2013_07_27

Bild: Christine Senkbeil

Sommermorgen in einem Hafen

Tagesthema 26. Juli 2013

Sein halbes Leben ist Torsten Grabow Fischer – und er ist es gern. Wären da nicht die Fangquoten, die ihm Sorge bereiten.

Es ist ein verträumtes Nestchen, das Fischerdorf Freest bei Greifswald, weit im Osten von Mecklenburg-Vorpommern. An einem Sommermorgen früh um acht aber ist der Hafen ein quietschlebendiger Ort.

Von Freiheit, Flundern und Fischern

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Im Fischereihafen in Freest, nahe der Insel Usedom. Bild: Christine Senkbeil

Mit geduldigem Tuckern läuft die „FRE 69“ ein. Fünf Stunden Arbeit liegen hinter den beiden Fischern an Bord. Zwei Stunden Fahrt zur Greifswalder Oie, Fang einholen, Netze setzen, retour. Torsten Grabow ist der Bootsführer des alten Fischkutters. Schöne Fotos hat der 40-Jährige heute gemacht. Motiv: Sonnenaufgang über dem Meer. Davon ist er immer wieder fasziniert. Die Farben. Die Stille.

Mit der ist es im Hafen vorbei. Ein Kutter nach dem anderen macht an der Kaimauer fest. Bunte Kisten fahren zwischen den Buden hin und her. Rauchschwaden steigen aus Räucheröfen. Alte Freester und junge Urlauber kommen an die Reling und betrachten die Fische, die wütend an Deck zappeln. Bei Grabow sind es heute rund 300 Kilo, schätzt er. Steinbutt, Dorsch, Flundern: der Sommerfisch. Gegen neun haben die Männer alle aus den Netzen gepellt. Kiste um Kiste hievt Torsten Grabow nun von Bord. Im Fünf-Minuten-Takt kauft jemand Flundern. Zum Braten, Kochen. „Die hier sind schön zum sauer Einlegen“, sagt ein Freester.

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Gern gucken Touristen zu, was es an Bord der „Angelina“ so zu tun ist. Bild: Christine Senkbeil

Den Großteil nimmt die Fischereigenossenschaft ab. Die Fänge von allen 35 Kuttern gehen zur Auktion nach Holland, Polen, der Hering nach Dänemark. Blau-weiße Trucks stehen im März vor der Fischhalle. Allerdings nicht mehr viele. Der Hering: das große Sorgenkind. Es sind die Fangquoten aus Brüssel, welche die Fischer um ihren Hauptverdienst bringen. Denn was sie rund ums Jahr an Dorsch, Flunder, Zander und Co aus dem Wasser holen, macht nicht die Hälfte ihrer Einkünfte aus. „Wir leben eigentlich vom Hering“, sagt Grabow. Und keiner der Fischer kann die drastischen Kürzungen nachvollziehen. „Die Bestände müssen geschützt werden“, sagen Forscher und Politiker. „Es ist so viel Hering da“, winken die Fischer ab.

96 000 Tonnen durften noch 2001 in der gesamten Bundesrepublik gefischt werden. „Jetzt liegt die Begrenzung bei 18 000 und war auch schon auf 14 000 runter“, schimpft der 40-Jährige. An die Fischer in Freest geht nur ein Mini-Stück des Quoten-Kuchens. Vor allem aber fühlen sich die Freester mit ihren vergleichsweise kleinen Fängen auch als „kleine Fische“. „Die großen 26-Meter-Trawler holen in zwei Stunden 70 Tonnen Hering“, veranschaulicht er. Mit seinem nicht mal halb so großen Kutter fing er im schlechtesten Jahr ganze 48 Tonnen: in der ganzen Saison. „Das bisschen, was wir mit unsern kleinen Booten rausholen – da bräuchten wir nicht mal eine Quote!“

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Fischerei hautnah. Bild: Christine Senkbeil

Torsten Grabow ist seit 1993 dabei. Als ausgebildeter Werkzeugmacher fuhr er zuerst zwei Jahre ungelernt mit, wurde 1995 Fischwirt und machte 1996 sein Schiffs-Patent. „Und dann hab ich mir den alten Kutter gekauft“, sagt er und es klingt stolz. „Du bist dein eigener Chef und da draußen bist du frei.“ Jetzt übernahm er einen zweiten Kutter, wegen der Quote. Die werden nämlich pro Schiff und nach Referenzjahren verteilt. So darf er mehr Hering fischen.
Das neue Boot ist aus Kunststoff. Es stört ein bisschen die Romantik, die von den bunten alten Holzbooten ausgeht, wie sie da im Hafenwasser schaukeln. „Aber damit hast Du weniger Arbeit“, sagt der Fischer pragmatisch. „Das holst du einen Tag raus, kärcherst ab, streichst und fertig.“ Der Holzkutter, beliebtes Postkartenmotiv, macht ganze drei Wochen Arbeit und zwar in der Werft.

Auch die Dieselpreise steigen. Und die Sicherheitsauflagen. „Es wird immer verrückter“, sagt er, zeigt auf das Dach seines Ruderhauses und lacht. „Da ist unsere Rettungsinsel. 600 Euro Wartung im Jahr. Dann brauchen wir noch extra Rettungswesten, extra Arbeitswesten und einen Überlebensanzug haben wir auch noch. Im Prinzip wissen wir gar nicht, wo wir zuerst reinsteigen sollen.“ Ihren Humor verlieren Fischer nicht so schnell. Denn eigentlich liebt er es, Fischer zu sein, darüber muss er keine Sekunde nachdenken. Auch wenn es ein schwerer Beruf ist. Aufstehen vor Tau und Tag. Raus bei eisigem Frost. Nässe, Sturm und Wellen, die nicht immer so sanft plätschern, wie an diesem Junimorgen. Doch so ein Sonnenaufgang über dem Meer entschädigt eben für Vieles.

Von Christine Senkbeil (aus: „Wind und Weite“)

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Bild: misterQM / photocase.com

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