2013_07_22

Bild: Jes Schulze

Besuch in der Unterwelt

Tagesthema 21. Juli 2013

Unter der Kreuzkirche liegt die einzige Gruft Hannovers. Viele Jahrhunderte haben in den dunklen und engen Gängen und Gewölben seit dem Mittelalter ihre Spuren hinterlassen. Eine Kirchenpädagogin führt Interessierte hinab.

Große Angst vor dem Fegefeuer

Nur eine kleine Treppe führt hinunter. Dort ist es dunkel, die Luft trocken und die Decke niedrig. Marion Wrede entzündet eine Petroleumlampe und betritt durch einen schmalen Spalt die Gruft. Das Licht der Lampe ist schwach, doch die gemauerten Gewölbe sind gut erkennbar. Je tiefer Marion Wrede in die verwinkelten Tunnel vordringt, desto mehr muss sie den Kopf einziehen. Auf einmal steht sie vor einem Gitter, dahinter ein enger Gang - an dessen Ende türmen sich Schädel und andere Knochen. Nur mit Schutzkleidung und Atemmaske geht es hier weiter.

Marion Wrede ist evangelische Kirchenpädagogin und führt durch die einzig verbliebene Gruft Hannovers. «Angst hatte ich dort unten aber noch nie», sagt sie. Unter der Kreuzkirche mitten in der Altstadt wurden jahrhundertelang Tote bestattet. Seit dem Mittelalter ließen sich hohe Kirchenmänner und wohlhabende Bürger noch innerhalb von Kirchen begraben. «Sie wollten dem Altar und den heiligen Reliquien so nah wie möglich sein», erzählt die 59- jährige Kirchenpädagogin. «Sie hatten große Angst vor dem Fegefeuer.»

Fürchterlicher Gestank in der Kirche

Die 1333 fertiggestellte Kreuzkirche besaß früher keinen Steinboden. «Die Menschen gruben Löcher, stellten die Särge hinein und verschlossen das Grab mit schweren Steinplatten», erläutert Wrede. Da die Särge in den Familiengruften aufeinandergestapelt wurden, brachen die unteren irgendwann zusammen. «Das muss dann fürchterlich gestunken haben.»

Um das Jahr 1800 wurde diese Bestattungsform schließlich aus  hygienischen Gründen verboten. Doch auch im 20. Jahrhundert nutzten Menschen die unterirdischen Gänge und Gewölbe noch: etwa als Luftschutzkeller im Zweiten Weltkrieg. «Viele ältere Hannoveraner erzählen mir bei Führungen, dass sie als Kinder hier Schutz vor den Bomben suchten», sagt Wrede.

An den Wänden finden sich noch immer deutlich lesbar Aufschriften in schwarzer Frakturschrift wie «Schutzraum» oder «Rauchen verboten». Damals lagen dort auch noch Knochen. Heute sind die meisten Gewölbe leergeräumt.

1930 wurden 10 Särge gefunden

Nur in der Duve-Gruft hinter dem Gitter liegen noch Gebeine von Bestatteten. Der hannoversche Ratsherr und Bauunternehmer Johann Duve (1611-1679) finanzierte 1652 den Wiederaufbau des Kirchturms, der durch einen Sturm eingestürzt war. «Damit erwarb er sich die Berechtigung für eine Familiengruft», erzählt Wrede.

Dort fanden Arbeiter 1930 zehn Särge, darunter einen in Kindergröße. Lange nach dem Krieg wurden etwa bei Bauarbeiten entdeckte Gebeine noch in der Gruft bestattet. Auch die Geheimnisse anderer hannoverscher Kirchen können Interessierte mit Marion Wrede entdecken. Mit der «Kirchenpädagogik» folgt sie dabei einer noch jungen Methode: Unter dem Motto «Lass mich tun, und ich werde verstehen», lässt sie die Besucher in den Besichtigungen selbst aktiv werden. «Die Leute lernen so viel mehr, als bei klassischen Führungen.»

Stefan Korinth (epd)

Kirchenpädagogin Marion Wrede

Seit rund zwanzig Jahren ist Marion Wrede bereits als Kirchenpädagogin aktiv. «Heute bilde ich selbst Kirchenpädagogen aus.» Mittlerweile stehen ihr für pädagogische Erkundungen elf Ehrenamtliche zur Seite. Allein Marion Wrede zeigt jedes Jahr rund 4.000 Menschen aus aller Welt Hannovers Kirchen - und natürlich die Gruft.