2013_07_09

BILD: öda / photocase.com

Raum für den Fluss

Tagesthema 08. Juli 2013

Bagger reißen Häuser ein, Menschen müssen umsiedeln: In Nimwegen verfolgt Holland sein ehrgeizigstes Projekt zum Schutz vor Hochwasser. Ein neuer Flussarm entsteht.

Im niederländischen Nimwegen geben Bürger für den Hochwasserschutz ihre Häuser auf

„Wir sind die Sicherheitsopfer“

Wo einst das Wohnhaus und die Werkstatt von KfZ-Mechaniker Frank Pluym standen, werden bald Wassermassen alles überfluten. Seit mehr als 20 Jahren hat der Niederländer direkt am Flussufer gelebt. Jetzt ist er umgezogen, um sich selbst und seine Mitbürger vor Hochwassern zu schützen. „Wir sind die Sicherheitsopfer“, sagt der 54-Jährige, fast ein wenig stolz. Unter dem Projekttitel „Raum für den Fluss“ schafft die Zerstörung von 50 Häusern im niederländischen Nimwegen mehr Platz für die Waal, einen Nebenfluss des Rheins.

Auch von seinem neuen Wohnhaus aus kann Pluym noch den dröhnenden Baulärm am Flussufer gegenüber der historischen Innenstadt hören. In Nimwegens Vorort Lent reißen Arbeiter mit Baggerschaufeln weitere Häuser ein und hinterlassen riesige Schutthaufen. Dort macht die Waal eine scharfe Kurve. Der Strom verlangsamt sich, und bei Flut steigen die Pegel dramatisch an. Bei den Hochwassern von 1993 und 1995 entkam die älteste Stadt der Niederlande nur knapp einer Katastrophe. 250.000 Menschen mussten evakuiert werden. Um das in Zukunft zu verhindern, wird nun in Nimwegen bis 2015 ein weiterer Flussarm gebaut. Der alte Deich wird zur Insel.

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Marga de Boer (50) vor ihrem mehr als 250 Jahre alten Reetdachhaus im niederländischen Nimwegen. Sie lebt seit mehr als 30 Jahren am Flussufer der Waal und muss in den kommenden Monaten ihr Haus räumen, da es im zukünftigen Überflutungsgebiet steht. Bild: Charlotte Morgenthal / epd-Bild

Seit Jahrhunderten haben sich die Niederländer darauf konzentriert, dem Meer Land abzutrotzen, erläutert Hans Brouwer vom staatlichen Büro für Wasserbau (Rijkswaterstraat). Die Flüsse hatten sie dabei nicht im Blick. „Es war eine Überraschung, dass auch das Inland überflutet werden kann.“ Ein Umdenken sei nötig gewesen, weil immer höhere Deiche keinen Schutz mehr boten.

Automechaniker Pluym sieht den Veränderungen gelassen entgegen. „Wir wussten schon seit 13 Jahren, dass wir weg müssen und konnten uns daran gewöhnen“, sagt er schulterzuckend. Von der Entschädigungssumme hat der 54-Jährige eine neue, moderne Auto-Werkstatt mit einer gläsernen Verkaufshalle gebaut. Wie viel Geld er bekommen hat, will er nicht sagen.

Das Projekt von Nimwegen ist eins von mehr als 30 Initiativen, die zukünftig rund vier Millionen Menschen vor Hochwassern im niederländischen Rhein-Delta schützen sollen. Es gilt aber unter anderem wegen der Umsiedlung von Menschen als das komplizierteste. Insgesamt investiert der Staat rund 2,3 Milliarden Euro in die Projekte. So bauen Landwirte ihre Höfe auf hohen Warften. Zudem werden Häuser entwickelt, die bei Hochwasser schwimmen können.

Das neue Wohnhaus von Pluym, seiner Frau Monique und den vier Kindern liegt immer noch im Vorort Lent, in dem sie seit 20 Jahren leben. Den Abriss des ehemaligen Hauses hat Monique Pluym gefilmt. „Ich wollte das für die Kinder dokumentieren“, sagt sie nüchtern. Zu den Gegnern des Projekts, die unter anderem vor der Regierung in Den Haag demonstrierten, gehörte sie nie. „Es hilft nur, miteinander zu reden“, sagt Pluym.

Das Miteinander sei wichtig, betont auch Karsten Schippereijn, Leiter des Projekts in Nimwegen. Die Stadt hat ihre Büros dafür neben die Baucontainer der Arbeiter mitten in dem zukünftigen Flussgebiet aufgebaut. Schulkinder des Ortes entwerfen Konzepte für die entstehende Insel. „Wir machen das hier für die zukünftigen Generationen, und das sind die Schüler von heute“, sagt Schippereijn.

Landschaftsplaner Mathieu Schouten fährt jede Woche mit dem Fahrrad durch die Baugebiete. Nach seinen Entwürfen soll am Ufer des neuen Flussarms ein Stadtpark entstehen, mit einem breiten Kai direkt am Wasser. „Natürlich hatten wir zu Anfang auch viele Gegner“, räumt Schouten ein. Doch bei der Präsentation seiner Pläne hätten viele Bewohner in Lent applaudiert.

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Unter dem Projekttitel "Raum für den Fluss" schafft die Zerstörung von 50 Häusern im niederländischen Nimwegen mehr Platz für etwaige Fluten. Auf dem Bild: Karsten Schipperejn aus Nimwegen. Bild: Flip Franssen / epd-Bild

Anwohnerin Marga de Boer schwankt noch zwischen Wehmut und Vorfreude. Ihr 250 Jahre altes Reetdachhaus muss dem Wasser weichen, denn es steht im zukünftigen Überflutungsgebiet unterhalb der geplanten Insel. Nur wenige Häuser auf dem Deich werden stehen bleiben. „Ich fühle mich schrecklich“, sagt die 50-Jährige. Seit 30 Jahren hat sie in unmittelbarer Nähe des Flusses gelebt. „Angst hatte ich nie.“ Über Videotext habe sie sich immer rechtzeitig über die Pegelstände des Rheins und der Waal informiert.

Gelitten hat sie vor allem unter der jahrelangen Unsicherheit, ob sie und ihr Mann bleiben können oder nicht. Mittlerweile sei nur noch die Hälfte der Nachbarn da, sagt de Boer und schaut traurig auf die gerade entstandenen Schutthaufen. Sie hat sich entschlossen zu bleiben und auf der neuen Insel ein modernes Wohnhaus zu bauen. Es soll ein Stück Wiedergutmachung sein, fügt de Boer zuversichtlich hinzu. Die roten Ziegel dafür sind aus dem Lehm der Waal entstanden. „Wir bauen das Haus aus dem Fluss.“

Von Charlotte Morgenthal (epd)

Sie wollen Ihre Meinung sagen? Ihre Geschichte erzählen?

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Elbblick über die Schutzmauer in Hitzacker. Bild: Patrick Piel / epd-Bild

Die Flut an der Elbe ist noch nicht lange her. Groß war die Solidarität auch von denen, die von der Flut nicht betroffen waren. Welche Geschichte ist Ihnen in Erinnerung geblieben? Wo sehen Sie die Herausforderungen für einen besseren Hochwasserschutz? Welche Meinung vertreten Sie bei der Frage, wie den Menschen in Flutgebieten schnell geholfen werden kann. Schreiben Sie in unserem Forum zu den Tagesthemen auf "wir-sind-evangelisch.de"

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Wasserbau-Experte: Beim Hochwasserschutz kreativ werden

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Blick auf die Elbe vom Schlossturm in Bleckede. Bild: Patrick Piel / epd-Bild  

Der Wasserbau-Experte André Niemann hat dazu aufgerufen, in den vorbeugenden Hochwasserschutz zu investieren. «Es geht darum, Menschen für Projekte zu begeistern, damit sie sich freiwillig beteiligen», sagte der Professor der Universität Essen-Duisburg dem Evangelischen Pressedienst (epd). Verstärkter Deichbau sei keine langfristige Lösung, urteilte er angesichts der diesjährigen Flut: „Deutschland muss kreativ werden.“

Es reiche nicht aus, im Nachhinein Entschädigungen zu zahlen, sagte Niemann: „Das ist nicht nachhaltig.“ Die Bundesregierung hat insgesamt acht Milliarden Euro für die Flutopfer bereitgestellt. Politiker müssten Bürgern stattdessen attraktive Anreize bieten, damit diese sich auf vorbeugenden Hochwasserschutz einließen. Dabei müsste die Bevölkerung auch besser über mögliche Risiken informiert werden.

Ein Vorbild könnten die Niederlande mit ihrem Projekt «Raum für den Fluss» sein, erklärte Niemann. In mehr als 30 Initiativen wird für rund 2,3 Milliarden Euro den Flüssen im Rhein-Delta mehr Platz geschaffen. „In Holland hat man sich das langfristige Ziel gesetzt, wieder mit dem Wasser zu leben, anstatt dagegen anzukämpfen“, sagte Niemann.

Da lang ansässige Landwirte in den Flussauen des Rhein-Deltas nicht dem Wasser weichen wollten, errichteten sie stattdessen hohe Warften. Auf diesen Erdhügeln bauen sie ihre Höfe neu auf. In der ältesten Stadt Nimwegen soll ein neuer Nebenarm den Fluss Waal entlasten. Rund 50 Häuser mussten dem Projekt weichen.

Während der Planung hätten die Bewohner selbst an Modellen ausprobieren können, welchen Einfluss der Klimawandel und steigende Wasserpegel auf ihre Region haben werden, sagte Niemann: „So wurde die Zukunft erlebbar.“ Auch in Deutschland lasse sich ein Bewusstsein für die Risiken nur entwickeln, wenn die Menschen ausreichende Informationen erhielten.

epd-Gespräch: Charlotte Morgenthal

Informationen zu Raum für den Fluss

In den Niederlanden konzentriert sich der Hochwasserschutz seit Jahrhunderten darauf, das Land in den Küstenregionen mit Deichen vor dem Meer zu schützen. Etwa 40 Prozent des Landes liegen unter dem Meeresspiegel. Zwei große Fluss-Hochwasser in den 1990er Jahren machten aber deutlich, dass auch das Binnenland in Zukunft von Fluten bedroht sein kann.

Die steigenden Pegel der Flüsse erforderten ein Umdenken, sagt Hans Brouwer vom staatlichen Büro Wasserbau. Immer höhere Deiche reichten als Sicherung nicht mehr aus. Das Büro begründete im Jahr 2006 das landesweite Programm «Raum für den Fluss» (ruimtje voor de rivier).

Das Programm umfasst mehr als 30 Projekte, die zukünftig den Hochwasserschutz an vier Flüssen garantieren sollen: Rhein, Waal, Ijssel und Meuse. Als kompliziertestes Projekt gilt eine Fluss-Erweiterung bei Nimwegen. Dort wird bis 2015 ein weiterer Flussarm gebaut. Eine kleine Insel wird dadurch entstehen. Rund 50 Häuser mussten für den geplanten Flusslauf Platz machen.

In anderen Flussauen im Rhein-Delta wollen Landwirte dem Wasser nicht weichen. Stattdessen errichten sie hohe Warften, auf denen sie ihre Höfe neu aufbauen. Zudem werden Häuser gebaut, die bei möglichen Fluten schwimmen können. Außerdem werden Flutkanäle vertieft und die Zahl sowie die Größe von Versperrungen wie Brückenpfeiler minimiert, so dass insgesamt im Rhein-Delta niedrigere Pegelstände zu erwarten sind. Der Staat investiert dafür insgesamt 2,3 Milliarden Euro.

epd