2013_08_02

Bild: Helgi / photocase.com



 

Minigolf - mal anders

Tagesthema 01. August 2013

In Osterode am Harz laden behindertengerechte Minigolf-Bahnen zum Spielen ein. Der Platz unter dem Motto „Crazy Golf“ hält dabei so manche Herausforderung bereit: Ferngesteuerte Autos oder ein Seilzug helfen, den Ball ins Ziel zu bringen. 

Golfen ohne Grenzen

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Timo Kazmarek (36) auf dem Minigolf-Platz „Crazy Golf“. Eine Krücke dient ihm als Golfschläger. Bild: epd-bild / Hansjörg Hörseljau  

Geschickt lenkt Timo Kazmarek seinen Rollstuhl auf die Minigolfbahn. Von seinem Schoß nimmt der 36-Jährige eine zum Golfschläger umfunktionierte Gehhilfe. Seine volle Konzentration richtet sich auf den Abschlag und die Bahn vor ihm, auf der ein großer Holzsalamander sein Maul öffnet: Hier muss der Ball hinein. Mit dem „Crazy Golf“ der Harz-Weser-Werkstätten bietet die Harzer Kleinstadt Osterode seit einem Jahr bundesweit etwas Besonderes: Besucher mit und ohne Behinderungen spielen hier gemeinsam.

Mittels kleiner Rädchen an dem umgebauten Krückstock hat Kazmarek die Länge des Schlägers verkürzt und auch den Winkel eingestellt. Dann holt er aus und zirkelt den Ball genau ins Maul des Reptils. Der Ball verschwindet hinter den Zähnen, und Kazmarek grinst. Er kennt die Golfbahnen genau und zeigt das Versteck: „Hier geht es nicht um Schnelligkeit, sondern ums Mitdenken.“

Die Golfbahnen entstanden direkt neben einer Wohnstätte für Menschen mit geistiger Behinderung. Auf den ersten Blick erinnern sie an einen Abenteuerspielplatz: Da drehen sich Windmühlenflügel, eine riesige „Kaffeemaschine“ wirft Bälle in einen Becher, und eine Lore saust - von Fahrradpedalen angetrieben - aus einem Mini-Bergwerk. Besonders beliebt ist derzeit ein elektronischer Schneepflug, der den Ball per Fernbedienung ins Ziel steuert. Im vergangenen Jahr erhielten die Harzer den Mit-Mensch-Preis des Bundesverbandes evangelische Behindertenhilfe.

„Wir wollten etwas Einmaliges schaffen“, sagt Initiator Bernd Goltermann, Leiter der Harz-Weser-Werkstätten, die der Diakonie und der Lebenshilfe angeschlossen sind und Arbeitsplätze für mehr als 1.300 behinderte Menschen in Südniedersachsen bieten. „Es sind absolut verrückte Bahnen, die es weltweit so nicht gibt und so auch nicht mehr geben wird.“ Deshalb der Name „Crazy Golf“.

Timo Kazmarek ist mittlerweile zur nächsten Station gefahren und zieht den Golfball mit einer Seilbahn über einen Teich. Von der höchsten Stelle plumpst er durch ein Rohr wieder auf die Bahn. Immer führen unterschiedlich schwierige Wege zum Ziel. Allerdings sei oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen, wie die Stationen funktionieren, erzählt Goltermann: „Man soll sich ausprobieren.“

Kazmarek, der in einem Autohaus arbeitet, hat die Anlage nur durch Zufall entdeckt. Die Berührungsängste zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen seien oft noch groß. „Bisher hat sich noch keiner meiner Kollegen hergetraut“, sagt er etwas enttäuscht. Goltermann entgegnet, dass rund 90 Prozent der derzeitigen Besucher kein Handicap hätten. Seit der Eröffnung 2012 wird der Platz auch für Kindergeburtstage oder Feste gebucht. 

Besucher können sich dabei auch probeweise in einen Rollstuhl setzen und das Spielen mit den eigens entworfenen „Krücken-Schlägern“ ausprobieren. „Wenn einer kein Handicap mitbringt, kann er sich bei uns mal eins ausleihen“, sagt Goltermann. Wie es ist, als Blinder zu spielen, können die Gäste mit einer verdunkelten Brille testen. Sie folgen dabei den Geräuschen eines klingelnden Balls.

Keine Berührungsängste hat eine Klasse Grundschüler, die zeitgleich den Minigolfplatz erobert. Eifrig testen die Viertklässler eine Bahn mit einem Bobbycar und ziehen das Gefährt an Seilen auf einen Berg. Beim Heruntersausen stößt das Auto den Ball an. Dieser verschwindet blitzschnell und lautlos in einer unterirdischen Röhre. Die ratlosen Kinder glauben zuerst, der Ball sei verloren, doch eine Mitarbeiterin kann sie beschwichtigen.

Timo Kazmarek, der seit einem Unfall beim Skispringen vor 20 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist, berät die Initiatoren aus seiner eigenen Erfahrung. Während bei gewöhnlichen Minigolfanlagen das Ziel sei, den Ball mit möglichst wenigen Schlägen einzulochen, stehe hier der Spaß an erster Stelle. Es gehe darum, geduldig mit den eigenen Schwächen umzugehen. „Keiner ist perfekt.“

Von Charlotte Morgenthal (epd)