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Bild: Michael Eberstein

Drei Jahrzehnte erfolgreiche Predigtreihe

Tagesthema 20. Mai 2013

Abschied des Predigers

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Hans Werner Dannowski und das Bild seiner ersten und letzten Predigt im KunstGottesdienst: Wie vor dreißig Jahren - der verlorene Sohn von Max Beckmann. Bild: Michael Eberstein / Evangelische Zeitung

Mit einem derartigen Zulauf hatte wohl selbst Hans Werner Dannowski nicht gerechnet. Rund 600 Menschen hörten ihm zu bei seiner letzten Kunstpredigt im Sprengelmuseum. Nach gut 30 Jahren beendete der ehemalige Stadtsuperintendent von Hannover diese erfolgreiche Reihe. Und wie schon bei seiner ersten Predigt am 5. Februar 1983 widmete sich Dannowski dem Bild vom „Verlorenenen Sohn“ von Max Beckmann.

„Die Kirche kommt ins Museum“, so nannte Gabriele Sand, die Kustodin des Museums, diesen Dialog von Kunst und Kirche. Hans Werner Dannowski sei es gelungen, dafür die Perspektive zu öffnen mit Predigten über Joseph Beuys, Niki de St. Phalle, Picasso oder Gerhard Richter. Zweimal jährlich, zu Pfingsten und zum Ewigkeitssonntag, schickte Dannowski seine Zuhörer auf eine Entdeckungsreise in die Zusammenhänge ästhetischer und religiöser Erfahrungen. Und er stellte Fragen an die gesellschaftlichen und theologischen Hintergründe, erklärte Sand. „Vergessen Sie nicht, dass die Kunst nur ein Weg ist, nicht das Ziel“, zitierte die Kustodin Rainer Maria Rilke. Dannowski habe die Besucher auf diesem Weg mitgenommen und die Hoffnung auf die Einlösung dieses Versprechens gegeben.

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Beides fest im Blick: Prediger und das Bild von Max Beckmann. Bild: Michael Eberstein / Evangelische Zeitung

Dannowski bat zunächst um spontane Eindrücke beim Betrachten des Bildes. Sie reichten von „düster“ über „viel Sinnlichkeit“ bis zu „Geld allein macht nicht glücklich – und soll das schon alles gewesen sein?“ Dann sprach der ehemalige Stadtsuperintendent von der „Macht der inneren Bilder“. Diese Bilder stammten aus der Vergangenheit und dienten der Selbstvergewisserung. Beckmanns „Verlorener Sohn“ sei ein hintergündiges Gemälde. Vordergründig zeige es den typischen Vertreter der Generation der Erben. Von ihm könnte der Satz stammen: „Eure Armut kotzt mich an.“ So etwas würde ihm sein Bruder vorwerfen, den Dannowski in einem der beiden am rechten Rand des Gemäldes auftauchenden Gesichter ausmachte.

Doch den Lärm der Party übertöne eine andere Stimme. Sie stammt von dem zweiten Mann am Rand, dem Vater. Sie lässt die äußere Welt versinken, Erinnerungen tauchen auf. Der Vater werde dem Sohn das Desaster seines Lebens benennen und ihn nicht schonen – aber auch nicht sitzen lassen. Ähnlich hintergründig sei auch Jesus gewesen. Er habe auch einfache Geschichten erzählt. „Aber man hätte ihn nicht ans Kreuz geschlagen, wenn er nur ein harmloser Anekdotenerzähler gewesen wäre.“ Seine gefälligen Geschichten und Bilder stellten die Welt auf den Kopf, „das Evangelium von Jesus baut an unseren Träumen und Visionen.“ Die großen Maler hätten über Jahrhunderte hinweg kaum etwas Wichtigeres im Bilde festgehalten als diese Konturen einer neuen, anderen Welt.

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Lars Stroemer spielt mit dem Saxophon seine Interpetation des "Verlorenen Sohnes". Bild: Michael Eberstein / Evangelische Zeitung

Ein ähnliches Zukunftspotenzial liege auch in dem Beckmann-Gemälde vom „Verlorenen Sohn“, sagte Dannowski. Es zeige den harten Kontrast von der Verlockung der äußeren Welt und der Unanschaulichkeit, Unbegreifbarkeit des inneren Lebens. „Aber man unterschätze nicht die Kraft der inneren Bilder“, riet Dannowski. „Mitten in den Mühen und Lasten des Alters höre ich die Botschaft Jesu: Vergrabt Eure Träume vom Gelingen des Lebens nicht.“

Die Kunstpredigten der jüngeren Jahre (seit 2005) sind jetzt in einem Buch erschienen: „Ausblicke“ stammt von Dannowski, der Kustodin Sand und der Kulturbeauftragte im Haus kirchlicher Dienste, Julia Helmke. Das Buch enthält nicht nur die Predigttexte und Abbildungen der jeweiligen Kunstwerke, sondern auch ein längeres Gespräch zwischen den drei Autoren:„Predigten heißt, eine Erlebniswelt eröffnen“.Darin verweist Dannowski unter anderem darauf, dass in jüngerer Zeit die Kunstgottesdienste auch mit moderner Musik angereichert wurden. Beim Abschluss-Gottesdienst war jetzt Lars Stoermer (Saxofon/Klarinette) zu hören. „Das schockiert manchmal die Leute“, sagt Dannowski. Doch Stoermer traf offenbar den richtigen Ton, wie der ihm zugedachte Beifalls verdeutlichte.

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Und die Bitte um eine Signatur vom Autor. Bild: Michael Eberstein / Evangelische Zeitung

Landesbischof Ralf Meister schreibt in dem Buch in seiner Würdigung über Dannowski: „Seine Liebe zur Ästhetik hat die Kirche immer wieder von ihrer theologischen und kirchenpolitischen Selbstliebe befreit. Eine Befreiung, der wir auch heute immer noch bedürfen.“

Wohl auch deshalb begrüßten die 600 Zuhörer der Kunstpredigt Dannowskis die Ankündigung von Gabriele Sand und Julia Helmke, dass die Predigtreihe im kommenden Jahr fortgesetzt werden soll – dann allerdings ohne den höchst kompetenten und dennoch verständlich sprechenden Hans Werner Dannowski. Mit lang anhaltendem Beifall dankten ihm die Zuhörer für die außergewöhnliche und über drei Jahrzehnte erfolgreiche Predigtreihe.