2013_07_25_schmal

Bild: Gewerkschaft der Polizei

„Ein nicht auflösbares Dilemma“

Tagesthema 24. Juli 2013

Zwischen juristisch korrektem Handeln und persönlichem Schuldempfinden

Thema-30-08-b
Frank Waterstraat leitet seit 2010 den Kirchlichen Dienst in Polizei und Zoll der Konföderation ev. Kirchen in Niedersachsen. Bild: Evangelische Zeitung

„Polizei, keine Bewegung oder ich schieße!“ Für Polizeieinsatzkräfte wohl einer der Standardsätze in Situationen der Gefahrenabwehr. Mit etwas Glück lässt sich das Gegenüber von der auf ihn gerichteten Schusswaffe beeindrucken. Was aber, wenn die Warnung nicht fruchtet und der Polizist aus Notwehr oder zur Nothilfe Dritter schießen muss? Wenn der Zusammenstoß gar zum Tode des Bedrohers führt? Dann sind Menschen wie Polizeinotfallseelsorger Frank Waterstraat zur Stelle, um gemeinsam das Erlebte aufzuarbeiten.

„Leiter des Kirchlichen Dienstes in Polizei und Zoll der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen“ – Frank Waterstraat muss selber schmunzeln über die etwas sperrige Bezeichnung seiner Position auf dem Papier. Dabei schätzt der 50-jährige Theologe und Pastor an seiner seelsorgerlichen Arbeit das Handfeste, begleitet Einsatzkräfte von Polizei und Zoll bei der Bewältigung von belastenden Erfahrungen.

Das können Vorfälle bei Demonstrationen von rechten oder linken Gruppen sein, während des Begleitschutzes für den Castor-Transport oder im Umgang mit aufgebrachten Fußballfans – überall dort, wo die Kollegen auf ihre eigene oder fremde Begrenztheit stoßen, sich verwundbar fühlen oder gar mit der (eigenen) Sterblichkeit konfrontiert werden, ist das Team um Frank Waterstraat zur Stelle. Auch mit den Schreckensbildern nach einem schweren Verkehrsunfall, der eigenen schweren Erkrankung oder dem Schlaganfall des Kollegen wird niemand alleine gelassen.

Waterstraat selber blickt auf einen großen Erfahrungsschatz zurück, allein 17 Jahre lang war er Fachberater Seelsorge des Landesfeuerwehrverbandes Niedersachsen. Das Zugunglück von Eschede am 3. Juni 1998 forderte seine Koordinationsfähigkeit vor Ort und katapultierte ihn an die Grenzen des Machbaren. „Ich bin mir bewusst, wie schnell sich menschliches Leben verändern kann.“

Als Notfallseelsorger für Einsatzkräfte von Polizei und Zoll hat er im Gebiet der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen breitgefächerte Unterstützung dreier weiterer Anlaufstellen für Betroffene: die psychosoziale Unterstützung sowie den sozialwissenschaftlichen und den medizinischen Dienst. Allen Helfern gemein ist, dass sie beim Versprachlichen und beim Sortieren des Erlebten unterstützen.

Das gilt auch für ein sensibles Arbeitsgebiet, das unter dem Oberbegriff „Erfordernis und Rechtmäßigkeit des Schusswaffengebrauchs“ steht. „Ich erlebe Polizisten als extrem vorsichtig und nachdenklich an dieser Stelle“, sagt Waterstraat. Mehr als einmal habe er zu hören bekommen „Wenn ich schießen müsste – ich weiß nicht, was das hinterher bei mir auslöst“. Da bleiben die unzähligen Übungseinheiten an der Pappscheibe, wie ein Aggressor am schnellsten außer Gefecht gesetzt werden kann, letztlich abstrakt. Dieses „hohe Maß an Problembewusstsein“ gelte seiner Erfahrung nach für Alt und Jung, für Frauen und Männer gleichermaßen, erzählt Waterstraat weiter.

Maren Warnecke, Ausgabe 30

Polizisten verschenken Teddys zum Trösten

Wenn in Deutschland Polizei, Feuerwehr oder Rettungswagen mit Blaulicht und Sirene unterwegs sind, ist er fast immer dabei: Ein Kuschelbär der Deutschen Teddy-Stiftung mit Sitz im ostfriesischen Esens.

Bundesweit haben bereits Zehntausende der Teddys mit den markanten schwarzen Knopfaugen Kindern in Notsituationen geholfen und möglicherweise schlimme Traumata verhindert.

Wenn die Polizeikommissarin Annike Grotheer auf Streife fährt, ist immer auch ein Teddy der Deutschen Teddy-Stiftung mit an Bord.

Den ganzen Bericht über die tröstenden Teddys

Freiheit braucht Regeln

Die Maßstäbe sind verloren gegangen. Das hat die globale Finanz- und Wirtschaftskrise auf bedrückende Weise vor Augen geführt. Plötzlich müssen die Steuerzahler für die Banken bürgen, obwohl doch eigentlich die Banken Dienstleistungen für ihre Kunden erbringen sollen.

Die Wirtschaft sollte für den Menschen da sein und nicht die Menschen für die Wirtschaft. Unter der Überschrift „systemrelevant“ zeigt sich, wie abhängig der „freie“ Markt in Wirklichkeit ist. Auf der einen Seite wird der Mensch verführt, im Markt mitzuspielen und dabei zu versuchen, möglichst alles herauszuholen.

Auf der anderen Seite erzeugt die Wirtschaftskrise Armut. Viele Menschen in Europa sind von Arbeitslosigkeit betroffen, von sinkenden Einkommen und gekürzten Sozialleistungen. Die Angst vor sozialem Abstieg macht sich breit. Besonders dramatisch ist die hohe Arbeitslosigkeit junger Menschen. Es ist nicht mehr zu leugnen: Der Markt braucht regulierende Kräfte. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens für ein solidarisches Miteinander, um wieder frei zu werden und uns nicht von Systemzwängen bestimmen zu lassen.

Stellen die Zehn Gebote noch eine Ethik für das 21. Jahrhundert dar?

„Richtig“ oder „falsch“ in welchem Sinn?

„Richtig“ oder „falsch“ in welchem Sinn? Die juristische Seite bleibt in den seelsorgerischen Gesprächen außen vor, darauf legt Frank Waterstraat großen Wert. „Meine Aufgabe ist es, auf das ethische Handeln in dieser Situation zu gucken. Was konnte derjenige in der Situation erkennen, was erkennt er hinterher?“
Immer gelte der „Grundsatz des mildesten Mittels“, erklärt der Polizeinotfallseelsorger weiter. Allerdings bleibt oft genug nur ein Sekundenbruchteil, eine Entscheidung zu fällen, die folgenschwer sein kann.

Gut erinnert sich Waterstraat an ein Gespräch mit zwei Kollegen, die kurz davor waren, auf einen Mann zu schießen. Der war zuvor bei Einbruch der Dunkelheit geräuschvoll durch die Fußgängerzone in Hannover gezogen. Im Schein der Straßenlaternen blitzte dabei täuschend echt Metall auf, außerdem feuerte er die „Waffe“ mit lautem Knall ab. Die beiden Beamten überzeugten den Mann, die Waffe, die sich als umlackierte Spielzeugpistole entpuppte, wegzulegen.

In dieser Situation war das die richtige Entscheidung. Genauso gut hätte der Mann aber scharf schießen und jemanden verletzen oder töten können, erinnert Waterstraat. Mit Zuweisungen wie „richtig“ oder „falsch“ gerate man da schnell in eine Sackgasse. „Manchmal muss man schießen, da bleibt keine Alternative.“ Beispielsweise bei einer Geiselnahme, bei der stunden- oder tagelang ergebnislos verhandelt wurde und schließlich der sogenannte finale Rettungsschuss des Spezialeinsatzkommandos (SEK) zum Einsatz kommt. Die Geiseln sind am Leben, der Geiselnehmer hat seins verloren. „Dass man sich da auch schuldig machen kann, das ist so. Man kann aber auch schuldig werden durch Unterlassung“, erinnert er. „Das ist ein nicht auflösbares Dilemma.“

Am Ende schießt ein Mensch auf einen Menschen – auch wenn der eine von beiden den Staat vertritt und die Freiheitsrechte des Einzelnen gegen eine Bedrohung verteidigt.

Polizeiseelsorge

Seelsorge für Menschen in Konflikten und besonderen Lebenssituationen lässt sich anhand verschiedener seelsorgerlicher Handlungsfelder exemplarisch darstellen. Wir stellen Ihnen auf unseren Websites die grundlegenden Inhalte und Arbeitsformen der Polizeiseelsorge (in der Landespolizei Niedersachsen) vor und laden Sie herzlich zum Lesen und Stöbern ein.

Weitere Informationen und Kontakt zur Polizeiseelsorge