2013_06_23_schmal

Bild: Michael Eberstein / EvZ

„Aktivbürger vor dem Herrn“

Tagesthema 22. Juni 2013

Der ehemalige Stadtsuperintendent Hans Werner Dannowski gilt als einer der prägenden Bürger Hannovers. Auch europaweit machte er sich einen Namen. Am Sonnabend feierte die Marktkirchengemeinde Hannover mit vielen Gästen den 80. Geburtstag des evangelischen Theologen, Autors und Filmkenners.

Hannovers ehemaliger Stadtsuperintendent Hans Werner Dannowski wird 80 Jahre alt

min-danno8
Hans Werner Dannowski bei seinem letzten Kunstgottesdienst im Sprengel-Museum. Bild: Michael Eberstein

Sein Erfolgsrezept hat der ehemalige hannoversche Stadtsuperintendent Hans Werner Dannowski einmal kurz mit „Menschen zu vertrauen“ beschrieben. Nach diesem Leitsatz wirkt der evangelische Theologe seit fast 40 Jahren in Hannover. Am Sonnabend wird er 80 Jahre alt. Auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand 1998 engagierte er sich weiter für Kunst, Kultur und Kirche. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) nannte den Jubilar einmal einen „Aktivbürger vor dem Herrn“.

danno6
Landesbischof Ralf Meister. Bild: Michael Eberstein

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, der seit vielen Jahren mit Dannowski befreundet ist, würdigt ihn als einen „Grenzüberschreiter“. Mit seinem Einsatz für die Arbeit von Stadtkirchen, für den Dialog mit jüdischen Theologen und für sein Engagement in Sachen Film und bildender Kunst habe er neue Handlungsräume für die Kirchen erschlossen. Der heutige Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann sagt über seinen Vorgänger: „Die Menschen lieben seine Predigten und seine unverwechselbare Art, mit Klugheit, Tiefsinn und Bildung das Wort zu ergreifen.“

Im damaligen ostpreußischen Königsberg aufgewachsen, erlebte Dannowski als Elfjähriger im Februar 1945 unter Artilleriebeschuss die Flucht über die vereiste Ostsee. An diesen „Marsch durch die Hölle“, wie er ihn später nennt, hat er keinerlei Erinnerung: „Dieser Tag ist für mich wie ausgelöscht.“

dano4
Hans Werner Dannowski und sein Enkel im Amt: Hans-Martin Heinemann, Stadtsuperintendent von Hannover. Bild: Michael Eberstein

In der neuen Heimat in der Lüneburger Heide galt der junge Dannowski bald als „Stürmer-Star auf dem Fußballplatz“. Nach dem Abitur und einem kurzen Gastspiel als Postinspektoranwärter entschied er sich für die Theologie. 1974 kam er als Superintendent nach Hannover-Linden. Von 1980 an leitete er den Stadtkirchenverband mit damals rund 280.000 Christen.

Dannowski war Mitbegründer der Konferenz der evangelischen Stadtsuperintendenten und Stadtdekane aus deutschen Großstädten und 16 Jahre lang ihr Vorsitzender. Diese Konferenz ist aus dem Konzept der „offenen City-Kirchen“ hervorgegangen. Mit dem Anspruch, dass Kirchen nicht nur sonntags geöffnet sind, hatte der Theologe sein Amt übernommen: „Ich wollte eine offene, gastfreundliche Kirche mitten in der Stadt schaffen.“

danno1
Bernd Strauch, 1. Bürgermeister von Hannover, gratuliert dem früheren Stadtsuperintendenten. Bild: Michael Eberstein

Mit dem ökumenischen Projekt „Kunst in Kirchen Raum geben“, das sechs Innenstadtkirchen dreier Konfessionen einbezog, machte Dannowski bundesweit von sich reden. Einige Kunstausstellungen führten zu heftigen Kontroversen darüber, was in der Kirche erlaubt ist: „Diese Auseinandersetzungen müssen sein, sonst kommen wir nicht weiter“, betonte der Kunstliebhaber.

Beim wöchentlichen „Treffpunkt Marktkirche“ führte Dannowski mehr als 1.000 Gespräche mit Prominenten und Nicht-Prominenten. Mit dem damaligen Landesrabbiner Henry G. Brandt war er zehn Jahre lang im öffentlichen Austausch und erinnert: „Diese Dialoge haben das Klima in der Stadt verändert. Die Resonanz war ungeheuer.“ 

danno5
Gespannte Zuhörende - von links nach rechts in der ersten Reihe: Hans Werner Dannowski, Edith Dannowski, Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann, Landsbischof Ralf Meister. Bild: Michael Eberstein

Nach Brandanschlägen auf türkische Familien Anfang der 90er Jahre, organisierte der Theologe Lichterketten und Sternmärsche gegen Ausländerfeindlichkeit. Genauso viel lag ihm daran, Partnerschaften zu pflegen: mit Städten in Großbritannien, Polen und Russland sowie mit Leipzig.

Auch europaweit machte sich der Dannowski einen Namen: als jahrelanger Filmbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sowie als Präsident und seit 2003 als Ehrenpräsident der internationalen ökumenischen Film-Organisation „Interfilm“.

Dannowski habe stets seine Überzeugung gelebt, „dass wir Bürger der einen Welt sind“, sagt Stadtsuperintendent Heinemann: „Von dieser Offenheit sind sein Glaube und seine Wirkungsgeschichte geprägt.“ 

Ulrike Millhahn (epd)

In diesem Jahr: Abschied des Predigers

min-danno10
Bild: Michael Eberstein

Mit einem derartigen Zulauf hatte wohl selbst Hans Werner Dannowski nicht gerechnet. Rund 600 Menschen hörten ihm zu bei seiner letzten Kunstpredigt im Sprengelmuseum. Nach gut 30 Jahren beendete der ehemalige Stadtsuperintendent von Hannover diese erfolgreiche Reihe. Und wie schon bei seiner ersten Predigt am 5. Februar 1983 widmete sich Dannowski dem Bild vom „Verlorenenen Sohn“ von Max Beckmann.

„Die Kirche kommt ins Museum“, so nannte Gabriele Sand, die Kustodin des Museums, diesen Dialog von Kunst und Kirche. Hans Werner Dannowski sei es gelungen, dafür die Perspektive zu öffnen mit Predigten über Joseph Beuys, Niki de St. Phalle, Picasso oder Gerhard Richter. Zweimal jährlich, zu Pfingsten und zum Ewigkeitssonntag, schickte Dannowski seine Zuhörer auf eine Entdeckungsreise in die Zusammenhänge ästhetischer und religiöser Erfahrungen. Und er stellte Fragen an die gesellschaftlichen und theologischen Hintergründe, erklärte Sand. „Vergessen Sie nicht, dass die Kunst nur ein Weg ist, nicht das Ziel“, zitierte die Kustodin Rainer Maria Rilke. Dannowski habe die Besucher auf diesem Weg mitgenommen und die Hoffnung auf die Einlösung dieses Versprechens gegeben.

Erinnerung an die KunstGottesdienste im Sprengelmuseum Hannover

Einfach Evangelisch: Unser Autor Hans Werner Dannowski

original-10cbede6308b16212d84c0242ebde6f5
Cover

Ob ein pesönlicher Blick auf Wilhelm Busch oder auf die Kantaten von Johann Sebastian Bach, ob die Predigten aus 30 Jahren Kunstgottesdienste oder die Erinnerung an die Stalingrad Madonna, aber auch Bücher über die Kirchen Hannovers oder Klöster im Umland: Hans Werner Dannowski schafft es auch in gedruckten Texten seine Leserinnen und Leser direkt anzusprechen und mit hinein zu nehmen in eine Welt, die er zu erklären bereit ist. Landesbischof Ralf Meister erläuterte zu seinem 80. Geburtstag: Dannowski habe eine „Kunst der Predigt“ in der Marktkirche initiiert, die bis heute währe: „Du bist ein Weiterdenker“. Auch die Fülle seiner Veröffentlichungen seien intelligent, treffsicher und humorvoll:„Du wolltest verstanden werden, und Du wirst verstanden.“ Und dabei bleibt es immer bei einem einladenden Augenzwinkern - wenn auch nicht so direkt wie bei Wilhelm Busch:

„Wie schad, daß ich kein Pfaffe bin.

Das wäre so mein Fach.
Ich bummelte durchs Leben hin
Und dächt' nicht weiter nach.

Mich plagte nicht des Grübelns Qual,
Der dumme Seelenzwist,
Ich wüßte ein für allemal,
Was an der Sache ist.

Und weil mich denn kein Teufel stört,
So schlief' ich recht gesund,
Wär' wohlgenährt und hochverehrt
Und würde kugelrund.

Käm' dann die böse Fastenzeit,
So wär' ich fest dabei,
Bis ich mich elend abkasteit
Mit Lachs und Hühnerei.

Und dich, du süßes Mägdelein,
Das gern zur Beichte geht,
Dich nähm' ich dann so ganz allein
gehörig ins Gebet."

Mit diesem Gedicht von Wilhelm Busch endet Dannwowskis gleichnamiges Buch über den niedersächsischen Dichter

Die Bücher von Hans-Werner Dannowski bei einfach-evangelisch.de

Notizen aus der Personalakte

Eine Andacht hatte sich Hans Werner Dannowski gewünscht. Die Marktkirchengemeinde kam diesem Wunsch zum 80. Geburtstag gern nach. Es dürfte nur wenige Anlässe gegeben haben, bei der so viele Besucher zu einer Andacht in der Marktkirche versammelt waren. Rund 300 Freunde und Wegbegleiter gratulierten dem ehemaligen Stadtsuperintendenten.

Dannowskis „Enkel im Amt“ (O-Ton Dannowski), der derzeitige Stadtsuperintendent Hans Martin Heinemann, legte in der Andacht die Jahreslosung „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebr. 13,14) aus und sprach von einer gnädigen Zusage, die durch das ganze Leben trage.

Landesbischof Ralf Meister, der sich als „Schüler“ Dannowskis betrachtete, regte in der Geburtstagsfeier nach der Andacht eine Glosse auf Personalakten an. Er habe, um mehr über den Menschen Hans Werner Dannowski zu erfahren, in dessen Personalakten gesucht. Diese mögen zwar wichtig für die Verwaltung sein, sagte Meister, „doch neben Taxiquittungen für zu spät beantragte Dienstfahrten oder Notizen über einen Glatteisunfall erfährt man daraus nichts über den Menschen.“ 

„Ein Weiterdenker“

dano4
Hans Werner Dannowski und sein Enkel im Amt: Hans-Martin Heinemann, Stadtsuperintendent von Hannover. Bild: Michael Eberstein

Immerhin gab es dann dort doch eine Prüfungsnotiz: „Dannowski vermag selbstständig zu denken, klar zu ordnen und präzise zu formulieren.“ Meister, dem Jubilar schon länger freundschaftlich verbunden, hob denn auch Dannowskis „Leidenschaft zum Wort“ hervor. Er habe daraus eine „Kunst der Predigt“ in der Marktkirche initiiert, die bis heute währe: „Du bist ein Weiterdenker“. Auch die Fülle seiner Veröffentlichungen seien intelligent, treffsicher und humorvoll:„Du wolltest verstanden werden, und Du wirst verstanden.“

Zudem habe Dannowski in der Kunst, in Malerei, Film und Musik die Kulturen entdeckt, die wie die Religion Fragen stellten. Für die Stadt wie die Kirche sei Dannowski ein Lehrer gewesen, sagte Meister. Und er dankte für „die vielen Ideen, mit denen du uns begeistert hast – und manchen auch verärgert.“ Besonderer Dank, so sagte der Bischof, gebühre Dannowski aber für seine Menschenfreundlichkeit und seine Treue zu vielen Menschen. Dazu komme seine wunderbare Begabung der Bescheidenheit.

„Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit“

danno10
Gratulanten. Bild: Michael Eberstein

Redner in der mit viel Musik und Wilhelm-Busch- Zitaten bereicherten Geburtstagsfeier waren der ehemalige Oberbürgermeister Hannovers, Herbert Schmalstieg, der ein „Kinderlied“ des kurdischen Dichters Sherka Bekas zitierte, die Publizistin Christine Razum, die von lebensbegleitenden Engeln und märchenhaften Nachtigallen sprach, sowie die landeskirchliche Kulturbeauftragte Julia Helmke, die ein illustriertes Kinderbuch („Die Entdeckung des Hugo Cabret“ von Brian Selznik) empfahl, das von der Magie des bewegten Bildes berichtet. Helmke ist seit zwei Wochen Nach-Nachfolgerin Dannowskis im Präsidentenamt der protestantischen Filmorganisation Interfilm.

In seinen Dankesworten spürte der Jubilar seinem Verhältnis zur Zeit nach: „Ich komme eigentlich immer zu spät“. Wenige Momente seines Lebens seien ihm noch als wichtig im Gedächtnis: Abitur, Hochzeit, Geburt des Sohnes... Und dann die Szene mit dem kleinen „Hansi“, der im Kornfeld liegend davon träumte, später Bauer werden zu wollen. Doch dann zog auf der Reichsstraße 1 die Infanterie vorbei, und auf dem Bahngleis rollten die Truppentransporte: An Dannowskis achten Geburtstag, dem 22. Juni 1941, überfiel Hitlers Armee die Sowjetunion: „Die Zeit geriet aus den Fugen.“

Doch, so zitierte Dannowski aus dem ersten Aufzug von „Parsifal“: „Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit“. Diesen Raum gebe die Marktkirche, die – trotz des zeitgleichen hundertsten Geburtstags des Rathauses – immer noch die Mitte der Stadt sei, geprägt von den Gebeten durch die Jahrhunderte, aber auch als Raum „wo das Versagen der Kirche spürbar ist.“ In diesem Raum habe er vor zwei Wochen bei der Verlesung des Lukas-Evangeliums (von dem Hausherrn, dem die Gäste fernbelieben und der stattdessen Arme und Kranke einlud) den entscheidenden Satz zum ersten Mal bewusst gehört: „Es ist aber noch Raum da.“ Das sei der Raum der Zuwendung Gottes. Dannowski beendete seinen Dank mit dem Gebet: „Meine Zeit, o Gott, meine Zeit steht in deinen Händen.“

Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Zur Ansprache von Landesbischof Ralf Meister