2013_07_15_schmal

Bild: epd-Bild

„Josef stirbt bald“

Tagesthema 14. Juli 2013

Wie Kindergartenkinder mit dem Tod umgehen

Die Kindergartenkinder lieben es, mit Josef Müller zu malen. Dass der Rentner krank ist und bald sterben könnte, wissen sie. Er hat daraus nie ein Geheimnis gemacht.

Draußen vor dem Kindergarten „Heilige Familie“ in Osnabrück zwitschern die Vögel, die Sommerblumen entfalten ihre Blütenpracht. Kinder rennen, schaukeln, klettern, bauen Burgen im Sand. Drinnen bereitet Josef Müller (Name geändert) liebevoll die Mal-Tische vor. Er legt auf jeden Platz ein Blatt Aquarellpapier und Pinsel, stellt Farbdosen und Wasserbecher auf. Die Sonne scheint warm durch die Fenster. Wenn der 72-Jährige mit den Kindern malt, vergisst er, dass er todkrank ist.

Meistens denken auch die Fünf- und Sechsjährigen nicht daran. Sie strengen sich an, abzumalen, was er vorgezeichnet hat: Wale, Dinosaurier, Zeppeline, Düsenjets. Und sie hören zu, wenn Josef erzählt. Wie Zeppeline fliegen, oder warum Dinosaurier ausgestorben sind. Aber sie wissen auch, was Tim (6) ganz offen ausspricht: „Josef stirbt bald.“

Josef Müller hat Krebs im oberen Abschnitt der Bauchspeicheldrüse. Die Ärzte hatten ihm im Oktober erklärt, dass die meisten Patienten mit dieser Diagnose selten länger als ein Jahr überleben. Als er wegen verschiedener Untersuchungen, Krankenhausaufenthalte und einer Chemotherapie immer mal wieder fehlte, wollten die Kinder wissen, was Josef denn habe.

Es sei richtig, mit den Kindern über Tod und Sterben offen zu reden, sagt Beate Alefeld-Gerges, leitende Mitarbeiterin im Trauerland Bremen, dem bundesweit ersten Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche: „Kinder haben da keine Berührungsängste.“ Für sie sei es hilfreich, wenn auch die Erwachsenen über den Tod als etwas Natürliches sprechen könnten.

Die Expertin plädiert dafür, das Thema in Kindergärten und Schulen fest zu verankern und zum Beispiel mit einem Gang über einen Friedhof zu verbinden. Dabei sei es besonders wichtig, auf Fragen und Einwände der Kinder einzugehen: „Die Kinder bestimmen das Tempo. Sie sollen wissen: Ich darf über alles reden, ich muss aber nicht.“ Dabei könne auch ein aktueller Krankheits- oder Todesfall den Anstoß geben. Zumal, wenn der Betroffene selbst den ersten Schritt gemacht hat.

Die Erzieherinnen und später Josef Müller selbst haben den Kindern erklärt, dass Krebs eine schlimme Krankheit ist, und dass er daran sterben werde. „Wenn jetzt die Malstunde ausfällt, fragen sie schon mal, ob Josef schon tot sei“, sagt Leiterin Petra Broxtermann.

Josef Müller war früher Werkzeugmacher und Maschinenbautechniker. Er war einige Jahre im Ausland und ist auf Schiffen über die Meere gefahren. Später hat er als technischer Kaufmann in Osnabrück gearbeitet. Er ist verheiratet, hat vier Söhne und drei Enkelkinder. „Ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Angst habe ich nur vor großen Schmerzen“, sagt er.

„Ich bin dankbar, dass ich dieses Alter erreicht habe“, ergänzt der Rentner. Kurz bevor er die Diagnose bekam, hatte der Hobbykünstler mit dem Kindergarten die Malstunden vereinbart. Er kommt einmal pro Woche: „Ich hatte schon immer Freude daran, mit Kindern umzugehen.“ Jetzt genießt er die Zeit mit ihnen besonders.

Wenn Josef da ist, zählt für alle nur das Malen: „Im Moment geht es mir gut und ich denke oft gar nicht an die Krankheit.“ Immer lobt er, was die Kinder aufs Papier bringen: „Mensch, Rasmus, toll, dass dein Flugzeug so viele Fenster hat.“ Die Kinder reißen sich um seine Gesellschaft: „Josef erzählt tolle Geschichten“, findet Claudia (5). Marisa (6) fragt staunend: „Josef, wie kannst du so gut malen?“ Und Josef antwortet: „Ich bin ja schon alt. Da konnte ich viel üben.“

Martina Schwager, epd

Und was meinen Sie?

worte_3
Bild: misterQM / photocase.com

Wie wichtig ist es, mit Kindern über Krankheit, Tod und Sterben zu sprechen? Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Thema Kinder und Trauer gemacht?

Schreiben Sie uns in unserem Forum.

Ihre Meinung - Tagesthemen auf www.wir-e.de

Schon über Tod nachgedacht

Der Kindergarten „Heilige Familie“ hat eine besondere Lage: Die Gemeindekirche nebenan ist gleichzeitig Urnenbegräbnisstätte. Die meisten Kinder wissen, dass sich in den Nischen hinter den Messingplatten Urnen verbergen, mit der Asche verstorbener Menschen darin. Sie haben Trauergesellschaften erlebt. Einige wie Tim, haben schon über ihren eigenen Tod nachgedacht: „Wenn ich mal tot bin, will ich mit Mama in so eine Schublade.“

Trauer mit Kindern

Ein trauriger Junge
Trauer ist ein ganz normales Gefühl - auch bei Kindern. Bild: lu-photo / fotolia.com

1. Du darfst so traurig sein, wie dir zumute ist. Manchmal ist das Gefühl, traurig zu sein, ganz stark, manchmal weniger stark. Auf jeden Fall ist deine Trauer ein ganz normales Gefühl.

2. Du darfst in deinem Schmerz weinen, schluchzen, schreien, stöhnen oder seufzen! Du darfst aber auch leise und still traurig sein. Oft tut es gut, die Trauer auszudrücken. Manchmal ist es aber auch gut, still für sich zu trauern. Du brauchst dich für nichts beim Trauern schämen.

Zehn Erlaubnisse für Kinder, die trauern

Den Tagen Leben geben

Gerade in der Palliativversorgung ist die Seelsorge angefragt. Als eine Form der spirituellen Begleitung gehört sie unmittelbar mit zu dem Team derer, die an der Versorgung beteiligt sind.

Das ist zum einen eine Chance, aber auch eine Herausforderung und bedeutet für uns als Seelsorgende, dass wir verstärkt und verständlich kommunizieren müssen, was unser Spezifikum ist und was wir anbieten.

Informationen und Kontakte zu Palliativversorgung, Hospizarbeit und Seelsorge in der hannoverschen Landeskirche