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Bild: Jens Schulze/ epd-Bild

Schutz vor Verfolgung

Tagesthema 28. Mai 2013

Im zentralen Aufnahmelager Friedland in Niedersachsen finden Christen aus Syrien Schutz

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Ablenkung für Menschen, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen sind, im Grenzübergangslager Friedland. Bild: Benedikt Vallendar

„Endlich in Sicherheit, das war mein erster Gedanke, als ich in Friedland ankam", sagt Julya Nasrallah (24). Nie werde sie den Moment vergessen, als sich die Bustür auf dem Parkplatz vor dem Grenzübergangslager in Niedersachsen öffnete und ihr Menschen Blumen und Plakate mit der Aufschrift „Welcome to Germany“ entgegen hielten. In diesem Augenblick lag eine mehrmonatige Odyssee durch den Nahen Osten hinter Julya und ihrer Familie. Die junge chaldäische Christin aus Syrien und ihre Familie haben inzwischen ein vorübergehendes Bleiberecht erhalten. Vorsichtig nippt Julya an einer Tasse Kaffee. Die zierliche Frau fröstelt. Trotz Frühling sind das Temperaturen, die sie aus Jordanien, wo sie vorher gelebt hat, nicht kannte.

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Frauen mit Kindern vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen. Bild: Benedikt Vallendar

Das Lager Friedland ist ein „Kind“ des Zweiten Weltkrieges und verdankt seine Entstehung den britischen Besatzungsbehörden. In der unmittelbaren Nachkriegszeit war es erste Anlaufstation für Vertriebene und Soldaten, die Jahre in sowjetischer Gefangenschaft verbracht hatten. Noch heute erinnert eine Glocke im Kirchturm von Sankt Norbert an die Anfänge des Lagers. Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs kommen fast wöchentlich christliche Flüchtlinge nach Friedland, das nur zwei Kilometer von der ehemaligen, innerdeutschen Grenze zu Thüringen entfernt liegt. Unter ihnen sind Verheiratete und Alleinstehende, und auch solche, die mit ihren Verwandten ausreisen konnten. Zu viert oder sechst leben die Flüchtlinge in knapp 14 Quadratmeter großen Zimmern, wie in einer Kaserne. Friedland ist auch eine so genannte Inlandsresidentur des Bundesnachrichtendienstes (BND). Zur Aufnahmeprozedur gehört daher immer auch eine Vernehmung durch den deutschen Auslandsnachrichtendienst.

Christen helfen Christen

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Im Grenzübergangslager Friedland. Bild: Benedikt Vallendar

Unterstützung bei ihren ersten Schritten in der Fremde bekommen die Neuankömmlinge von kirchlichen Hilfsorganisationen wie der katholischen Caritas oder der evangelischen Diakonie. „Als erstes muss ich Deutsch lernen“, sagt Julya in relativ fließendem Englisch. Das sei im Moment das Wichtigste, sagt sie. Danach würde sie gerne Floristin werden. In Damaskus hat Julya zeitweilig in einem Hotel gearbeitet. Nach dem Aufstand gegen das Assad-Regime wurde die Situation für Christen unerträglich. Der Aufstand gegen den Diktator mündete keineswegs in mehr Freiheit. „Das Gegenteil war der Fall“, sagt Julya. Mit dem Verfall der staatlichen Ordnung traten selbst ernannte Gotteskrieger auf den Plan, die die Christen der Kollaboration mit dem Westen bezichtigten und wahllos gegen sie losschlugen. Fast täglich gibt es in Syrien Anschläge auf christliche Einrichtungen und Geschäfte. Nachdem eine Freundin der Familie auf offener Straße erschossen worden war, stand für Julya und ihre Eltern fest: Wir müssen das Land verlassen. In Windeseile verkauften sie die kleine Wohnung, die Möbel, den Fernseher, das alte Moped ihres Bruders und die kleine Werkstatt für Haushaltsgeräte, mit der der Vater die Familie ernährt hatte. Mit knapp 3.000 US-Dollar im Gepäck machten sie sich auf den Weg nach Jordanien, wo sie am Stadtrand der Hauptstadt Amman in einem heruntergekommenen Wohnblock Unterschlupf fanden. „In Jordanien lebten wir mehrere Monate von unseren Ersparnissen“, sagt Julya. Arbeit gab es so gut wie keine. Die Geschwister konnten nicht zur Schule gehen. „Wären wir nur einen Monat länger geblieben, hätten wir betteln gehen müssen“, sagt Julya. Die ersten Schritte in Deutschland sind getan. „Wir haben schon einen Ausflug nach Göttingen gemacht“, sagt sie. Die gepflegte Innenstadt und das reichhaltige Warenangebot hätten ihr gut gefallen. Ebenso die grüne, bergige Landschaft im christlich geprägten Eichsfeld, wo es so „viele schöne Kapellen und Marienstatuen“ gibt. Im Nahen Osten sei alles braun und staubig, und in den großen Städten litten viele Menschen an Asthma, sagt Juyla. Bei einem Bauern konnten die junge Frau und ihre Geschwister für kleines Geld einen Laib Brot, Salami und eingelegte Gurken kaufen. „Deutschland ist ein gutes Land“, sagt Julya, mit guten Menschen und gutem Essen.

Von Benedikt Vallendar

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Bischof Meister verlangt mehr Hilfe für syrische Flüchtlinge

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Landesbischof Ralf Meister aus Hannover fordert von der deutschen Politik mehr Hilfe für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. „Es ist unsere christliche Pflicht, alles zu tun, damit mehr Flüchtlinge aufgenommen werden können“, sagte er nach einem Gespräch mit dem syrisch-orthodoxen Bischof Hanna von Palmyra in Berlin. In Syrien seien mehrere Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Gewalt.

In den Staaten der Europäischen Union hätten bisher jedoch nur 40.000 syrische Flüchtlinge Zuflucht gefunden. Die Nachbarländer Syriens seien bereits am Rande dessen, was sie leisten könnten. „Ich appelliere an die Verantwortlichen, wenigstens die hier lebenden Syrer ihre Angehörigen zu sich holen zu lassen“, sagte Meister. In Syrien sind etwa zehn Prozent der 20 Millionen Einwohner orthodoxe Christen.

epd

Landesbischof Ralf Meister:
Zur Situation der syrischen Flüchtlinge

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Landesbischof Ralf Meister

Verzweifelt starrt die Welt auf den Bürgerkrieg und die internationale politische Lähmung und Hilflosigkeit. Der eben erschienene Menschenrechtsreport von amnesty international zählt auf: In Syrien sind mehrere Millionen Menschen auf der Flucht, weltweit sind es unfassbare 43 Millionen Menschen, die einen Unterschlupf und vor ein klein wenig Sicherheit suchen. Sie habe bisher noch keine so schlimme humanitäre Katastrophe erlebt und es sei kein Ende des Wahnsinns in Syrien in Sicht sagte die EU-Nothilfekommissarin Kristalina Georgiewa.

Amnesty fordert zu Recht die europäischen Staaten auf, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Die Nachbarländer sind schon am Rande dessen, was sie leisten können. Aus Syrien haben bisher nur 40.000 Flüchtlinge in den EU-Staaten Zuflucht gefunden. Eine derart restriktive Asylpolitik sei eines Friedensnobelpreisträgers "unwürdig", meint amnesty.

Meine Gespräche mit Bischof Hanna von Palmyra, der mir von der Aufnahme syrischer Flüchtlinge in Berlin berichtete, haben mir noch mal ganz klar vor Augen geführt: Es ist unsere christliche Pflicht, alles zu tun, damit mehr Flüchtlinge aufgenommen werden können.

Vielleicht ändert das an der Gesamtlage nichts und ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, vielleicht ist nicht immer jedes Detail klug, vielleicht wird auch mal das Asyl missbraucht, vielleicht…. Dem ist entgegenzusetzen: Wie ein roter Faden zieht sich durch die Bibel das ganz klare Gebot, Fremde und Schutzsuchende aufzunehmen. Dieser Akt der Barmherzigkeit hat für unsere jüdisch-christliche Tradition eine zentrale Bedeutung: „Ich war fremd - ihr habt mich aufgenommen“ (Matthäus 25, 35). Ich appelliere an die Verantwortlichen, wenigstens die hier lebenden Syrer ihre Angehörigen zu sich holen zu lassen und kritisch zu überprüfen, wie wir den Menschen helfen können, die seit zwei Jahren in einem umkämpften Land leben.

Landesbischof Ralf Meister, Hannover