2013_05_16

Bild: Evangelische Zeitung

Abschied vom Gemeinsinn?

Tagesthema 15. Mai 2013

Eine Frage stellt sich immer wieder: Gibt es in unserer Gesellschaft eigentlich noch ein „Wir“, oder ist die Individualisierung so weit fortgeschritten, dass der Gemeinsinn gänzlich abtrainiert wurde? Die „Evangelische Zeitung“ fragt abseits von Wahlprogrammen: Wie steht es wirklich um den Gemeinsinn?

Gegenbeispiele sind nicht nur die vielen, vielen Ehrenamtlichen, die sich in der Evangelischen Kirche engagieren, sondern auch die, die sich in der Kommune, im Sport, bei musischen und kulturellen Aktivitäten engagieren: Ein Beispiel ist die Freiwillige Feuerwehr.

Viel mehr als bloßes Zeit totschlagen

Auf dem Dorf ist die Mitgliedschaft in der Freiwilligen Feuerwehr eine Selbstverständlichkeit

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Der fingierte „Löschangriff“ ist Pflichtprogramm bei den Wettkämpfen der Freiwilligen Feuerwehren untereinander, auch für den Nachwuchs. Teamarbeit ist beim Anschluss der einzelnen Schlauchelemente gefragt. Wie im echten Leben ein Lauf gegen die Zeit. Bild: Lisa Freytag / Evangelische Zeitung

Für Jugendliche ist die Freiwillige Feuerwehr eine Freizeitbeschäftigung. Doch durch Wettkämpfe und Fahrzeugkunde werden nicht nur Feuerwehrregeln gelernt, sondern vor allem die Gemeinschaft gestärkt.

Der Schiedsrichter nickt. Die neun Jugendlichen in orange-blauen Anzügen sprinten los. Alles muss jetzt schnell gehen. Jeder kennt seine Aufgabe. Gemeinsam mit vier anderen Jugendlichen baut Leonie Odening (13) den schweren, eisernen Schlauch zusammen, um das Wasser aus dem Teich zu pumpen. Zwei Mädchen, der sogenannte Schlauchtrupp, laufen mit zwei roten Saugschläuchen und dem Verteiler unterm Arm los, der erste Schlauch wird angeschlossen. Auch Leonie rennt wieder. Als Angriffstrupp schließt sie mit ihrem Kollegen Eike Bartling zwei weitere Schläuche an. Sie stürmt durch den roten Kriechtunnel, zieht den Schlauch gerade und hält ihn dann fest. Innerhalb von wenigen Minuten sind die Trupps fertig. Der Gruppenführer ruft: „Wasser marsch!“
Leonie Odening und Eike Bartling sind Mitglieder in der Jugendfeuerwehr von Bolsehle, einem Dorf mit ungefähr 280 Einwohnern im niedersächsischen Landkreis Nienburg. Gemeinsam mit ihrer Gruppe treten sie am Wochenende gegen andere Jugendfeuerwehren an. Eine der Übungen ist der sogenannte „Löschangriff“.

„Wir machen das ohne richtiges Wasser und natürlich ohne Feuer, das wäre zu gefährlich“, erklärt Leonie, und zieht an ihrem dunkelblauen Feuerwehr-Pullover. Seit 2008 ist sie Mitglied in der Kinderfeuerwehr, seit 2010 in der Jugendfeuerwehr. „Vor allem die Sportaktivitäten machen Spaß, Volleyball oder Völkerball. Aus dem Dorf sind auch alle meine Freunde dabei.“

Ihr Vater Manuel Odening (41) ist der jetzige Jugendfeuerwehrwart in Bolsehle. Er steht neben dem Parcours, beobachtet seine Gruppe. Manuel Odening war eines der ersten Mitglieder der Jugendfeuerwehr: „Die Jugendfeuerwehr wurde im Januar 1983 gegründet. Ich konnte es gar nicht abwarten, im April wurde ich zehn, und ab dann darf man in die Feuerwehr eintreten.“ Hauptsächlich habe er die Feuerwehr als Freizeitbeschäftigung gesehen. „Auf dem Dorf kann man ja nicht viel machen! Es war eigentlich selbstverständlich, dass man Mitglied wird.“

Mit den anderen aktiven Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr bereitet er Feste wie das alljährliche Osterfeuer vor, nimmt an Wettkämpfen teil und kontrolliert zweimal im Jahr die Brunnen im Dorf. In Bolsehle gibt es zurzeit 32 aktive Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr. Diese sind auch jederzeit einsatzbereit. Eine Alarmierung ist Odening besonders im Gedächtnis geblieben: „Das war 2006. Als der Alarm losging, da lief gerade das Viertelfinalspiel der deutschen Nationalmannschaft. Wir alle dachten nur, wieso machen sie gerade jetzt eine Übung. Doch dann brannte wirklich eine Kunststofffabrik, der Einsatz dauerte eineinhalb Tage.“
Nach seinem Einsatz lehnt der 17-jährige Eike Bartling an einem der Feuerwehrautos und beobachtet eine andere Gruppe bei der Übung. Er ist seit 2005 Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr. „Meine Cousine war auch in der Feuerwehr, und so bin ich irgendwann mitgegangen. Es macht großen Spaß, vor allem die Freizeitangebote wie das große Zeltlager!“ Eike wird dieses Jahr zur Freiwilligen Feuerwehr wechseln, da man ab 18 Jahren aus der Jugendfeuerwehr ausscheidet. Er ist einer der wenigen, die noch weiterhin aktiv sind. Seine Cousine Sonja Bartling (22) hat nach der Jugendfeuerwehr aufgehört. Sie sagt: „Ich bin einfach zu klein und zu zierlich, um die Schläuche zu tragen.“ Sonja zog nach der Schule nach Hannover und fing an zu studieren, dadurch blieb auch keine Zeit mehr für die Feuerwehr.

Nadine Dannenbring (19) hält einen Holzpflock in der Hand und versucht einen der etwas entfernt stehenden „Wikingerkegel“ zu treffen. Neben ihr stehen zwei Jungs aus der Kinderfeuerwehr. Auch sie versuchen die Kegel umzuschmeißen. Nadine kommt aus einem Nachbardorf von Bolsehle. Sie war die Einzige ihres Jahrgangs, die in die Freiwillige Feuerwehr gewechselt ist. Mit einigen anderen Frauen hat sie die Kinderfeuerwehr im Dorf gegründet: „Ich fühle mich gut, wenn ich die Kinder mal weg vom Fernseher bekomme. So sehen sie einmal in der Woche ihre Freunde im Dorf.“

Während sie und die Kinder noch ein bisschen toben, packen Eike und Leonie zusammen. Sie haben den dritten von sechs Plätzen belegt. Nach ungefähr sechs Stunden lösen sich die Feuerwehren wieder auf. Leonie und Eike steigen mit ihrer Gruppe in das Feuerwehrfahrzeug. Nächste Woche wird sich die Jugendfeuerwehr in Bolsehle wieder treffen, um zu reden und um sich auf den nächsten Wettkampf vorzubereiten.

Von Lisa Freytag / Evangelische Zeitung

Wege aus der Misstrauensgesellschaft

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Wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung steht Fußballmanager Uli Hoeneß – hier mit der katholischen Ordensschwester Theodolinde – derzeit in der Kritik. Als Präsident des FC Bayern München repräsentiert er einen Verein, der auch aus dem ehrenamtlichen Engagement lebt und sich selbst sozial engagiert. Welchen Stellenwert hat der Gemeinsinn in unserer heutigen Gesellschaft? Bild: kna-Bild / Evangelische Zeitung

Diese Schlagzeilen verheißen nichts Gutes: prominente Steuerflüchtlinge, schwierige Nachwuchssuche bei den Feuerwehren und immer wieder Fälle von unterlassener Hilfeleistung in Notsituationen. Wie steht es um den Gemeinsinn in Deutschland?

Man könnte es sich einfach machen. Das Urteil ist schnell gefällt. Da ist eine Gesellschaft auf einem kompletten Egotrip. Die täglichen Schlagzeilen von Exzessen an Gier und Neid, von Egozentrismus und Gemeinschaftsverachtung liefern dramatisches Anschauungsmaterial und bannen die Aufmerksamkeit. In dieser verheerenden Zuspitzung eines normativen Verfalls bleibt dann wohl nur noch die rationale Erinnerung an die dialektische Struktur menschlicher Existenz übrig: die unauflösbare Verbindung von Personalität und Sozialität. Mein ‚Ich’ erfahre ich als Teil des ‚Wir’. Und dann könnte man seelsorgerlich appellieren, daraus doch das moralisch Gute zu formen...

Wer weiterlesen möchte, wo Professor Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld, Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung, Wege aus dem Misstrauen sieht, kann dies online bei der Evangelischen Zeitung oder in der Printausgabe vom 19. Mai.

Direkt zur Evangelischen Zeitung online

Eine Tugend in Bedrängnis

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Fangen sie ihn auf oder lassen sie ihn fallen? Zu vielen Menschen geht es inzwischen um den eigenen Vorteil, sagt unsere Autorin. Bild: epd-Bild

Oft tut man Gutes, um ungestraft Böses tun zu können“, war die Überzeugung von François de La Rochefoucauld, des ersten und bedeutendsten französischen Moralisten des 17. Jahrhunderts. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert, wenngleich es zahlreiche Vereine und Institutionen gibt, die Bürger bewegen wollen, sich an der Lösung politischer und gesellschaftlicher Probleme aktiv zu beteiligen. Sie verstehen sich als eine Brücke zwischen Organisationen und Einrichtungen, die Freiwilligen eine ehrenamtliche Mitarbeit ermöglichen, wie zum Beispiel bei der Seniorenarbeit, der Kinderbetreuung, der Unterstützung benachteiligter Jugendlicher, Trainertätigkeiten beim Sport oder politischem Engagement in Gemeinden und Kommunen.

Gemeinsinn ist ein ethischer Begriff, der die Haltung, sich für das gemeinsame Wohl der Gesellschaft einzusetzen, beschreibt. Es ist ein Verhalten, das mit Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft zu tun hat. Diese Tugend ist kein angeborener Instinkt, jeder muss sich um das Gemeinwohl bemühen.
Ich habe allerdings zunehmend den Eindruck, dass der Gemeinsinn, im Sinne Störendes zu vermeiden, den Egoismus zu beherrschen und den Hang zum Vorurteil wegzulassen, einen Knacks bekommen hat. Mir drängt sich der Gedanke auf, dass es vielen inzwischen lieb ist, erfolgreichen Menschen öffentlich Nachlässigkeiten oder Fehlverhalten nachzuweisen. Statt Barmherzigkeit und Fairness wird kollektive Empörung gepflegt und oft genug zu Unrecht. Wie primitiv war die mit afrikanischen Vuvuselas demonstrierte Entrüstung während der Verabschiedung von Christian Wulff während des Großen Zapfenstreiches im März 2012. Dem ehemaligen Staatsoberhaupt wird Bestechung in einer Höhe von 719,40 Euro vorgeworfen. Bis heute kam es zu keinem Prozess, geschweige denn zu einer Verurteilung.

Medien zeigen die Tendenz, den gut gemeinten Gemeinsinn negativ zu verändern und den gesunden Menschenverstand zu manipulieren. Die Bürgertugend, sich moralischen Werten zum Wohl der Allgemeinheit anzupassen, wird ausgenutzt, um verbal auf Menschen einzudreschen, von denen sich sensationslustige Journalisten Aufmerksamkeit erhoffen. Ulli Hoeneß, Manager des FC Bayern München, zeigte sich selbst beim Finanzamt an, weil er die Kapitalertragssteuer für sein bereits versteuertes Geld auf einem Schweizer Konto nicht abführte. Er stand noch nicht vor Gericht, ist bisher nicht verurteilt, dennoch regen sich die Medien wirkungsvoll auf und reflektieren seine Vorbildfunktion.

Steuerhinterziehung oder Bestechung sind ohne Zweifel Unrecht. Wenn aber jemand zugunsten guter Quoten oder steigender Auflagen fertiggemacht werden soll, verstehen es Journalisten und sogenannte Weltverbesserer inzwischen perfekt, den ihrer Meinung nach Schuldigen so zu brandmarken, dass sie sicher sein können, die breite Masse aufgeregt hinter sich zu haben.

Gemeinsinn steht für ein gemeinwohl-orientiertes Denken, Handeln und Fühlen. Dazu gehört soziales Engagement, aber genauso wichtig ist eine moralische Haltung, die übler Nachrede und Vorverurteilung widersteht. Wir müssen uns von aufhetzenden Berichten über Menschen dis-tanzieren und uns selbst ein Bild von der Wirklichkeit machen. Wer noch nicht verurteilt wurde, ist unschuldig. Diese einfache Weisheit scheint sogar unser Staatsoberhaupt Joachim Gauck vergessen zu haben, als er im Zusammenhang mit der Hoeneß-Steueraffäre von asozialem Verhalten von Steuerhinterziehern moralisierte. Die beste Hilfe wäre hier Schweigen und Nichthandeln gewesen.

Von Barbara Eggert / Evangelische Zeitung