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Bild: Ulrich Ahrensmeier

Das Kirchenjahr

Tagesthema 08. Juni 2013

Durch das Jahr

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Stephan Cezanne. Bild: privat

Das christliche Festjahr gehört zu den großen kulturellen und gesellschaftlichen Leistungen in der Geschichte der Kirche. Es ist dasspirituelle Zeitsystem für rund zwei Milliarden Christen weltweit und bietet den Menschen, die es in ihren Jahresalltag integrieren, geistige Struktur, inneren Halt und Wegbegleitung durchs Leben. Die einzelnen Stationen des Kirchenjahres erinnern nach der Lehre der Kirche an Gottes Handeln durch Jesus von Nazareth. Sein Werdegang spiegelt im Verlauf des Kirchenjahres die wesentlichen Aspekte und Fragen des menschlichen Daseins: Geburt, Sterben, Auferstehung, Tod und Weltende.

Das Kirchenjahr ist geprägt vom Weihnachts- und Osterfestkreis, die in der evangelischen und in der katholischen Kirche im Wesentlichen übereinstimmen und damit einen Pfeiler der Ökumene bilden, sowie von den einzelnen Sonntagen. Das weltliche Jahr beginnt am 1. Januar. Das Kirchenjahr bereits am ersten Adventssonntag. Der Begriff „Kirchenjahr“ tauchte erstmals Ende des 16. Jahrhunderts auf, als die kirchliche und die weltliche Kalenderordnung zunehmend auseinanderdrifteten.

Die heutige Gestalt des Kirchenjahres hat sich in einem jahrhundertelangen Prozess entwickelt und war seit der Entstehung des Christentums zahlreichen Änderungen ausgesetzt. Dieses Buch beschreibt die Kirchenfeste aus zum Teil ungewohntem Blickwinkel. Es erklärt die großen christlichen Hauptfeste und ihren Bezug zur Praxis der Kirche und dem Alltag der Menschen.

Von Stephan Cezanne

Fixpunkte im Strudel der Zeit

Das Kirchenjahr besteht aus dem Zirkel der christlichen Feste. Das älteste Fest, bezeugt seit dem zweiten Jahrhundert, ist Ostern. Im vierten Jahrhundert kamen Weihnachten und Pfingsten hinzu. Das Erntedankfest, bis heute kein offizieller, aber ein üblicher Bestandteil des Kirchenjahres, gehört seit dem dritten Jahrhundert zum Kanon. Das katholische Fronleichnamsfest wird seit dem 13. Jahrhundert gefeiert, die Trauertage im November – Allerheiligen, Allerseelen und Totensonntag – wurden seit dem Mittelalter etabliert.

Zeit wird erfahrbar durch Wiederholungen: Im Naturjahr sind dies Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Daneben hat der Mensch die Zeit schon früh in künstliche Abschnitte eingeteilt. Das alte China kannte die Zehn-Tage-, die Römer die Acht-Tage-Woche, aus dem Mesopotamien des achten vorchristlichen Jahrhunderts ist bereits eine Sieben-Tage-Woche überliefert. Innerhalb dieser Zyklen wurde meist ein Tag besonders hervorgehoben und gefeiert: In der jüdischen Welt ist dies bis heute der Sabbat, Muslime heiligen den Freitag, Christen den Sonntag. Alle diese Zeitsysteme haben eines gemeinsam: Die Zeit wird unterteilt, gemessen und markiert, damit die Lebenszeit möglichst sinnvoll und gut genutzt werden kann – nicht nur hinsichtlich optimaler Arbeitsleistung und Effektivität, sondern auch, um idealerweise Balance zwischen Ruhe und Aktivität, Arbeit und Muße, Anstrengung und Entspannung sowie Betriebsamkeit und Kontemplation zu erreichen.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stöhnen immer mehr Menschen darüber, dass ihre Zeit aus dem Gleichgewicht und das Koordinatensystem des Lebens aus den Fugen gerät. Aktivität, Arbeit und Anstrengung bestimmen weite Teile des Lebens. Der globale Wettbewerb verstärkt diese Tendenz, während der Ausgleich durch Ruhe, Muße und Entspannung bei vielen – oder gar den meisten – zu kurz kommt. Zugleich werden Millionen vom Erwerbsleben, das eine wesentliche Rolle für die gesellschaftliche Anerkennung und Integration spielt, unfreiwillig ausgeschlossen. Diese Problematik erschwert den befriedigenden Umgang der Menschen mit der ihnen zugeteilten Zeit ...

Aus dem Buch: "Per Anhalter durch das Kirchenjahr"