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 Jenny Erpenbeck 2012, Bild: CC Lesekreis

„Aller Tage Abend“

Tagesthema 16. Mai 2013

Evangelischer Buchpreis für Jenny Erpenbeck

Erpenbeck. Aller Tage Abend
Cover

Die Berliner Autorin Jenny Erpenbeck ist mit dem Evangelischen Buchpreis ausgezeichnet worden. Sie erhielt die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung des Verbandes Evangelisches Literaturportal mit Sitz in Göttingen für ihren Roman „Aller Tage Abend“. Das Buch spielt Anfang des 20. Jahrhunderts im heutigen Polen und der Ukraine. Die Autorin schildert darin die Trauer und das Auseinanderdriften von Eheleuten nach dem plötzlichen Tod eines Säuglings.

Mit einem literarischen Kunstgriff erweckt Erpenbeck ihre namenlose Hauptperson wieder zum Leben und skizziert, wie sich das Geschick der Familie hätten entwickeln können. Dabei werden verschiedene Lebensläufe nebeneinander gestellt. „Jeder überlegt doch hin und wieder, welche Möglichkeiten er in seinem Leben gehabt hätte“, sagte Erpenbeck dem Evangelischen Pressedienst (epd). Gerade als junger Mensch habe man das Gefühl, alles sei möglich. „Je älter man wird, desto mehr schränkt sich das dann ein - aber ganz aufhören tut es nie“, sagte sie.

Die in Ost-Berlin geborene Erpenbeck lernte Buchbinderin und studierte Theaterwissenschaften. Neben Erzählungen und Romanen schrieb sie auch zwei Theaterstücke. Ihre Prosa wurde bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der „LiteraTour Nord“. Erpenbecks Werke wurden in 18 Sprachen übersetzt.

Veranstalter der Preisverleihung war das Evangelische Literaturportal, dem der evangelische Oldenburger Bischof Jan Janssen vorsitzt. Der Evangelische Buchpreis wird seit 1979 in unterschiedlichen Sparten verliehen. Die prämierten Werke sollen dazu anregen, über das menschliche Miteinander und das Leben mit Gott nachzudenken.

Für den Buchpreis 2013 hatten Leserinnen und Leser 120 Titel vorschlagen, unter denen eine Fachjury die Auswahl traf. Weitere 14 Titel nahm sie in eine Empfehlungsliste auf. Der Verband Evangelisches Literaturportal ist ein Dienstleister für den Dachverband der etwa tausend evangelischen Büchereien in Deutschland.

epd

„Über Umwege zum Eigenen“ - Drei Fragen an Schriftstellerin Jenny Erpenbeck zu ihren vielen möglichen Leben

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Jenny Erpenbeck. Bild: epd-Bild

Was wäre gewesen, wenn? Dieser Frage, die sich wohl viele Menschen im Lauf ihres Lebens stellen, geht auch Schriftstellerin Jenny Erpenbeck in ihrem Roman „Aller Tage Abend“ nach. Auch in ihrem eigenen Leben hat sie sich immer wieder neu justiert: Die Autorin machte zunächst eine Buchbinder-Ausbildung und studierte Regie, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Die gebürtige Ost-Berlinerin wurde für ihr Werk mit dem Buchpreis des Evangelischen Literaturportals mit Sitz in Göttingen ausgezeichnet.

epd: In Ihrem Roman „Aller Tage Abend“ beschreiben Sie die vielen möglichen Wendungen, die ein Leben nehmen kann. Mal stirbt die Hauptfigur als Baby, mal wird sie knapp 90 Jahre alt. Ist Ihnen so ein Gedankenspiel auch persönlich vertraut?

Jenny Erpenbeck: Jeder überlegt doch hin und wieder, welche Möglichkeiten er in seinem Leben gehabt hätte. Gerade als junger Mensch hat man das Gefühl, alles ist möglich. Je älter man wird, desto mehr schränkt sich das dann ein - aber ganz aufhören tut es nie. Ich habe zum Beispiel früher gedacht, ich könnte vielleicht auch Sängerin werden. Ich hätte gern hochdramatische Stücke gesungen, aber dafür ist meine Stimme gar nicht gemacht. Inzwischen bereue ich es überhaupt nicht, dass es nicht geklappt hat. Abend für Abend auftreten zu müssen - das wäre nichts für mich gewesen. Oder eine andere Überlegung: Wenn ich meinen Mann früher getroffen hätte, hätten wir wahrscheinlich zwei oder drei Kinder. Jetzt haben wir eines, sind damit aber auch sehr glücklich.

epd: Hatten Sie auch schon von einem völlig anderem Leben geträumt? Fernab von Ihrem Lebensort Berlin?

Erpenbeck: Ja, ich habe mir oft vorgestellt, wie es wäre, ganz woanders zu leben. Aber das ist auch eine Altersfrage: Heutzutage wüsste ich, einmal abgesehen von Berlin, nicht mehr so viele Orte, an denen ich gerne wohnen würde. Früher dachte ich manchmal an Mexiko oder New York. New York ist für eine Zeit lang ganz spannend, aber für immer leben möchte ich dort nicht. Und Mexiko kannte ich noch gar nicht, als ich diese Vorstellungen hatte. Ich glaube durchaus, dass kulturelle Brüche gut sind fürs Schreiben - aber da habe ich ja durch den Mauerfall genug Material.

epd: Sie kommen aus einer Schriftstellerfamilie. Schon Ihr Vater - John Erpenbeck - und ihre Großeltern haben geschrieben. War es da nicht naheliegend, auch Autorin zu werden?

Erpenbeck: Eben deshalb wollte ich natürlich gerade nicht Schriftstellerin werden, sondern habe erst einmal Regie studiert und dann auch als Regisseurin gearbeitet. Manchmal muss man eben Umwege zum Eigenen machen. Es hat zwei bis drei Bücher gedauert, bis ich auf Fragen nach meinem Beruf sagen konnte: Ich bin Schriftstellerin. Ist aber immer noch ein komischer Satz.

epd-Gespräch: Stephanie Höppner

Aus der Begründung der Jury:

„Aller Tage Abend“ – der Titel setzt weniger ein Faktum als vielmehr ein Fragezeichen: Was lässt trotz der Erfahrungen vom Vorabend einem neuen Tag entgegengehen, was entgegen der Hoffnungslosigkeit neu anfangen? Jenny Erpenbecks neuer Roman beginnt schonungslos mit dem plötzlichen Kindstod eines Säuglings. Sprachgewaltig lässt die Autorin eine Welt am Anfang des 20. Jahrhunderts im jüdisch-christlichen Milieu Galiziens erstehen: Die stumme Trauer der erst achtzehnjährigen Mutter, das Auseinanderdriften der Eheleute, die Reaktionen der wegen der Heirat mit einem Nicht-Juden entzweiten Familie. Doch es ist nicht aller Tage Abend. Jenny Erpenbeck erweckt ihre namenlose Protagonistin durch ein Intermezzo zum Leben und skizziert, wie sich das Geschick der Familie hätte entwickeln können...

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