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Freiraum für Trost

Tagesthema 14. Mai 2013

Experte sieht in moderner Popmusik große Hilfe für Trauernde

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Der Bremer Musikwissenschaftler Ralf von Appen (38) sieht in Popmusik ein hervorragendes Mittel, um Trauerprozesse zu unterstützen. Bild: epd-bild / Dieter Sell

Popmusik baut Trauernden nach den Worten des Bremer Musikwissenschaftlers Ralf von Appen in besonderer Weise emotionale Brücken zu verstorbenen Angehörigen oder Freunden. „Populäre Musik kann ganz hervorragend Trauer unterstützen“, sagte von Appen in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Wissenschaftler zählt zu den Referenten der Bremer Kongressmesse „Leben und Tod“.

Mittlerweile habe sich ein Kanon von Stücken herausgebildet, die bei Trauerfeiern immer wieder gehört würden, erläuterte er. „Zu diesen neuen Klassikern gehören 'My heart will go on' von Celine Dion und 'Candle in the Wind' von Elton John.“

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Ralf von Appen Bild: epd-bild / Dieter Sell

„Richtige Trauermusik“ sei deshalb längst nicht nur Klassik vergangener Jahrhunderte, betonte der 38-Jährige. Popmusik bewege die Menschen ganz anders als Literatur oder Architektur. „Wenn ich schon traurig bin, weckt sie zusätzlich Erinnerungen und kann mich zum Weinen bringen, was dann als Katharsis, als reinigend für die Seele empfunden wird.“ Songtexte könnten überdies zu Gesprächen und damit zur Auseinandersetzung mit Tod und Trauer führen - „auch und gerade, wenn man selbst nicht die richtigen Worte findet“.

Ein Song gebe Freiraum für Fantasien und lasse sowohl positive Erlebnisse und tröstende Situationen als auch tiefe Trauer und starken Schmerz aufscheinen. Im Internet bringt Popmusik Trauernde nach Beobachtungen des Experten sogar dazu, selbst aktiv zu werden. So luden viele zum Song „Nur zu Besuch“ von den Toten Hosen auf Youtube eigene Musikvideos hoch. Viele sähen das als eine Art letzte Botschaft ins Jenseits, meint von Appen. „Sie sprechen in der Ich-Form ein Du an: Was ich Dir noch sagen wollte. Dadurch entsteht im Netz ein kleines Denkmal.“

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Popmusik sei ein hervorragendes Mittel, um Trauerprozesse zu unterstützen. Sie bewege viele Menschen ganz anders als Literatur und Architektur oder alte Klassiker, zu denen die meisten keinen Zugang mehr hätten. Bild: epd-bild / Dieter Sell

Wichtig sei immer die persönliche Beziehung zur Musik. „Es gibt keine musikalische Hausapotheke, keine feststehende Liste von Titeln, die entspannen oder Emotionen auslösen.“ Heilsam sei zusätzlich die Gemeinschaft einer Trauerfeier, in der die Musik gehört werde. „Das schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl und lässt mich spüren, dass ich mit meinem Schmerz nicht alleine bin.“

Popmusik könne sogar als hilfreiche Sterbebegleitung wirken, fügte von Appen hinzu und verwies auf das Album „Ain't no grave“ von Johnny Cash (1932-2003). Der legendäre US-amerikanische Country-Sänger und Songschreiber litt lange an einer schweren Krankheit und musste zusätzlich den Tod seiner Ehefrau June verkraften. „Der Bogen in den letzten Liedern von Cash spannt sich von einer düster klingenden Verweigerung des Todes über einen sanften Abschied bis zum friedvollen Trost“, sagt von Appen. „Am Ende steht die Botschaft: Alles wird gut. Das kann bei betroffenen Hörern große Wirkung haben.“

epd-Gespräch: Dieter Sell

Hilfe für trauernde Jugendliche

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Cover

Musik des Rappers Bushido oder der Punkband Tote Hosen helfen nach Ansicht des evangelischen Schulpastors Matthias Günther trauernden Jugendlichen. Musik sei ein wichtiger Teil im Leben der Heranwachsenden, weil bestimmte Songs ihre Erfahrungen spiegelten, sagte Günther am Dienstag in Hildesheim. In einem neuen Ratgeber "Der Tod ist eine Tür" thematisiert der Professor für Evangelische Theologie und Religionspädagogik der Leibniz Universität Hannover den besonderen Umgang mit jungen Menschen, die eine geliebte Person verloren haben.

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