritik mit eigenen Denk- und Glaubenssätzen anheben.

Kritik kommt vom griechischen Wort (dia)krinein „beurteilen“. Im 1. Korintherbrief hat Paulus die Gemeinde beauftragt, aus eigener Glaubenskraft im Gottesdienst das zu „beurteilen“, was ihnen von den „Propheten“ – heute würden wir sagen: Pfarrern – gesagt wird (14,29). Sie sollte, wie wir aus anderen Texten wissen, ihre Zustimmung durch ihr „Amen“ ausdrücken. Konnte sie nicht zustimmen, sollte die Gemeinde das „Amen“ verweigern. Dann musste ein Konsens gesucht werden, oder der Prophet musste die Gemeinde verlassen.

Kaum etwas kennzeichnet den inneren Zustand unserer Kirchen heute so deutlich wie der Umgang der Pfarrer und Priester mit dem „Amen“ im Gottesdienst: Sie haben es, gerade am Ende ihrer Predigten, den Gemeinden weggenommen und sprechen es selbst! Das heißt sie behalten sich in Glaubensdingen allein das Urteilsvermögen vor und sprechen es den Gemeinden ab. Damit nichts schief geht, regelt die Liturgie, wann die Gemeinde Amen sagen muss. So demonstrieren die Pfarrer ihre Macht – und zugleich ihre Angst, als unglaubwürdig kritisiert zu werden.

Kritik, die aufdeckte, wie tief der Graben zwischen der Glaubenslehre und der Glaubenswirklichkeit – bei der Mehrheit der Kirchenmitglieder wie in der Pfarerrschaft – längst ist, ist nicht erwünscht. Deshalb können die kritikfreien Standard-Gottesdienste und -Messen keine Basis mehr für eine lebendige Kirche schaffen. Sie sind Orte rechtgläubiger Selbstinszenierung und repressiver Selbstanklagen geworden („Wir haben zu wenig geglaubt, geliebt, gehofft“).

Erst wenn in der Kirche auch Glaubensüberlieferungen wieder als kritikwürdig angesehen werden, kann sich mit dem Niedergang der Kirchen eine neue Chance verbinden – durch eine radikale Glaubensreform. Deshalb beende ich seit Jahren meine Predigten mit dem Satz: „Und wer meiner Predigt zustimmen möchte, kann jetzt Amen sagen.“ Es gibt fast immer welche, die das Amen verweigern, und also Anlass, (später) darüber zu reden.

Klaus-Peter Jörns war Pfarrer und Professor für Praktische Theologie. 2012 hat er mit Hubertus Halbfas die „Gesellschaft für eine Glaubensreform“ gegründet.

Das Sich-selbst-Hinterfragen ist nicht immer positiv

Mit der Kritik ist das so eine Sache: Selten ist sie angenehm für den Empfänger, mag sie auch noch so „gut gemeint“ gewesen sein.

Und wie steht es um unsere Selbstkritik? Ist das Sich-selbst-Hinterfragen tatsächlich immer positiv? Tom Diesbrock, Psychologe, Coach und Autor aus Hamburg, sagt Nein. Der innere Kritiker sei oftmals unser größter Gegner. Bei Diesbrock heißt dieser innere Kritiker „Hermann“. Über den klugen Umgang mit diesem miesepetrigen Gesellen sprach er mit der „Evangelischen Zeitung“.

Evangelische Zeitung: Herr Diesbrock, warum haben Sie den inneren Kritiker „Hermann“ genannt?

Tom Diesbrock: Auf die Idee für das Buch bin ich vor einigen Jahren beim Wandern auf dem Jakobsweg gestoßen. Damals hatte ich einen schlechten Tag und fand, ich müsste (das) intensiver genießen, mir tiefere Gedanken machen, mehr bei mir sein. Für diese nörgelnde innere Stimme fiel mir als Name spontan „Hermann“ ein.

Und wie tickt Hermann so?

Hermann ist streng, ziemlich unfair und (erst mal) immer sehr negativ. Er kritisiert nie andere, nur einen selber. Hermann kann alles an mir nur schwarz-weiß sehen, denn er ist ein Schatten unserer Kindheit.

Lesen Sie das ganze Interview auf ez-online

Wie viel Kritik verträgt die Kirche?

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Johanna Haberer

Nicht erst die hitzige Debatte um das jüngste Familienpapier der EKD hat gezeigt, dass kritische Diskussionen um Inhalte in der protestantischen Kirche bisweilen erstaunlich ungeübt wirken. Die Publizistin und Theologin Johanna Haberer bricht eine Lanze für die Mehrstimmigkeit der Kirche.

Hebammenkunst“ nannte man im antiken Griechenland, die Kunst in Rede und Gegenrede Gedanken so lange weiterzutreiben, bis eine Idee, eine Einsicht oder eine Weisheit geboren wurde. Man war sich in der ersten Demokratie der Welt - an der vor allem wohlhabende Männer teilhaben durften - einig, dass eine solche Kultur des Gesprächs und der Kritik eines offenen, freien Gesprächsraumes bedurfte, sowie die gleichen Rechte für alle Teilnehmer. Und man war sich ebenso einig, dass diese Methode zu den besten Resultaten für die Gemeinschaft führte.

Am Anfang haben sich auch die christlichen Gemeinden daran gehalten, miteinander zu sprechen statt übereinander, gleichberechtigt zu debattieren, statt einem Oberen zu gehorchen, sich im Notfall über den rechten Weg auch kräftig zu streiten. So ist zum Beispiel der ganz entscheidende Schritt des Christentums zur Weltreligion erbittert zwischen Petrus und Paulus ausgefochten worden. Brandbriefe wurden zwischen Jerusalem und Galatien hin und her geschickt, bis schließlich alle Leiter der Urgemeinden sich zum sogenannten Apostelkonzil trafen, um für alle Zeiten zu vereinbaren, dass nicht erst Jude werden muss, wer Christ werden will. Rund fünfzehn Jahre nach Jesu Tod machten die Christen mit diesem Konzil den Schritt von der jüdischen Sekte zur Weltreligion. Eine Entscheidung, die in einem leidenschaftlichen Konflikt errungen wurde, aber schließlich mit einem einvernehmlichen und produktiven Ergebnis endete.

Obwohl an der Wiege des Christentums ein handfester Konflikt stand, meiden wir Christen in jüngster Zeit gerne den offenen Schlagabtausch. Dabei verdankt die evangelische Kirche ihre Existenz einem gigantischen Streit, der vor den Augen der abendländischen Öffentlichkeit ausgetragen wurde. Zur Disputation über den Ablass lud der gelehrte Mönch Martin Luther am 31. Oktober 1517 ein. Und er konnte nicht ahnen, dass diese Einladung zum Streit Hierarchien stürzen und die Welt verändern würde. Wir alle – so Luther – sollten gleichberechtigt teilhaben an der Deutung des Evangeliums, der Suche nach dem Heil und nach dem richtigen Weg für Kirche und Gesellschaft: Männer und Frauen, Mächtige und Ohnmächtige, Priester und die sogenannten Laien.

Man könnte sagen, der engagierte Streit ist in den Gencode unserer Kirche eingeprägt. In welchen Spielarten von Familie wir leben, wie wir geboren werden und sterben wollen, wie wir in die Gesellschaft hineinwirken und was dabei Gottes Wille sei, das möchte kritisch diskutiert und hart erstritten sein. Die Vielstimmigkeit und die permanente Debatte machen unsere Gemeinden und Kirchen aus. Da sehnt man sich vielleicht ab und an nach dem bequemeren Weg, nach dem einstimmigen Votum, dem wegweisenden Wort von oben. Aber Einstimmigkeit kann auch Eintönigkeit bedeuten. Beides kommt nicht vor im Wörterbuch der Protestanten.

Johanna Haberer ist Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.