Sandbostel 6
Kreuze auf der Kriegsgräberstätte in Sandbostel. Bild: Dieter Sell/epd-Bild

Verdrängung und Verharmlosung

Tagesthema 30. Juni 2013

Jahrzehnte kämpften Überlebende des NS-Kriegsgefangenenlagers im niedersächsischen Sandbostel für eine Gedenkstätte. Spuren im Umfeld zeigen, dass die Geschichte lange verdrängt wurde. So war es in der Nachkriegszeit in ganz Deutschland.

Auf den Spuren des Terrors

Sandbostel 1
Baracken des ehemaligen NS-Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers im niedersächsischen Sandbostel. Bild: Dieter Sell / epd-Bild  

Ein paar Steinwürfe von Heinrichsdorf entfernt, irgendwo in den sumpfigen Wiesen, trompeten die Kraniche. Es sind die Junggesellen, die da rufen. Faule Gesellen, die sich den Flug zu den Brutplätzen in Skandinavien gespart haben. Nun sind sie Sommergäste am Huvenhoopsmoor im nördlichen Landkreis Rotenburg. Sie sorgen für die akustische Kulisse einer Idylle, die fast vergessen lässt, was hier vor 70 Jahren passiert ist.

Damals gab es Heinrichsdorf noch gar nicht, dafür aber an dieser Stelle eine Siedlung für die Wachmannschaften des benachbarten NS-Kriegsgefangenenlagers Sandbostel - eines der größten der Wehrmacht. Spuren davon finden sich noch immer in der rechtwinkligen Anlage des Dorfes und im ehemaligen Offizierskasino der Wachleute, das bis heute erhalten ist. „Zur Moorquelle“ heißt es auf einem Schild über dem Eingang der einstigen Baracke, die nun als Wohnhaus und gelegentlich noch als Gaststätte genutzt wird.

Etwa einen Kilometer entfernt steht auf dem 3,2 Hektar großen Areal der heutigen Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel ein bundesweit einzigartiges Ensemble historischer Lagerbauten. „Tatort, Erinnerungsort und Lernort zugleich“, sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) kürzlich bei der Eröffnung einer neuen Dauerausstellung. Es ist eine der wenigen Gedenkstätten am Ort eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers in Deutschland. Hier kamen Tausende Menschen aus mehr als 55 Nationen ums Leben.

Bund, Land, Kreis und die Reemtsma-Stiftung haben aufgrund der historischen Bedeutung einen siebenstelligen Betrag investiert, um den Gedenkort zu sichern. Baracken wurden vor dem Verfall gerettet, in zwei Gebäuden ist eine Dauerausstellung entstanden.

Aber es gibt mehr als die Dokumentations- und Gedenkstätte selbst. Die Spurensuche beginnt gleich nebenan, denn auf dem ehemals 35 Hektar großen Lagergelände entstand unter dem verschleiernden Titel „Immenhain“ ein Gewerbegebiet, zu dem heute noch viele ehemalige Lagergebäude zählen. Paradoxerweise waren es vielfach gerade diese Nachnutzungen, die verhinderten, dass die Baracken abgerissen wurden.

„Von ehemals mehr als 150 Gebäuden existieren noch 23“, bilanziert Andreas Ehresmann, Leiter der Gedenkstätte in Sandbostel. Nordöstlich in Sichtweite des Lagers gehören die ehemaligen „Absonderungsbaracken“ des Kriegsgefangenen-Lazaretts dazu. Hell gestrichen und mit neuem Dach ausgerüstet werden dort heute Dämmstoffe produziert. „Die Form der Gebäude verweist auf den Zusammenhang mit dem Lager“, erläutert Ehresmann.

Wer mit ihm unterwegs ist, lernt die Topographie des nationalsozialistischen Terrors in dieser Region zu sehen und zu deuten. Auch, dass es über Jahrzehnte nicht möglich war, hier eine Gedenkstätte zu errichten. Überlebende und engagierte Bürger stritten zwar dafür. Den Durchbruch brachte aber erst 2004 die Gründung der „Stiftung Lager Sandbostel“. Lange sei die Geschichte verdrängt und verharmlost worden, resümiert Kulturstaatsminister Neumann.

Sandbostel sei ein typisches Beispiel für Verdrängung der NS-Geschichte im Nachkriegsdeutschland, sagt Habbo Knoch von der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten. „Auf dem Gebiet des Deutschen Reiches gab es etwa 1.400 NS-Lager - davon waren in den 1950er Jahren nur Dachau, Flossenbürg, Bergen-Belsen und Neuengamme als Tatorte nationalsozialistischer Verbrechen ausgewiesen.“

Wie in Sandbostel mit der Geschichte umgegangen wurde, lässt sich auch an dem ablesen, was gerade nicht mehr zu sehen ist. So führen zum Lagerfriedhof etwa zwei Kilometer östlich in Sandbostel nur Schilder mit dem Hinweis auf Kriegsgräber. Hier stand bis 1956 ein martialisches Mahnmal der sowjetischen Militäradministration, das auf Veranlassung des niedersächsischen Innenministeriums abgerissen wurde. Es erinnerte an beigesetzte russische Soldaten und Offiziere mit dem Satz: „Zu Tode gequält in der Nazigefangenschaft.“

Fast 2.400 Steinplatten auf dem Gräberfeld der KZ-Opfer wurden in den 1980er Jahren entfernt, um das Areal leichter zu pflegen, wie es damals hieß. Damit verschwand aber auch ein bedrückender Blick auf die langen Steinreihen. Heute weitet sich an ihrer Stelle eine fast idyllisch anmutende Wiese, unterbrochen nur von einzelnen Steinkreuzgruppen. Nun verkünden drei Stelen aus Sandstein: „Euer Opfer - Unsere Verpflichtung - Frieden.“ Kein Wort mehr von den Verbrechen der Nazis.

Von Dieter Sell (epd)

Sie wollen Ihre Meinung sagen?

2012_11_27_1
Bild: misterQM / photocase.com

Wir haben ein Forum, dort lönnen Sie uns Ihre Meinung sagen, mit uns diskutieren, Themenvorschläge machen oder auch Ihre Erfahrungen mit einem Thema berichten - unkompliziert, einfach, ohne sich anzumelden und ohne , dass wir Ihre Daten abspeichern.

Direkt zu unserem Forum

Stichwort: NS-Lager Sandbostel

Im September 1939 richtete die Wehrmacht das Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager (Stalag) XB im niedersächsischen Sandbostel ein. Auf einem 35 Hektar großen Gelände mit mehr als 150 Baracken sollten bis zu 30.000 Kriegsgefangene untergebracht werden. Es war damit eines der größten Lager dieser Art der Wehrmacht überhaupt. Bis zur Befreiung durch britische Soldaten am 29. April 1945 durchliefen nach bisherigen Recherchen 313.000 Kriegsgefangene, Zivil- und Militärinternierte aus mehr als 55 Nationen das Lager.

Die meisten Gefangenen wurden in mehr als 1.100 Kommandos vor allem in der Landwirtschaft zur Arbeit gezwungen, aber auch in der Industrie und in der Rüstungsproduktion. Mindestens 5.200 Kriegsgefangene starben durch Hunger, Seuchen, Erschöpfung und Gewalt. Wahrscheinlich ist die Zahl der Toten wesentlich höher, doch seriöse Hinweise fehlen bisher.

Insbesondere den sowjetischen Kriegsgefangenen versagte die Wehrmacht den Schutz durch das Kriegsvölkerrecht. Noch kurz vor der Befreiung kamen rund 9.500 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme und seinen Außenlagern nach Sandbostel. Mehr als 3.000 von ihnen starben während des Transports, im Lager und in den ersten Wochen nach der Befreiung.

Zur Historie von Sandbostel gehört auch die Nachkriegsgeschichte, die das „Prinzip Lager“ an diesem Ort fortgesetzt hat. Nach der Befreiung errichteten die Briten in Sandbostel ein Internierungslager für Angehörige der Waffen-SS. 1948 übernahm das niedersächsische Justizministerium den Standort als Strafgefängnis, später wurde er als Notaufnahmelager für männliche jugendliche DDR-Flüchtlinge und als Bundeswehrdepot genutzt. 1973 übernahm die Gemeinde Sandbostel das Gelände und wies es als Gewerbegebiet „Immenhain“ aus.

Nach jahrzehntelangem Streit um einen Gedenkort auf dem Lagerareal erwarb die Stiftung Lager Sandbostel 2005 und 2008 einen Teil des ehemaligen Lagergeländes und richtete eine Gedenkstätte mit historischen Baracken ein. Ende April 2013 eröffnete Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) eine zweiteilige Dauerausstellung zur Geschichte von Sandbostel. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge organisiert Workcamps auf dem Gelände, die evangelische Kirche plant dort friedenspädagogische Arbeit.

epd

Stiftung Lager Sandbostel im www

Info

Öffnungszeiten der Gedenkstätte Sandbostel:

  • Ganzjährig montags bis freitags zwischen 9 Uhr und 16 Uhr.
  • Mai bis Oktober auch an allen Sonn- und Feiertagen.
  • An jedem zweiten und vierten Sonntag im Monat werden um 13 Uhr und um 15 Uhr kostenlose öffentliche Rundgänge angeboten.
  • Die Gedenkstätte organisiert Studien- und Projekttage für Erwachsenen- und Jugendgruppen.