2013_05_18

Bild: jala / photocase.com

Haushaltsbuch statt Handy auf Pump

Tagesthema 17. Mai 2013

Der „Finanzführerschein“ soll Schüler vor der Schuldenfalle bewahren

Schuldenwaage
Schuldnerberaterin Angelika Leuning (45) vermittelt mit einer Schuldenwaage finanzielles Grundwissen. Auf der einen Waagschale liegen gelbe Holzklötze, die die Einnahmen eines Privathaushaltes wie Arbeitslohn und Kindergeld darstellen; auf der anderen Waagschale liegen rote Klötze, stellvertretend für die zahlreichen Ausgaben wie Miete, Kredite, Auto,Telefon etc. Bild: epd-bild / Dieter Sell

Nicks (Namen der Schüler geändert) Eltern haben ihm mit Geld aus der Klemme geholfen: „Ich habe illegal Musik runtergeladen“, gibt er kleinlaut zu. Marcs ältere Schwester zahlt 120 Euro pro Monat für einen Handyvertrag: „Sie wollte das beste Smartphone und unbegrenzt surfen.“ Einige Zehntklässler der Jahn-Hauptschule in Diepholz wissen aus eigener Erfahrung, wie man in die Schuldenfalle geraten kann. Auf ihrem Stundenplan steht deshalb die Vorbereitung auf den „Finanzführerschein“. Dafür ist Ute Strathmann, Schuldnerberaterin der Kirchenkreise Diepholz und Syke-Hoya, in die Klasse gekommen.

Haushaltsplan
Haushaltsplan. Bild: epd-bild / Werner Krüper

Vor allem falsches Konsumverhalten führe zu Überschuldung, erläutert Strathmann. Jugendliche und junge Erwachsene trifft es zumeist, wenn sie in das Berufsleben einsteigen und - gerade volljährig geworden - eine eigene Wohnung mieten. Der Verdienst ist gering, die Wünsche sind vielfältig: Möbel, Auto, Fernseher, Elektrogeräte, Computer, neues Handy.

Von Ratenkauf und Kontoüberziehung rät die Expertin ab - wegen der hohen Zinsen. Außerdem vergessen viele, dass Brot, Butter und Toilettenpapier auch Geld kosten. „Da kann man leicht den Überblick über seine Ausgaben verlieren.“ Damit es soweit nicht kommt, rät die Expertin, ein Haushaltsbuch zu führen - „auch wenn es uncool ist“.

Bevor die Schüler den „Finanzführerschein“ erhalten, wird geprüft, ob sie die Schwierigkeiten im Umgang mit Handy, Internet, Girokonto und eigener Wohnung kennen, und wie sie ihnen aus dem Weg gehen. Denn in die Schuldenfalle tappen einige unversehens. Strathmann erzählt von drei Jugendlichen, die aus Spaß eine Turnhalle unter Wasser gesetzt haben. Nick und seine Freunde feixen: „Echt cool!“ Die Expertin hält kurz inne und ergänzt: „Spätestens wenn sie 18 sind, müssen sie den Schaden zurückzahlen - mehrere Zehntausend Euro.“

Smartphone
Smartphone. Bild: epd-bild / NielsDK

Der Verein Schuldnerhilfe Essen hat den Finanzführerschein 2005 entwickelt. Beratungsstellen und Schulen in ganz Deutschland setzen das Instrument mittlerweile ein. Eigentlich sollten schon Kinder im Kita- und Grundschulalter für das Thema sensibilisiert werden, sagt Vereinsvorsitzender Wolfgang Huber: „Es muss normal werden, dass man über Geld und auch seine Schulden spricht.“

Vom Schuldenproblem seien oft arme und bildungsferne Familien betroffen, sagt Huber. „Sie wissen nicht, wo sie Informationen bekommen, und sie scheuen sich, Hilfe zu suchen.“ Die Eltern können ihren Kindern den vernünftigen Umgang mit Geld nicht vermitteln: „Die Schulden und das Schuldenmachen werden quasi weiter vererbt.“ Schulen könnten helfen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Doch Wissen allein reicht nicht, schränkt Huber ein. Umfragen hätten gezeigt, dass sich die Einstellung der jungen „Finanzführerschein-Inhaber“ kaum ändere. Sie wollen nach wie vor das neueste Handy, die hippen Klamotten und ein eigenes Auto. Die Schuldnerhilfe hat, unterstützt vom nordrhein-westfälischen Familienministerium, einen Kurzfilm zum Thema produziert. „Ich kauf mich happy“ soll die Jugendlichen dazu anregen, sich mit ihrem Konsumverhalten kritisch auseinanderzusetzen.

Ute Strathmann erzählt den Schülern, dass sie selbst gern ein iPhone hätte, obwohl ihr altes Handy eigentlich ausreicht. Es sei eher so ein Gefühl, dazu gehören zu wollen. „Doch dann habe ich mich gefragt: Brauche ich das wirklich, um mich besser zu fühlen? Kann ich mir das überhaupt leisten?“

Von Martina Schwager (epd)

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Bild: misterQM / photocase.com

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