2013_07_18

Bild: benicce / photocase.com

Meistersängerin von Hannover

Tagesthema 17. Juli 2013

Porträt der Songwriterin Evi Lancora

Das Konzept der Castingshow ist älter als es auf den ersten Blick scheint: Schon im Zeitalter der Reformation traten Musiker an, um sich in ihrer Kunst gegenseitig auszustechen. Davon berichtet die Wagner-Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“. Wenngleich auf den erfolgreichsten Teilnehmer damals kein Plattenvertrag wartete, galt es im Wettbewerb dennoch erfolgreich zu sein: Ohne das öffentliche „Casting“, so legt es die 1868 uraufgeführte Komposition nahe, erlangt niemand die Mitgliedschaft in der Meistersingergilde. Wie ist es heute? Ist nur derjenige im Musikbusiness erfolgreich, der eine Fernsehshow gewinnt?

„Seit klein auf singe ich“, sagt Evi Lancora. Auch wusste die heute 25-Jährige früh, dass sie aus der Leidenschaft zur Musik gerne ihren Beruf machen wollte – und dass sie das Zeug dazu hat. Ein naheliegender Weg, um dieses Ziel zu erreichen, war die Talentsuche im Fernsehen: „Ich bin ja mit den ersten Castingshows aufgewachsen.“ So bewarb sie sich bei mehreren Formaten. Bei jedem Versuch überlegte sie noch ein wenig genauer: „Was ziehe ich an? Wie style ich mich?“ Trotz aller Anstrengungen – sie blieb zunächst erfolglos. Nach der Schule begann Lancora eine Ausbildung zur Kaufmännischen Assistentin. Mehrere Jahre arbeitete sie in diesem Beruf und engagierte sich daneben ehrenamtlich für die Rechte von Tieren. Ihren Traum, mit der Musik eines Tages Geld verdienen zu können, gab sie bei all dem dennoch nie auf.

Der lange Weg zur großen Bühne

Sie erkannte, dass der Weg zur Profimusikerin lang und steinig ist – ähnlich der Pilgerstrecke ins spanische Santiago de Compostela. 2008 legte die junge Frau gut 750 Kilometer auf der Route zurück. Mit gleicher Ausdauer ging es dann in der Musikerinnenkarriere weiter: Als sie sich vor einem guten Jahr bei der Show „The Voice of Germany“ vorstellte, fand sie endlich eine Bühne, die sie durch den Einzug in die Liveshows einen größeren Öffentlichkeit bekannt machen sollte. Das Casting ging sie „einfach einmal locker“ an, erinnert sie sich. Vor allem hat sie nicht versucht, alles bis ins kleinste Detail zu planen. „Und es macht auch am meisten Spaß, wenn man ganz natürlich ist.“

Sie merkte schnell, dass die hektische Welt des Fernsehens nicht die ihre ist. Zu einer Castingshow gehört eine gehörige Portion Leistungsdruck: „Für jeweils eine Folge standen zehn Tage Dreh an.“ In dieser Zeit gab es ununterbrochen Proben, Rehearsals, Interviews und schließlich den einen großen Auftritt.

„Wenn die Leute meine Lieder singen ...“

Momente, um sich einmal zurückzuziehen, blieben kaum. „Es war unfassbar viel zu erledigen“, sagt Lancora. Denn allein auf die Qualität des Gesangs kommt es bei einer Castingshow nicht an. „Insbesondere die Interview-Einspielungen sind extrem wichtig“, da über sie der Zuschauer den Menschen hinter den Liedern kennenlernt. Zu weiten Teilen entscheidet die Geschichte, die über einen Teilnehmer erzählt werden kann, über die Sympathie des Publikums. Und damit über den Erfolg und Misserfolg des Sängers.

Eine Szene von Wagners „Meistersingern“ zeigt, dass auch eine Jury (hier die Gilde der Meistersinger), nicht immer allein auf den Gesang achtet, sondern beeinflussbar ist. Der vermeintliche Favorit Sixtus Beckmesser redet seinen Mitbewerber herunter. Außerdem schmückt sich dieser in einer späteren Szene mit falschen Federn: Beckmesser tritt „im Finale“ mit einem Lied an, das aus fremder Feder stammt – und er scheitert.

In den heutigen Castingformaten müssen die Teilnehmer hingegen mit Songs bekannter Stars antreten, die sie möglichst überzeugend „covern“ müssen. „Dass ich nicht eigene Lieder vortragen konnte, war eher zu meinem Nachteil“, gibt Lancora zu bedenken. Bewusst entschied sie sich, ausschließlich deutschsprachige Songs neu zu interpretieren – also Kompositionen in der Sprache, die sie auch für ihre eigenen Lieder bevorzugt.

Den „großen Ruhm“ im Fernsehen strebt sie jetzt nicht mehr an. Vor allem wie wichtig die Nähe zum Publikum ist, hat sie durch die Castingshow-Erfahrungen gelernt: Ganz locker und unverkrampft mit ihrer Gitarre auf der Bühne zu stehen, mache den „wahren Erfolg“ aus, ist sich die junge Singer-Songwriterin sicher. „Denn ich fühle mich befreit von dem Druck, Erfolg haben zu müssen.“ Bei ihren Auftritten, wie neulich auf der Bühne des Lutherischen Verlagshauses bei der „Fête de la Musique“ in Hannover, erlebe sie, dass ihre Songs die Menschen miteinander verbinden. „Wenn die Leute meine Lieder mitsingen, entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, das einfach unbeschreiblich ist.“
 

Thomas Paterjey

Castingshow anno 1868

Die Musikwelt feiert in diesem Jahr den 200. Geburtstag von Richard Wagner. Und er ist vor 130 Jahren gestorben. Er hat durch seine Neuerungen in der Harmonik Einfluss bis in die Moderne. Wagner wollte nicht nur Noten notieren, sondern ein Gesamtkunstwerk schaffen, indem er auch das Libretto und umfangreiche Regieanweisungen schrieb. Seine Musik gilt als schwer, langatmig und monumental. Er war der erste Komponist, der Festspiele gründete. Als Autor zeigte er antisemitische Züge. Die „Evangelische Zeitung” fragte, was an Wagner als gut oder schlecht gefunden wird.

Bernd Honig

Musik ist schwülstig

„Ich finde die Musik schwülstig,“ sagt Werner Grajewski, „aber trotzdem würde ich gerne einmal bei den Festspielen in Bayreuth dabei sein. Nur deshalb, um einmal den ganzen Trubel um die Prominenz mitzuerleben.“

Bei Hitler angebiedert?

Verena Blaschke meint: „Ja, ich weiß, wer Wagner ist. Aber er hat sich doch... Oder seine Nachkommen, die haben sich bei Hitler angebiedert. Und seine Musik soll auch so in dem Stil sein.“

Typisch deutsch

Peter Ondraschek erzählt: „Wagner ist typisch deutsch. Er gibt mir wenig, fast nichts. Ich bin Salzburger. Da ist mir der fröhlich-heitere Mozart lieber. Der ‘Wolferl’ steht mir näher, seine Musik ist mir verständlicher.“

Absolute Musik

Ruth König  sagt: „Man nennt mich häufig die ‘Klassik-Tante’, da ich ein Geschäft für Klassik und Jazz betreibe. Wagner begleitet mich seit 30 Jahren in meinem Leben. In Bayreuth habe ich seine Musik live erleben dürfen. Großartige emotionale Musik. Der Begriff ‘Absolute Musik’ paßt. Man versinkt dort drin.“

Wagner gibt mir alles!

Klaus Kay: „Richard Wagners Musik ist für mich höchste Vollendung. Das sage ich aus tiefstem Herzen. Wagner gibt mir alles. Ich spüre bei seiner Musik Wohlbefinden, Wohlbehagen. Einfach ein gutes Gefühl!“

Die ganze Umfrage zu Wagner auf ezonline