Bedienungsanleitung für Christen

Tagesthema 10. Mai 2013

Im 16. Jahrhundert wurde ein schmales theologisches Büchlein aus der kurpfälzischen Provinz zum religiösen Bestseller. Bis heute orientieren sich weltweit reformierte Protestanten an den 129 Fragen und Antworten zu den zentralen Fragen des Lebens.

Vor 450 Jahren erschien der Heidelberger Katechismus

Kaum ein Buch hat den Protestantismus so geprägt wie der vor 450 Jahren erschienene Heidelberger Katechismus. Er gilt als wichtigste evangelisch-reformierte Bekenntnisschrift deutscher Sprache. Auswanderer aus Europa trugen ihn in die ganze Welt - nach Amerika, Asien und Afrika. Heute bietet der Text mehr als 80 Millionen reformierten Christen Orientierung im Leben. Am 19. Januar 1563 wurde der Katechismus zum Druck freigegeben, er erschien wenig später in Heidelberg. Das „Büchlein sei mit Tonnen Goldes nicht aufzuwiegen“, hieß es im 17. Jahrhundert.

Der Einfluss des Heidelberger Katechismus ist enorm. So inspirierte die Schrift die Barmer Theologische Erklärung von 1934, mit der sich evangelische Christen von der Ideologie des Nazi-Staates abgrenzten. Die Barmer Erklärung wiederum ist bis heute Vorbild für christliche Befreiungsbewegungen in totalitären Staaten. Schon im 16. Jahrhundert breitete sich der Heidelberger Katechismus wegen seiner Prägnanz rasch in ganz Europa aus. Auch wenn er den Bekanntheitsgrad von Luthers Kleinem Katechismus nie erreicht hat, wird bis heute seine herzliche Sprache gerühmt.

Der „Heidelberger“ - wie er kurz genannt wird - ist eine Art Bedienungsanleitung für reformierte Christen: Er ist Glaubenslehre und Bekenntnisschrift, Kirchenordnung, religiöses Volksbuch, ein didaktisch geschickt aufgebautes Lehrbuch für Theologen, aber auch für den christlichen Unterricht. Der Text gibt Antwort auf 129 zentrale Fragen des evangelisch-reformierten Glaubens. Kurz: Es ist ein religiöses Schul-, Kirchen- und Hausbuch für den Alltag.

Berühmt geworden ist vor allem die erste Frage: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Ein Auszug aus der Antwort ist Beispiel für die seelsorgerliche und psychologisch einfühlsame Grundhaltung des Textes: Jesus „bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss“. Theologen zufolge enthält die erste Frage und Antwort „bereits das Ganze des Christseins“. Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt, die ersten beiden behandeln des „Menschen Elend“ und des „Menschen Erlösung“. Der dritte Teil steht unter der Überschrift „Von der Dankbarkeit“.

Generationen von Christen haben den Text im Konfirmandenunterricht - oft wohl nicht ganz freiwillig - auswendig gelernt und ihr Leben lang behalten. Als maßgeblicher Verfasser gilt Zacharias Ursinus (1534-1583). Der aus Breslau stammende Heidelberger Dogmatikprofessor war Schüler des Reformators Philipp Melanchthon in Wittenberg.

Innerhalb der evangelischen Kirche gibt es zwei Hauptströmungen: Lutheraner und Reformierte. Die lutherischen Kirchen und Gemeinden gründen sich vor allem auf den Kleinen Katechismus Martin Luthers und die „Confessio Augustana“, das Augsburgische Bekenntnis von 1530. Für die in der Tradition des Genfer Reformators Johannes Calvin stehenden Reformierten hat der Heidelberger Katechismus inzwischen die Bedeutung eines weltweit reformierten Bekenntnisses gewonnen, auch wenn er nicht in allen Kirchen offiziellen Status hat.

Die kirchlichen Bekenntnisse dienten auch zur konfessionellen Abgrenzung. Schließlich brauchten Lutheraner und Reformierte mehr als 400 Jahre, bis sie ihre Differenzen halbwegs überwanden und gemeinsam Abendmahl feierten. Eigentlich sollte der Heidelberger Katechismus solche Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Richtungen der Reformation schon im 16. Jahrhundert beruhigen. Dies hatte der pfälzische Kurfürst Friedrich III. - wegen seiner großen Bibelkenntnis und Gelehrsamkeit auch „der Fromme“ genannt - beabsichtigt, als er ihn 1562 in Auftrag gab.

Immer wieder gab es Ansätze, das kleine Buch mit dem Untertitel „Christlicher Unterricht, wie der in Kirchen und Schulen der Churfürstlichen Pfalz getrieben wirdt“ in eine zeitgemäßere Sprache zu übersetzen. Schließlich erklärt es den christlichen Glauben vor allem so, wie er in der Reformationszeit im 16. Jahrhundert verstanden wurde. In Deutschland erfolgten die letzten Textrevisionen in den Jahren 1963 und 1997. Die 129 Fragen und Antworten erweisen sich weltweit als höchst lebendig. Der Heidelberger Katechismus gilt bis heute als das stärkste „ökumenische Band der Reformierten in der Welt“.

Von Stephan Cezanne (epd)

Der Heidelberger Katechismus im Internet

Veranstaltungen - Informationen

Anlässlich des Jubiläums sind viele Veranstaltungen geplant, die die theologische, ökumenische und gesellschaftliche Bedeutung und Wirkung dieses Katechismus zum Ausdruck bringen. So wird in Heidelberg im Schloss und im Kurpfälzischen Museum eine Ausstellung unter dem Titel „Macht des Glaubens“ zu sehen sein. Die festliche Eröffnungsveranstaltung soll am 11. Mai 2013 stattfinden. Aber auch viele weitere Veranstaltungen sind geplant, überall dort, wo der Heidelberger Katechismus seine Spuren hinterlassen hat.

Der Reformierte Bund in Deutschland bietet eine Wanderausstellung an unter dem Titel „450 JAHRE HEIDELBERGER KATECHISMUS – Entstehung, Inhalt, Wirkung“. Sie wurde am 2. November 2012 im Rahmen der EKD Synode in Timmendorfer Strand eröffnet und „wandert“ seitdem in mehreren Exemplaren durch Deutschland und einige Nachbarländer. Sie kann von Institutionen und Gemeinden ausgeliehen werden.

Informatives

Stichwort: Heidelberger Katechismus

epd_quadrat

Der Heidelberger Katechismus gilt als eine der bedeutendsten reformierten und am weitesten verbreiteten Bekenntnisschriften der Protestanten. Die theologische Schrift erläutert in 129 Fragen und Antworten den Kern des christlichen Glaubens. Am kommenden Wochenende wird ihr 450-jähriges Bestehen gefeiert.

Der Katechismus wurde auf Initiative des pfälzischen Kurfürsten Friedrich III. im Jahr 1563 von Zacharias Ursinus, einem Schüler Melanchthons, in Heidelberg als Grundlage für den christlichen Unterricht in Kirche und Schule herausgegeben. Die Schrift war ursprünglich als Lehrbuch für die Kurpfalz konzipiert, wie der Untertitel „Christlicher Unterricht, wie der in den Kirchen und Schulen der Churfürstlichen Pfalz getrieben wirdt“ zeigt.

1619 wurde der Katechismus von der Dordrechter Synode, an der neben den niederländischen Calvinisten auch Reformierte aus der Schweiz, Deutschland und England teilnahmen, zum Bekenntnisbuch der reformierten Kirchen erklärt. Die Schrift wurde zum Symbol des Aufbruchs und der Veränderung in Europa, Amerika und Asien. An der Bekenntnisschrift aus der Reformationszeit orientieren sich bis heute mehr als 80 reformierte Christen weltweit. Mehr als 40 Übersetzungen, von Afrikaans bis Vietnamesisch, sind bekannt.

Der Katechismus ist zugleich Handbuch für Schule und Kirche, Bekenntnisschrift der reformierten Kirchen, sowie Trost- und Gebetbuch. Zu den bekanntesten Stellen des Katechismus gehört die einleitende Frage: „Was ist der Trost im Leben und im Sterben?“ Danach gliedert sich die Schrift in drei Teile. Der erste Abschnitt handelt von des Menschen Elend. Im zweiten Teil, der auch das Apostolische Glaubensbekenntnis, Taufe und Abendmahl in Frage-und-Antwortform behandelt, geht es um die Erlösung des Menschen.
Im letzten Teil wird dazu aufgefordert, dass die Menschen für ihre Erlösung aus dem Elend dankbar sind und dies in Gebet und guten Werken ausdrücken. In diesen Abschnitt sind auch die Zehn Gebote und das Vaterunser eingereiht. In Deutschland haben der Reformierte Bund und die reformierten Kirchen den Heidelberger Katechismus zuletzt 1963 und 1997 sprachlich.

epd