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Bild: Hinrich C. G. Westphal

Heiter bis heilig

Tagesthema 20. Juli 2013

Die Schuhe voller Sand

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Hinrich C. G. Westphal

Nächste Woche beginnt mein Sommerurlaub, endlich! Ich zähle die Tage. Endlich mal wieder aus der Tretmühle aussteigen, endlich den Alltagsrhythmus verlassen. Nicht immer dieselben Leute treffen und immer dieselben Probleme anhören, einmal für dienstliche Anrufe unerreichbar sein. In uns wohnt die Sehnsucht nach einem Leben, das aus mehr als Arbeiten und Funktionieren besteht. Es gibt etwas jenseits unserer alltäglichen Erfahrungen. Gönnen wir uns also eine Unterbrechung, nehmen wir einen inneren und äußeren Tapetenwechsel vor.

Ich werde wieder an die Nordsee fahren. Den hohen Himmel sehen, den weiten Horizont, die Lichter der Schiffe bei Nacht. Barfuß über das Watt gehen. Ich kenne nichts heilsameres und meditativeres, als zweckfrei und selbstvergessen über das Watt zu wandern, gegen den Wind. Kilometerweit Sand und Pfützen, Meer und Wolken bis zum Horizont, die Geräusche vom Land nur noch gedämpft, im Kopf zieht eine gelassene Leere ein.

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Bild: Hinrich C. G. Westphal

Ich will mir Zeit schenken lassen und sie mit allen Sinnen genießen. Nichts tun, den Weg einer Wolke mit den Augen verfolgen. Tagebuch schreiben, einen echten Brief. Muscheln sammeln, mit Kindern Sandburgen bauen. Mit einer Freundin essen gehen. Mal wieder herzlich miteinander lachen. Über einem Buch einschlafen, im Regen spazieren, eine Kirche besuchen. Unter dem Sternenhimmel in die Stille der Schöpfung horchen, dankbar sein. Jörg Zink schrieb einmal dieses Gebet:

Millionen Jahre waren, ehe es mich gab.
Jahrmillionen werden vielleicht nach mir sein.
Irgendwo in ihrer Mitte sind ein paar Sommer,
in denen für mich Tag ist auf dieser Erde.
Für diese Spanne Zeit danke ich dir, Gott!

So kann die sommerliche Auszeit unsere Augen öffnen für die Begegnung mit dem Schöpfer und für die tieferen Fragen nach Lebenssinn, Partnerschaft und Zukunft. Im Urlaub fällt es leichter, gewohnte Wege und Maßstäbe zu überprüfen. Was nehmen wir wichtiger als es sein sollte, was läuft in unserem Leben schief? Was wissen wir von unserer Freundin oder unserem Partner, wie viel Zeit nehmen wir uns für einander? Was bedeutet uns unser Glaube, wie regelmäßig beten wir?

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Bild: Jens Schulze

Der Urlaub ist die Chance, meiner Fantasie Auslauf zu geben, meinen Träumen Flügel. Einen Sommer lang fotografierte ich nur Porträts von Schafen. Welche Vielfalt der Gesichter, Frisuren, Farben, Grimassen!
Leider kann ich nicht gut malen, aber an einem Sommer schrieb ich ein Gedicht:

sonne gleißend über steine
sanft vom meer ein blauer hauch
losgelassen warm die beine
felsig erdig schmiegt der bauch
gar nichts nie nichts je versäumtes
stunden uhren ungedacht
blinzelnd träumt sich ungeträumtes
und die welt entzieht sich sacht

Aber es gehört zum Wesen des Urlaubs, dass er begrenzt ist. Wenn wir als Kinder heimkehren mussten, füllten wir unsere Schuhe mit Sand, den wir zu Hause in unserem Zimmer ausschütteten: ein Häufchen Erinnerung. Aber wir können auch gute Erfahrungen und neue Einsichten mit nach Hause nehmen, um unser Alltagsleben gelassener, gesünder und liebevoller zu gestalten.

von Hinrich C. G. Westphal (aus: Wind und Weite)

Und Ihre Urlaubsgeschichte?

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Bild: misterQM / photocase.com

Erzählen Sie uns Ihre Urlaubsgeschichte? Welche Hoffnungen verbinden Sie mit den Wochen, die als „schönste des Jahres“ klassifiziert werden? oder: Was haben Sie dieses Jahr im Urlaub erlebt? Wir freuen uns über Ihre Urlaubsgeschichten...

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