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Rollen und was sie mit Menschen machen

Tagesthema 23. Mai 2013

Wer seiner Rolle entspricht, ist zufriedener
Das Wohlbefinden im Beruf hängt auch davon ab, ob man seine Rolle kennt und sie ausfüllen kann

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Bild: epd-bild / Alexander Stein / JOKER

„Soziale Rolle“ ist ein dem Theater entlehnter Begriff der Soziologie und Sozialpsychologie. Laut Definition umfasst die „Soziale Rolle“ die Gesamtheit der einem bestimmten Status (Mutter, Vorgesetzter, Seelsorger, etc.) zugeschriebenen „kulturellen Modelle“, die sich aus Erwartungen, Werten, Handlungsmustern und Verhaltensweisen herausbilden.

Es wird dabei zwischen kulturellen Rollen, die die jeweilige Kultur dem Individuum zuschreibt, sozialen Differenzierungen und situationsbezogenen Rollen, die zufällig entstehen, unterschieden.

Soziale Akteure befinden sich ihr Leben lang in unterschiedlichen sozialen Rollen, mitunter agieren sie in mehreren Rollen gleichzeitig in verschiedenen sozialen Umfeldern, die sich nur in geringem Maße überschneiden. Das kann zu Rollenkonflikten führen.

Evangelische Zeitung

Pro: Bestimmte Aufgaben erfordern bestimmte Rollen

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Winfried Wershofen

Dr. Merker ist enttäuscht. Zum Leiter des neuen Forschungsprojektes ist nicht er, sondern sein Kollege Dr. Zielke berufen worden. Und das, obwohl beide vergleichbar gut qualifiziert sind. Mit einem Unterschied: Während sein Kollege in Konferenzen sehr eloquent ist, meldet sich Dr. Merker kaum zu Wort. Zur neuen Leitungsrolle gehört jedoch auch die Präsentation des Projektes auf internationalen Tagungen. Dr. Merker hätte die Chance gehabt, sich auf die Leitungsrolle vorzubereiten: Auf seinem Schreibtisch lag die Anmeldung für ein Rhetorik-Seminar.

Das Beispiel macht deutlich, wie wichtig es ist, sich die Anforderungen bestimmter Aufgaben eines Berufes und die damit verbundene Rolle bewusst zu machen. Um eine Arbeitsrolle gut auszufüllen, kann man rollenkonformes und -notwendiges Verhalten einüben. Dadurch wird die Identifikation mit der Rolle gefördert, es bleibt nichts an „Bringschuld“ offen.

Diese eigene Arbeitsrolle gut auszufüllen und dabei möglichst viele persönliche und berufliche Kompetenzen einzubringen, schafft ein großes Maß an Zufriedenheit. Dazu zwei Beispiele: Frau Markowski muss ein ellenlanges Konferenzprotokoll anfertigen. Drei Stunden anstrengender Arbeit stehen ihr bevor. Aber statt die Aufgabe aufzuschieben, macht sie sich an die Arbeit. Dabei hilft ihr das Bewusstsein, dass bestimmte – auch ungeliebte – Aufgaben erfüllt werden müssen, weil sie zum Rollenrepertoire gehören. Sport- und Chemielehrer Schwarz ist neu an der Schule. Als Alpinist hat er eine Kletter-AG aufgebaut. Mit ihrer Hilfe gelingt es ihm, auch zu drei „schwierigen“ Schülern einen guten Kontakt aufzubauen und sie in das Schulleben besser zu integrieren. Er nutzt mit seinen Stärken bewusst die Gestaltungsmöglichkeiten seiner Rolle.

Vielleicht ist es auch für einen Gemeindepfarrer sinnvoll, außerhalb der Öffnungszeiten den Anrufbeantworter anzuschalten. Unbegrenzte Erreichbarkeit und Nächstenliebe zeugen meines Erachtens von einer nicht gut abgeklärten Rolle. Das ist auf Dauer nicht gut für das eigene Wohlergehen.

Winfried Wershofen, Soziologe

Contra: Starre Rollen hemmen die Kreativität

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Gudrun Nolte-Wacker

Wir alle nehmen in unserem Leben unterschiedliche soziale Rollen ein, die mit verschiedenen Werten und Normen der Gesellschaft belegt sind. Viele dieser Rollen, wie zum Beispiel die „Frauenrolle“ oder bestimmte Berufsrollen sind mit einem strengen Verhaltenskodex verbunden. Dies hemmt die Kreativität und verhindert den Blick über den eigenen Tellerrand. Die Berufsrolle der Frau hätte sich in den letzten fünfzig Jahren nicht so grundlegend verändern können, wenn Frauen nicht begonnen hätten, gegen eine starre und mit hohen Sanktionen belegte Rollenzuweisung zu rebellieren. Im Zuge des Neudenkens und Umdenkens von Rollenbildern ist Veränderung und Weiterentwicklung erst möglich gewesen.

Die heutige Gesellschaft und damit auch die Arbeitswelt werden von Vielfalt bestimmt. Das heißt auch, dass starre Berufsrollen ihre Bedeutung schon lange verloren haben. Für die Menschen in der Arbeitswelt eröffnet das neue Horizonte und heißt eben nicht, dass Verhalten eingeübt und Rollenkonform abgeliefert werden muss.
Um die Vielfalt und die Begabungen der Menschen richtig einzusetzen ist es wichtig ihre Motive zu kennen, die sie leiten und begeistern. Starre Rollenbilder schränken die Potenziale der Menschen da viel zu sehr ein und führen häufig zu Frustrationen auf beiden Seiten.

In einem Dienstleistungs- und serviceorienerten Unternehmen zum Beispiel, ist es wenig sinnvoll viel Geld für Schulungen in Kommunikation und Service auszugeben, wenn die Interessen oder Persönlichkeitsstrukturen der Mitarbeitenden ganz woanders liegen. Anders ausgedrückt: in der heutigen Personalentwicklung geht es um das Heben der Potentiale der Mitarbeitenden und ob die Aufgaben, die es zu erfüllen gibt, zu ihrem Persönlichkeitstyp passt. Starre Rollenzuordnungen stehen einer flexiblen Ausrichtung der Arbeitsprozesse dabei eher im Wege.

Jedem Menschen tut es gut, von Zeit zu Zeit seine angenommenen Rollen zu reflektieren und sich gegebenenfalls von alten zu verabschieden.

Gudrun Nolte-Wacker, Leiterin des Kirchlichen Diensts in der Arbeitswelt der Nordkirche.

Die Rolle(n) unseres Lebens

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In welche Rollen zwängen die modernen elektronischen Medien?. Bild: epd-Bild

Hirte, Manager, Seelsorger und selten mal Privatperson. Wenige Arbeitnehmer müssen in ihrem Berufsleben so viele unterschiedliche Rollen ausfüllen wie Pastoren. Ganz zu schweigen von deren Ehefrauen, die ihre Rolle als „Frau Pastor“ bei der Hochzeit jahrhundertelang gleich ungefragt dazu bekamen. Mit dem Aufweichen traditioneller Geschlechterrollen gehört diese Vorstellung glücklicherweise weitgehend der Vergangenheit an. Und doch verfolgen uns unsere Rollen gewissermaßen auf Schritt und Tritt. Eben noch als diszipliniertes Chormitglied Teil einer harmonischen Klangwolke, geben wir als Eltern plötzlich selbst den Takt vor, oder schlüpfen in die Rolle des geduldigen Patienten beim Arztbesuch. Engen Rollen uns ein oder geben sie uns Halt?

Von Carsten Splitt, Evangelische Zeitung

Weiteres zum Thema "Lebensrollen" bei der Evangelischen Zeitung

Gehört die Einheit der Christen zu den wichtigsten Anliegen des neuen Papstes?

Jeder Papst hat bei der Gestaltung seines Amtes Spielraum, meint der Hamburger Erzbischof Werner Thissen. Es gibt Anzeichen, dass sich Papst Franziskus für die Einheit der Christen stark machen wird.

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Erzbischof Werner Thissen

„Jetzt beginnen wir diesen Weg – Bischof und Volk –, den Weg der Kirche von Rom, die den Vorsitz in der Liebe führt gegenüber allen Kirchen; einen Weg der Brüderlichkeit, der Liebe, des gegenseitigen Vertrauens. Beten wir immer füreinander.“ Mit diesen Worten stellte sich der argentinische Kardinal Bergoglio am Abend seiner Wahl als Papst Franziskus den Menschen auf dem Petersplatz vor. Der neugewählte Papst machte mit diesen Worten deutlich: Mit dem von ihm nun angetretenen Amt füllt er die Rolle eines Dieners aus. Er ist der „servus servorum Dei“, der „Diener der Diener Gottes“, wie es Papst Gregor im 6. Jahrhundert formulierte. Er ist der Diener eines Volkes, das selbst dazu berufen ist, Gott und den Menschen zu dienen. Dieses Volk vertraut darauf, dass es vom Papst und den Bischöfen im eigenen Dienst gestärkt und begleitet wird.
Jeder Papst füllt das ihm übertragene Amt auf eigene Weise aus. Papst Benedikt gab uns mit seinen Lehrschreiben und Büchern tiefe theologische und geistliche Einsichten mit auf den Weg. Papst Franziskus überzeugt die Menschen in den ersten Wochen seines Pontifikats mit seiner spontanen Art, seiner Bescheidenheit und seinen direkten Worten, wie den eingangs zitierten.

Spätestens seit dem II. Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren ist allen Päpsten das Bemühen um die Einheit der Christen ans Herz gewachsen. In seiner Enzyklika „Ut unum sint“ aus dem Jahr 1995 unterstreicht Papst Johannes Paul II. die Rolle des Papstes für die Ökumene der Christen. Er schreibt, dass im Amt des Bischofs von Rom das sichtbare Zeichen und der Garant der Einheit bewahrt sei. Dieses Amt beinhalte Vollmacht und Dienst zugleich. Es lebt ganz aus der Barmherzigkeit Gottes. Damit steht es in der Nachfolge des besonderen Sendungsauftrags, den Jesus Christus dem Petrus übertrug, im Wissen, dass es dieser war, der ihn drei Mal verleugnet hatte.

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Begenung von Papst Franziskus und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Nikolaus Schneider. Bild: epd-de

Johannes Paul II. lädt gleichzeitig alle dazu ein, ein Gespräch über die Rolle des Papstes aufzunehmen. Er nennt das „eine ungeheure Aufgabe … die ich alleine nicht zu Ende bringen kann.“ Er äußert den Wunsch an alle kirchlichen Verantwortlichen und deren Theologen, einen „brüderlichen, geduldigen Dialog“ aufzunehmen. Fruchtlose Polemiken gelte es zu vermeiden. Einzig den Willen Christi für seine Kirche sollten wir im Sinn haben. Leider hat dieser Aufruf bisher wenig Widerhall gefunden.

Ich fand es ein schönes Zeichen, dass der erste Deutsche, der Papst Franziskus besuchte, der Ratsvorsitzende der EKD Nikolaus Schneider war. Gerade die Tatsache, dass dieser Termin schon seit langem feststand macht deutlich, dass ein neuer Papst viele Anliegen von seinen Vorgängern übernimmt. Der sehnsuchtsvolle Wunsch nach einer vertieften Einheit aller Christen ist eines dieser Anliegen.
„Beten wir immer füreinander.“ Diese Worte von Papst Franziskus gingen mir bei den Gottesdiensten des Evangelischen Kirchentags durch den Kopf. Das gemeinsame Gebet ist das stärkste Zeichen unserer Hoffnung auf Einheit. Ich freue mich, dass Papst Franziskus es seinen Vorgängern nachtut und uns ermutigt, den Weg der immer größeren Einheit gemeinsam zu gehen.

Werner Thissen, Erzbischof von Hamburg

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Bild: misterQM / photocase.com

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