wagner_schmal

Bild: Franz Hanfstaengl [Public domain], via Wikimedia Commons

Richard Wagner: Musik und Mitleid

Tagesthema 21. Mai 2013

Zeitlebens hat sich Richard Wagner am Christentum abgearbeitet. Manche meinen gar, der Komponist mit Hang zum Größenwahn wollte den Grundstock zu einer eigenen Kunstreligion legen. 

Richard Wagners merkwürdiges Verhältnis zur Religion

Portrait-Wagner
Richard Wagner. Bild: epd-bild / akg-images  

„Der Seelenfänger“ titelte jüngst eine Wochenzeitung über Richard Wagner. An dem berühmten Komponisten und dessen bizarrer Auffassung von Kunst und Religion scheiden sich zwei Jahrhunderte nach seiner Geburt am 22. Mai 1813 noch immer die Geister. Friedrich Nietzsche nahm die quasireligiöse Verehrung, die Wagner schon zu Lebzeiten entgegenschlug, bitterböse aufs Korn: „Wenn Wagner zum Erlöser werden konnte, wer erlöst uns von dieser Erlösung? Wer erlöst uns von diesem Erlöser?“

Noch heute betreten jene, die den Komponisten verstehen wollen, gefährliches Gelände. Wagners Welten: Das ist emotionaler Treibsand, ideologischer Irrgarten, musikalische Hypnose, Fegefeuer und Paradies zugleich. Bis heute polarisiert er stark: Für seine Musik wird er geradezu vergöttert, für seine theoretischen Schriften und seinen Antisemitismus verteufelt. Ein Genie mit fragwürdigem Charakter und stets an der Schwelle zum Größenwahn. Sein Ausspruch „Die Welt ist mir schuldig, was ich brauche!“ wurde zum geflügelten Wort.

Wagner-mit Koenig-Ludwig
Richard Wagner mit König Ludwig von Bayern. Bild: epd-bild / akg-images  

Das Wagnersche Spinnennetz, mit er seine Anhänger fängt, besteht aus nordischer Mythologie, kompositorischen Grenzüberschreitungen, moralischen Wechselbädern und religiös-philosophischen Konstruktionen. Doch es lässt sich auch ein roter Faden finden, der sich vor allem mit zwei Begriffen verknüpft: „Erlösung“ und „Mitleid“. In fast allen großen Opern des gebürtigen Leipzigers geht es um „Erlösung“ und um ein Opfer, das für ein höheres Ziel gebracht wird - so in „Der fliegende Holländer“, „Tannhäuser“ und „Tristan und Isolde“. Selbst im „Ring des Nibelungen“ müssen die Hauptfiguren sterben, ehe die Welt vom todbringenden Fluch des Goldes befreit werden kann.

1882, ein Jahr vor seinem Tod, teilt Wagner mit seiner als „Bühnenweihfestspiel“ bezeichneten letzten Oper „Parsifal“ seine Heilsbotschaft für die Menschheit mit: Die aufrichtige Anteilnahme am Schicksal anderer Menschen („durch Mitleid wissend“) ist Voraussetzung für eine entsündigte, vom Bösen befreite Gemeinschaft. Diese Befreiung schien dem Künstler bitter nötig. Er war Zeitzeuge der industriellen Revolution mit ihren sozialen Folgen und wirkte aktiv an der Revolution von 1848/49 mit, nach der er mehr als ein Jahrzehnt ins Exil verbannt wurde.

Mit den Themen Erlösung und Mitleid stellt er auch zwei zentrale Begriffe der christlichen Lehre in den Mittelpunkt. Zeitlebens hatte sich der Protestant Wagner an der christlichen Religion, ihren Symbolen und Ritualen abgearbeitet, sie infrage gestellt. Er meinte, mit Hilfe der Kunst könne so etwas wie eine Reformation des Christentums stattfinden, das er durch eine in ihren Strukturen erstarrten Kirchen am Rand der Dekadenz sah.

Hartnäckig hält sich die These, Wagner habe mit „Parsifal“ den Grundstock für eine eigene Kunstreligion legen wollen und das Bayreuther Festspielhaus als „Tempel“ errichtet. Theologen sind sich bis heute uneinig in der Bewertung des „Parsifal“. Der Protestant Peter Steinacker, ehemaliger Kirchenpräsident der hessen-nassauischen Kirche, kommt zu dem Schluss, dass Wagner „wirklich eine neue Religion mit Ritus, Kultus und Mythos gründen wollte„. Die Titelfigur Parsifal, urteilt Steinacker, stehe bei Wagner in Analogie zu Jesus.

Der Münchner evangelische Theologe Jan Rohls sieht das anders. Der Komponist habe den „Geist des Christentums“ durchaus positiv gedeutet, jedoch jenseits von „Konfessionen, Dogmen und Kirchen“. Dabei habe sich Wagner bewusst als Protestant gefühlt.

1878 hatte der Gründer der Bayreuther Festspiele seine frisch vollendete "Parsifal"-Partitur an Nietzsche geschickt - mit der ironischen Widmung „Richard Wagner (Oberkirchenrat)“. Der entfremdete Freund übersah den Schabernack, den Wagner mit der Religion trieb, wenn er später über „dies zuckersüße Bimbambaumeln, dies Nonne-Äugeln, Ave-Glockenbimmeln, dies ganze falsch verzückte Himmel-Überhimmeln“ lästerte. Tief enttäuscht, dass Wagner nicht wie er selbst zum freigeistigen Atheisten wurde, dichtete der Pfarrersohn Nietzsche: „Weh! dass auch du am Kreuze niedersankst!“

Der Tod des Komponisten 1883 war für die internationale Wagnergemeinde der Beginn einer kaum zu fassenden Heiligenverehrung - angesichts von Wagners Religionsverständnis wundert es nicht, dass aus ihm eine quasi religiöse Figur wurde. Witwe Cosima, die aus Liebe zu ihrem Mann zum Protestantismus übergetreten war, scharte in Bayreuth einen Zirkel von Getreuen um sich, der eifrig an einer völkisch-antisemitischen Wagnerdeutung arbeitete. So legte der Bayreuther Kreis einen Grundstein für das ideologische Fundament des Nationalsozialismus.

Von Wolfgang Lammel und Bernd Buchner (epd)

Pomp und Peinlichkeiten

Wagner-mit-seiner-Frau-Cosima
Richard Wagner mit seiner Frau Cosima. Bild: epd-bild / akg-images  

Die Kulturwelt feiert den 200. Geburtstag des Komponisten Richard Wagner 2013 mit Konzerten, Ausstellungen und einer Bücherschwemme ... 

Richard Wagner (1813-1883) ist 2013 allgegenwärtig. Im jüngst angelaufenen Film „Ludwig II.“ über den wagnerversessenen Bayernkönig brilliert Edgar Selge in der Rolle des Komponisten, der zeitlebens zwischen Bohème und biederer Bürgerlichkeit schwankte. Opernhäuser in aller Welt zeigen zum Jubiläum den „Ring“. Dabei glänzt vor allem Achim Freyers Mannheimer Inszenierung, die am 22. März mit der „Götterdämmerung“ endet. In Italien gab es schon Streit, weil die Mailänder Scala ihre Konzertsaison mit Wagner begann und nicht mit Verdi, der ebenfalls 1813 geboren wurde ... 

Weitere Informationen zum Richard-Wagner-Jahr und viele Bücher über Richard Wagner

Zur Person: Richard Wagner

  • 1813 : 22. Mai Geburt in Leipzig
  • 1831/32 : Studium an der Universität, Unterricht bei Thomaskantor Weinlig
  • 1833/39 : Dirigent in Würzburg, Magdeburg, Königsberg und Riga
  • 1840 : Aufenthalt in Paris, Begegnung mit Meyerbeer und Heine
  • 1842 : Uraufführung „Rienzi“ in Dresden
  • 1843 : Uraufführung „Fliegender Holländer“, Hofkapellmeister
  • 1849 : Mairevolution, Ausweisung aus Dresden
  • 1850 : Uraufführung „Lohengrin“ in Weimar, Schrift „Das Judentum in der Musik“
  • 1852/58 : „Asyl“ in Zürich, Affäre mit Mathilde Wesendonck
  • 1864 : Begegnung mit Ludwig II. von Bayern
  • 1865 : Uraufführung „Tristan und Isolde“ in München
  • 1868 : Uraufführung „Meistersinger von Nürnberg“ in München
  • 1870 : Hochzeit mit Cosima v. Bülow, geb. Liszt
  • 1872/74 : Umzug nach Bayreuth, Bau von Festspielhaus und Haus Wahnfried
  • 1876 : Erste Festspiele, Uraufführung „Der Ring des Nibelungen“
  • 1882 : Uraufführung „Parsifal“
  • 1883 : 13. Februar Tod in Venedig

epd