2012_11_23

Bild: Janko Woltersmann

Halbzeit im Jubiläumsjahr

Tagesthema 08. August 2013

Das Kloster Loccum ist normalerweise ein Ort der Stille und der Bildung. Doch zum 850-jährigen Bestehen erobern Touristen die ehemalige Zisterzienser-Abtei.

Mit Rucksack und Sonnenhut ins Kloster

Kloster_Loccum 09
Mit seinem halbkugelförmigen Zeltdach überspannt das Zelt für das Klostercafé den Platz zwischen Klosterteich und Pilgerherberge. Bild: epd-Bild / Nigel Treblin

Wie ein UFO wölbt es sich neben dem Kloster in die Höhe. Das Klostercafé, im Volksmund „Himmelszelt“ genannt, überspannt mit seinem halbkugelförmigen Kunststoffdach den Platz zwischen Klosterteich und Pilgerherberge. Und die Serviererinnen haben alle Hände voll zu tun, denn zum 850-jährigen Bestehen des Klosters Loccum strömen ungewohnte Besucherscharen in die sonst so stille ehemalige Zisterzienser-Abtei zwischen Weser und Steinhuder Meer. „Für uns ist das fast überwältigend“, sagt der Prior des Klosters, Arend de Vries.

Bereits rund 100.000 Besucher haben die Initiatoren gezählt, und sie sind zuversichtlich, das angestrebte Ziel von 150.000 Besuchern bald zu überschreiten. Vor allem Busreisende haben sich das Dorf in der niedersächsischen Provinz als Ausflugsziel ausgesucht: von Partei-Ortsvereinen über Freizeitclubs bis zu Kirchengruppen. Aber auch Einzeltouristen, Familien, Radfahrer oder Wanderer lockt das Kloster an. „Loccum ist als touristischer Ort neu entdeckt worden“, sagt de Vries, im Hauptberuf Vizepräsident des evangelischen Landeskirchenamtes in Hannover.

Kloster_Loccum 08
Die Stiftskirche in der Mittagssonne. Bild: Nigel Treblin / epd-Bild

Für sein Ehrenamt als Stellvertreter des Abtes in Loccum hat de Vries sich zehn Tage Urlaub genommen und Touristen durch die Klosteranlage geführt. Auch viele Menschen, die sonst eher wenig Verbindung zur Kirche haben, seien durch das Jubiläum neugierig geworden, erzählt er: „Für mich war es eine Herausforderung, die Kloster-Tradition in eine Sprache zu übertragen, die auch Kirchenferne verstehen.“

Das Kloster wurde 1163 von Zisterzienser-Mönchen aus Volkenroda in Thüringen gegründet. In guten Zeiten beteten und arbeiteten bis zu 180 Mönche in Loccum. Um 1600 ging der Konvent zum evangelischen Glauben über. Heute leben keine Mönche mehr hier, doch angehende Pastorinnen und Pastoren aus Niedersachsen und Bremen führen im Predigerseminar das klösterliche Leben auf andere Weise fort. Heute gilt Loccum als wichtiges geistliches Zentrum der hannoverschen Landeskirche, der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland.

Kloster_Loccum 06
Bis Ende Juli kamen bereits 100.000 Gäste in die ehemalige Zisterziener-Abtei. Das heute evangelische Kloster hofft, dass die angestrebte Zahl von 150.000 Besucher bald erreicht sein wird. Bild: epd-Bild / Nigel Treblin

Das machte auch Franz Hötte aus der Nähe von Köln neugierig. Auf dem Weg zur Ostsee haben er und seine Partnerin mit dem Wohnwagen einen Zwischenstopp in Loccum eingelegt. Im Kloster interessieren sie besonders die Kunstwerke. "Interessant, dass man hier in der Reformationszeit nicht viel zerschlagen hat", sagt Hötte. „Es gab ja auch Bilderstürmer.“

Mit Rucksack und Sonnenhut sind vier Frauen zu Fuß durch den Wald nach Loccum gepilgert. Roswitha Kranz aus Wunstorf und ihre drei Freundinnen haben es total erschöpft gerade noch auf den letzten Drücker zur Führung geschafft und schwärmen von der Natur: „Das Kloster liegt in einer wunderschönen Umgebung.“ Eine Gruppe von elf „Grünen Damen“ aus dem Kreiskrankenhaus Osterholz-Scharmbeck zeigt sich unterdessen beeindruckt von den Wandmalereien: „Toll, wie der Künstler die Szenen aus der Bibel in die Loccumer Gegend verlegt.“

Noch ist keine der insgesamt rund 600 geplanten Führungen ausgefallen. Manchmal nehmen nur sieben Gäste teil, manchmal sind es bis zu hundert, so dass die Gruppe geteilt werden muss. Für alle hat die „Klosterstube“ speziell entwickelte Souvenirs im Angebot: das Kloster als Holzpuzzle oder als Memory. Oder den neuen Sekt „Lucca Abtei“.

Von Michael Grau (epd)

Günter Grass: Im nächsten Leben Abt im Kloster

Grass-6
Günter Grass. Bild: Beate Ney-Janßen / Evangelische Zeitung

"Lieber Abt, wenn ich im nächsten Leben einen Wunsch freihätte, würde ich mich gern um das Amt des Abtes zu Loccum bewerben."

Eintrag von Literaturnobelpreisträger Günter Grass im Gästebuch des Klosters Loccum bei Nienburg. Der Schriftsteller war zu Gast zu einer Lesung anlässlich des 850-jährigen Bestehens der ehemaligen Zisterzienser-Abtei, die heute ein evangelisches Predigerseminar beherbergt.

epd

Wir sind evangelisch