2013_07_30

Bild: Jörg Nielsen / epd-Bild

Wo befreite Tiere in Ruhe alt werden

Tagesthema 29. Juli 2013

Auf dem Butenland-Hof an der niedersächsischen Nordseeküste leben die Tiere wie im Bilderbuch, doch fast alle haben schon Furchtbares in Tierversuchen oder der Mast erlebt. Im Kuh-Altersheim drohen ihnen jetzt aber weder Metzger noch Melker.

Oberschmuser Mattis bringt eine Tonne auf die Waage

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Die „friedliche Frieda“ ist klar die Chefin der Herde auf der Weide. Bild: Jörg Nielsen / epd-Bild

„Zum Kaffee gibt's bei uns nur Soja-Milch“, ruft Karin Mück über den Hof. Klar. Konsumenten tierischer Produkte sind auf dem Bauernhof „Butenland“ in Butjadingen nicht willkommen. Die Menschen leben hier streng vegan. Sahne zum Kaffee ist ebenso verpönt wie Lederschuhe. Die Kühe, Pferde, Schweine und Gänse brauchen das Metzgermesser nicht mehr zu fürchten.

Knapp hinter dem Nordseedeich zwischen dem Jadebusen und der Wesermündung liegt das „Kuh-Altersheim“ von Jan Gerdes und Karin Mück mit seinen 40 Hektar Land. Auf den ersten Blick eine Idylle: Hunde, Katzen, Hühner, Gänse, Enten und Minischwein „Seine Hoheit Prinz Louis“ teilen sich mit den Menschen den Platz vor dem gepflegten Bauernhaus.

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Die „friedliche Frieda“ lebt bereits seit 2005 im Kuhaltersheim auf dem Butenland-Hof in Butjadingen. „Wann immer es in der Herde Stress gibt, sorgt sie für Ruhe“, sagt Tierschützein Karin Mück. Bild: Jörg Nielsen / epd-Bild

Doch Mück bremst. „Wir sind hier kein Streichelzoo und auch kein Paradies. Fast alle diese Tiere haben Furchtbares erlebt“, sagt die passionierte Tierschützerin. Die wenigen Ausnahmen wurden hier geboren. Mück weist auf ein properes Hühnchen. Das gackert aufgeregt über den Hof, hält sich aber abseits von seinen Artgenossen. „Susi haben wir von einem Bio-Freilandhof gerettet, einen Tag vor dem Schlachttermin“, berichtet Mück. „Sie war völlig nackt und abgemagert und hat bis heute Angst vor anderen Hühnern.“

Alle Tiere auf dem Hof wurden von Tierschützern aus Versuchszentren, Legebatterien, Schlachthöfen oder verwahrlost von konventionellen Höfen gerettet, sagt Mück. Von jedem Tier kennt sie die grausame Geschichte. Etwa die von der Kuh Manuela. Vier Jahre lang musste sie mit einer Öffnung an der Seite leben, weil die Wissenschaftler ihre Verdauung erforschten. Ein großer Gummiring verhinderte das Zuwachsen der Wunde, damit die Forscher mit der Hand einen schnellen Zugriff auf den Pansen hatten. Heute steht Manuela mit 33 anderen Kühen und Ochsen gesund und friedlich auf der Weide.

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Zur Begrüßung auf der Weide gibt es für die Tierschützerin Karin Mück erst mal ein Küsschen von Kuh Amy. Bild: Jörg Nielsen / epd-Bild  

Gerdes hat den Hof 1981 als konventionellen Bauernhof von seinen Eltern übernommen und daraus einen Biohof gemacht. „Doch dann wurde mir klar, dass ich Vegetarier bin und ich die Tiere nicht länger quälen will, in dem ich sie zum Schlachten vorbereite.“ Bei den Nachbarn sind die beiden Tierschützer nicht beliebt: „Für die sind wir die Spinner vom Butenland-Hof», sagt Gerdes und hat sogar ein wenig Verständnis. „Wir rufen dazu auf, auf Milch und Fleisch zu verzichten. Das würde ihnen die Lebensgrundlage entziehen.“

Wenig Verständnis erntet Gerdes auch bei der Landwirtschaftskammer in Oldenburg. „Die Grundidee, alte Tieren auf einem Gnadenhof leben zu lassen, ist sicherlich löblich“, sagt die Expertin für den Rinder-Tierschutz der Kammer, Heidi Meine-Schwenker. Doch seien die rund 760.000 Milchkühe in Niedersachsen eben zur Fleisch- und Milchproduktion da.

Kühe geben nur Milch, wenn sie ein Kalb haben. Darum werden sie im Alter von knapp anderthalb Jahren erstmals künstlich befruchtet. Das Kalb wird möglichst gleich bei seiner Geburt von der Mutter getrennt, bevor die beiden eine Beziehung aufbauen können, erläutert Meine-Schwenker. Bis sie ihr Schlachtalter von fünf bis sechs Jahren erreichen, werden sie immer wieder befruchtet und geben so zwischen 8.000 und 10.000 Liter Milch im Jahr.

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Ochse Mattis wurde auf dem Butenland-Hof geboren. „So unbeschwert und zutraulich wie Mattis ist sonst kein Rind hier“, sagt Karin Mück Bild: Jörg Nielsen / epd-Bild

Für Gerdes und Mück ist das pure Tierquälerei und Sklavenhaltung. Und ihren Kühen und Ochsen geht es augenscheinlich gut. Kaum kommt Mück auf die Weide, stürmt Ochse Mattis auf die blonde Frau zu. „Das ist Muttis Oberschmuser», sagt sie lachend und streichelt ihm den Hals. Der „Oberschmuser“ bringt eine gute Tonne auf die Waage.

Nach Auskunft des Deutschen Tierschutzbundes mit Sitz in Bonn gibt es bundesweit mehrere Hundert Gnadenhöfe. „Sie sind eine wichtige Ergänzung für die Tierheime“, sagt Sprecher Marius Tünte. Der Tierschutzbund betreibt sogar einen eigenen Gnadenhof im schleswig-holsteinischen Kappeln. Veterinäre oder der Zoll bringen dort auch beschlagnahmte Tiere wie Schildkröten oder Echsen unter.

Gerdes und Mück können sich ein Leben ohne ihre Tiere nicht mehr vorstellen. Ihr gesamtes Vermögen und den Hof haben sie in eine Stiftung gegeben, um das Tieraltersheim auch nach ihrem Tod zu erhalten. Täglich erreichen sie mehrere Anrufe von Tierschützern, die ein gerettetes Tier unterbringen wollen. „Da müssen wir immer wieder 'Nein' sagen“, sagte Gerdes. „Unsere Arbeit hier kann nur symbolisch für alle Tiere sein. Aber wir können sie nicht alle retten.“

Von Jörg Nielsen (epd)

Keine Utopie - sondern Realität

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Das Kuhaltersheim. Bild: stiftung-fuer-tierschutz.de  

Die Tierschutzstiftung Hof Butenland versteht sich als Botschafterin einer neuen Mensch-Tier-Beziehung, die überall auf der Welt begonnen habe, steht auf den Internetseite der Tierschutzstiftung. Weiter heißt es dort: „Denn nur, wenn wir Menschen uns bewegen und aktiv handeln, können wir die Situation für die Tiere wirklich verbessern. Tiere sind keine Maschinen, deshalb müssen Menschen auch die sogenannten 'Nutz'-Tiere schonen und herausfinden, wie man mit ihnen so zusammen leben kann, dass man sie nicht mehr ausbeutet oder sogar tötet. Auf Hof Butenland ist das keine Utopie, sondern Realität.“

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Bild: misterQM / photocase.com

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