2013_08_01_schmal

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Produktion für die Müllhalde

Tagesthema

Warum Technik mit eingebauter Kurzlebigkeit für immer mehr Unternehmen zum lukrativen Geschäftsmodell geworden ist

Im Jahr 1924 verabredeten sich Manager der führenden Glühlampen-Hersteller zu einem „Phoebus-Kartell“, um die Lebensdauer von Glühbirnen drastisch auf etwa 1000 Stunden abzusenken. Das war der erste Fall von geplantem Verschleiß: Die Lebensdauer eines technischen Produktes wurde verringert, um den Umsatz und damit die Rendite der Unternehmen zu steigern. Der Immobilienmakler Bernard London prägte dann 1932 in einem Aufsatz den Begriff „planned obsolescence“ und pries diese Maßnahme als gutes Mittel, um die Konjunktur anzukurbeln.

Das Kartell wurde zwar 1945 enttarnt und aufgelöst, aber die Lebensdauer der Lampen blieb kurz: Das Prinzip wirkt also weiter, und das nicht nur bei Glühbirnen. Denn dieses Produzieren für die Müllhalde nach kurzer Gebrauchsdauer ist für viele Unternehmen ein probates „Geschäftsmodell“. So bleibt zudem das Angebot vielfältig, die „Verbraucher“ können immer die neueste Technik kaufen, und weil die kurzlebiger ist als die ältere, haben sie auch mehr „Kauferlebnisse“. Es freut sich also auch der Handel. Und die Verbraucher haben ja sogar die Wahl, denn noch gibt es Unternehmen, die solide und langlebig bauen. Verbraucher-Verbände sorgen zudem durch Tests und das internet dafür, dass sie auch Kriterien an die Hand bekommen, um besonders dreiste Verschleißprodukte zu vermeiden. Die Politik ist zufrieden, sie bekommt durch die geplante Obsoleszenz das ersehnte Wachstum – nur die Müllhalden wachsen und wachsen, aber auch die Trennung und Entsorgung von Müll ist ja ein gutes Geschäft.

Die Ingenieure, die die technischen Geräte entwickeln, stehen damit zunehmend vor der Frage: Gestalten sie nach professionellen Grundsätzen „sinnvolle technische Erfindungen und nachhaltige Lösungen“, wie es der VDI (Verein Deutscher Ingenieure) in seinen „Ethischen Grundsätzen des Ingenieurberufs“ von 2002 fordert, oder unterwerfen sie sich weitgehend dem Rendite-Prinzip?

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Wolfgang Neef

Mit der Entfesselung der Banken und Finanzmärkte, die den „Investoren“ die absolute Macht in den Betrieben gibt, wächst seit Mitte der 1980er Jahre der Druck, den „shareholder value“ zum einzigen Maßstab zu machen und für die fetten Renditen billig, „quick and dirty“ zu entwickeln und zu produzieren. Solide, langlebige Technik zu bauen, wird als „Over-Engineering“ bezeichnet, „Value Engineering“, also die Priorität der Kapitalverwertung ist angesagt. Nur noch eine schrumpfende Minderheit von Unternehmen – meist alteingesessene Familienbetriebe – behauptet sich auf den „Märkten“ für Consumer-Geräte mit Qualität und Langlebigkeit (bekanntes Beispiel ist Miele). Die große Mehrheit aber braucht keine Verschwörung mehr: „Geiz ist geil“ ist die Parole, zwei Jahre Garantie reichen vielen Konsumenten, und die Ingenieure haben angesichts der Übermacht der Betriebswirte und Kostendrücker resigniert.

Nun könnte man sagen: Das ist eine rein moralische Frage – es gibt ja genügend Energie und Ressourcen, und den Verschleiß kann man auch als Überfluss genießen. Wenn da nur nicht die Tatsache im Weg stünde, dass der Planet Erde seit Mitte der 1980er Jahre nach den Berechnungen der Naturwissenschaftler von Jahr zu Jahr mehr überlastet wird – derzeit wirtschaften wir, als hätten wir 1,5 Planeten zur Verfügung.

Das gilt nicht nur für das Klima (eine „Jahrhundert-Flut“ nach den anderen), sondern auch für andere schwerwiegende Zerstörungen unserer natürlichen Lebensgrundlagen: Die ständige Zunahme von chemischen Substanzen, deren Wirkung wir schon längst nicht mehr überschauen, von Elektro- und anderem Schrott selbst im Weltraum, die Berge von Plastik in Meeren und Wüsten, Erosion und Auslaugung der Böden durch industrialisierte Landwirtschaft, Artensterben – dieser Krieg gegen die Natur wird durch die ständige Beschleunigung von Produktion und Konsum immer mehr angeheizt. „Die nachfolgenden Generationen werden uns verfluchen“, sagt der Klimaforscher Lutz Wicke resigniert nach langen Jahren vergeblicher Bemühungen, angesichts dieser unbezweifelbaren Fakten Politik und Wirtschaft zur naturwissenschaftlich basierten Vernunft zu bringen.

Denn die „Geplante Obsoleszenz“ erweist sich als „System-Problem“ des Kapitalismus, weil nur diese Wirtschaftsform des sozialen und ökologischen Verschleißes die Sucht nach der Droge Wachstum und der Vermehrung von Geld stillen kann. Zu seiner Erhaltung sollen sich Produzenten, Konsumenten und Politiker diesen selbstmörderischen Mechanismen weiterhin unterwerfen. Die vor 250 Jahren so hoffnungsvoll gestartete „Moderne“ könnte so die dümmste Epoche in der Menschheitsgeschichte werden, wenn sie weiterhin mit allen Mitteln von Wissenschaft und Technik den Ast absägt, auf dem wir alle sitzen. Es sei denn, wir entschließen uns, ein anderes Wirtschaftssys-tem zu entwickeln und durchzusetzen: die „Post-Wachstums-Ökonomie“.

Wolfgang Neef ist Soziologe und lebt in Berlin. Dort und an der TU Hamburg-Harburg lehrt der Emeritierte die Soziologie des Ingenieurberufs.

Verlorene „Lesbarkeit der Welt”

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Alle Medien haben ebenso wie der Buchdruck 'ihre Zeiten' geprägt – und prägen sie noch immer...

„So, wie der Buchdruck den Schlüssel zur Neuzeit und zur Moderne darstellt, so bildet die Rhetorik den Schlüssel zu einem Verständnis der Antike und des Mittelalters. Aber erst die Beobachtung der Kollision von Rhetorik und Buchdruck lässt uns die Mechanismen jenes Wandels verstehen: Den Untergang der Rhetorik, die Erfindung des Subjekts sowie den damit einhergehenden sozialen Wandel, der uns in Richtung Moderne führt.“

Auch heute sind wir gewohnt, Medien als etwas zu sehen, dessen Auswirkungen von unseren Handlungen abhängen, von dem, was wir 'mit ihnen machen': Welche Spiele haben sich Spiele-Programmierer für die Playstation ausgedacht? Was haben Redakteure beschlossen, heute im Fernsehen zu senden? Wem haben wir eine SMS oder einer E-Mail geschrieben und warum? Was geben wir auf Facebook und Twitter von uns preis?

Der Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan hatte schon in den 60er Jahren versucht, diese Fragen umzukehren: „Was machen die Medien mit uns?“. Das hat einiges für sich.
Nehmen wir die Rhetorik. Deren hohe Zeit begann vor rund 2500 Jahren...

Zum Artikel über Medien in unterschiedlichen Zeiten und wie sie die Gesellschaft prägen, im aktuellen Schwerpunktthema der Evangelischen Zeitung. Von Dr. Harald Wasser - Philosoph, Soziologe und Medienexperte