2013_05_27

Bild: epd-bild / Swen Pförtner

Tiefschlaf unterm Scheunendach

Tagesthema 26. Mai 2013

Mit Wärmflaschen werden Pilger in der neuesten Herberge auf dem Weg zwischen Loccum und Volkenroda begrüßt. Die ehemalige Scheune beim Kloster Bursfelde hat keine Heizung. Dennoch sind Unterkünfte am Wegesrand gefragt. Pilgern liegt im Trend.

Eine neue Herberge am Pilgerweg Loccum-Volkenroda lockt mit ungewöhnlichem Komfort

Unter dem Dach einer jahrhundertealten Scheune erwachen rund 20 Jugendliche an einem noch kühlen Morgen. „Das war bisher die beste Nacht, ich habe richtig tief geschlafen“, erzählt die 19-jährige Resa Martens und streckt ihre schmerzenden Füße aus dem Doppelstockbett. Die neue Pilgerherberge im Kloster Bursfelde bei Hann. Münden ist ihre letzte Station einer fünftägigen Wanderung auf dem Pilgerweg zwischen dem niedersächsischen Loccum und dem thüringischen Volkenroda.

Die 19-jährige Lisa Wöckener aus Hildesheim ist schon aufgestanden, hat ihren Rucksack gepackt und blickt sich noch einmal um. „Ich hatte mir unter einer Scheune etwas Schlimmeres vorgestellt“, sagt sie sichtlich erleichtert. Vor einem Jahr wurde die Herberge unweit der etwa 900 Jahre alten Klosterkirche am Weserufer eingeweiht. In die Scheune sind fünf Wohncontainer aus Spanplatten eingebaut. In jedem Abteil können Wanderer auf Doppelstockbetten schlafen.

Klaus Stemmann von „Kirche im Tourismus“ der hannoverschen Landeskirche betont, dass jährlich etwa 3.000 Menschen, ausgestattet mit einem speziellen Pilgerpass, zu Fuß unterwegs sind. In diesem können sie jede Station mit einem Stempel besiegeln. Generell schätzt er die Zahl der Wanderer weitaus höher. „Pilgern ist in der Gesellschaft angekommen“, erklärt der Diakon. Dabei entdeckten immer mehr Jugendliche den Trend.

Auch die Gruppe, die sich im Aufenthaltsraum zwischen den Containern zum gemeinsamen Frühstücken versammelt, ist von der gemeinsamen Erfahrung begeistert. Alle absolvieren in kirchlichen Einrichtungen ein Freiwilliges Soziales Jahr. Fünf Tage sind sie rund 50 Kilometer des Weges gelaufen, auf dem schon Zisterzienser-Mönche im 12. Jahrhundert unterwegs waren.

Für viele war das Pilgern mehr als einfaches Wandern. Die meisten hatten ihre Mobiltelefone die Woche über ausgeschaltet. „Das hat einfach keine Rolle gespielt“, ergänzt Martens. Tägliche Andachten am Abend und am Morgen gehörten unterwegs zur willkommenen festen Tagesstruktur. Eine kirchliche Bleibe für ihre große Gruppe fand sich allerdings nicht immer.

Neben gewerblichen Hotels oder Pensionen bieten Diakon Stemmann zufolge insgesamt 42 Kirchengemeinden Übernachtungsmöglichkeiten am Weg an. Viele seien nicht ganz so komfortabel wie die neueste Herberge in Bursfelde. „Einige Gemeinden bieten in ihren Häusern einfach zwei oder drei Isomatten oder Matratzen an.“ Um als kirchliche Herberge in Wanderführer gelistet zu werden, dürften diese pro Nacht nicht mehr als 15 Euro verlangen.

Vor der Herberge sitzt die Pilgerbetreuerin Angela Temmen in der Morgensonne. Sie gehört zu einem Team von Ehrenamtlichen, die abwechselnd die Neuankömmlinge mit frischen Handtüchern oder Bettwäsche versorgen und für Fragen da sind. Temmen kennt die Belange der Wanderer aus eigener Erfahrung. „Ein Pilger muss es vor allem warm haben, wenn er ankommt“, sagt sie. Da es im Haus keine Heizung gibt, verteilt die 60-jährige Herbergsmutter abends Wärmflaschen und Decken.

Die Jugendlichen schnüren sich an der Türschwelle ein letztes Mal die Wanderschuhe. Betreuerin Temmen drückt jedem zum Abschied den Stempel mit dem Abbild des Klosters in den Pilgerpass. Mit einem Reisesegen verabschiedet sie die Fortziehenden. Darin wünscht Temmen den Jugendlichen, dass Gott ihnen Kraft gibt: „Für den Weg der vor Dir liegt.“

Von Charlotte Morgenthal (epd)

Ein Hinweis: Akademietagung zum Pilgern
Highway to health – Pilgern auf Rezept?

Tagung der Evangelischen Akademie Loccum in Kooperation mit dem Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers am 9. bis 10. August 2013

Pilgern tut gut. Aber inwiefern? Zusammen mit Medizinern, Soziologen, Psychologen und Theologen wollen wir nach dem gesundheitlichen Nutzen des Pilgerns fragen und den Zusammenhang von spiritueller Praxis, Heilung und Heil näher bedenken: Was tut gut? Wie viel Anstrengung soll sein? Wie viel des Erhofften ist selbstverdient, wie viel wird geschenkt? Welche Faktoren bewirken Nachhaltigkeit?

Aus dem Inhalt: Kleine Typologie des Pilgers – Pilgern ist gesund! – Pilgern kann Balsam für die Seele sein – Pilgern: Notwendiges Heilmittel für eine kranke Gesellschaft? – Pilgern als Heilsweg? – Pilgern auf Rezept?

Referenten: Amélie zu Dohna (Theologin), Patrick Heiser und Christian Kurrat (Sozialwissenschaftler), Sabrina Metzner (Medizinerin), Prof. Dr. Notger Slenczka (Theologe), Klaus Stemmann, Leitender Referent Kirche im Tourismus im Haus kirchlicher Dienste) u.a.

Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Voranmeldung

Pilgerweg Loccum-Volkenroda

Der ökumenische Pilgerweg zwischen dem Kloster Loccum bei Nienburg und dem thüringischen Kloster Volkenroda bei Mühlhausen ist rund 300 Kilometer lang. Fast 100 Kirchen und Klöster säumen den Wanderweg. Sein Anfang und Ziel stehen in einer besonderen Beziehung zueinander, weil das Kloster Loccum, das in diesem Jahr sein 850-jähriges Bestehen feiert, 1163 von Zisterziensermönchen aus Volkenroda gegründet wurde. Ein für die Expo 2000 in Hannover gestalteter Christuspavillon wurde ein Jahr später in Volkenroda neu aufgebaut.

Der Pilgerweg wurde 2005 von der damaligen hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann in Hameln eröffnet. Seit 2008 liegt die Organisation des Pilgerwegs in Trägerschaft des Hauses Kirchlicher Dienste der hannoverschen Landeskirche. Dieses bietet Karten- und Informationsmaterial an und bildet ehrenamtliche Pilgerbegleiter aus.

Das Wegzeichen des Pilgerwegs ist ein violettfarbenes Radkreuz auf weißem Grund. Die Vorlage befindet sich im Torhaus des Klosters Loccum, das über einem Eingang ein bischöfliches Weihekreuz aus der Mitte des 13. Jahrhunderts zeigt. Jährlich sind den Angaben zufolge rund 3.000 Pilger mit Pilgerpass auf dem Weg unterwegs. Die eigentliche Zahl wird weitaus höher geschätzt.

epd