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Vor 80 Jahren:
Die Bücher brannten

Tagesthema 09. Mai 2013

Vor 80 Jahren, am 10. Mai 1933, verbrannten die Nazis Zehntausende von Büchern. Georg P. Salzmann aus Gräfelfing sammelte die verfemte Literatur sein Leben lang, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Heute ist sie in Augsburg öffentlich zugänglich.

„Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ (Heinrich Heine)

Hüter der verlorenen Bücher

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Vor 80 Jahren, am 10. Mai 1933, verbrannten die Nazis Zehntausende Bücher. Georg P. Salzmann aus Gräfelfing sammelte die verfemte Literatur sein Leben lang, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Bild: Simon Laufer / epd-Bild

Georg Salzmanns Liebe zu den verbotenen Büchern begann im Juni 1945. Schon vorher hatte er gerne gelesen: Nazi-Schriftsteller wie Erich Dwinger oder Hugo Bernatziks „Völkerkunde“. Alles andere hatte ihm sein Vater, ein überzeugter Nazi, verboten. Selbst Karl May stand auf dem väterlichen Index.

Als der Krieg verloren war, nahm Salzmanns Vater sich das Leben. Ein amerikanischer Offizier zeigte dem damals 16-Jährigen die Konzentrationslager, gemeinsam mit einem Freund besuchte er Weimar. Dort, in einer kleinen Buchhandlung, stieß er auf das Buch „Der jüdische Krieg“ des von den Nazis verfemten Lion Feuchtwanger. „Das würde ich heute noch auf eine einsame Insel mitnehmen“, sagt Salzmann, heute 84 Jahre alt. „Damit fing alles an.“

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Die „Bibliothek der verbrannten Bücher“ in der Universitätsbibliothek Augsburg. Bild: Annette Zoepf / epd-Bild

Was damals anfing, sollte viele Jahre später zur größten privaten Sammlung der von den Nazis verbotenen Literatur werden. Am 10. Mai 1933 hatte der „Deutsche Studentenbund“ zu einer groß inszenierten öffentlichen Bücherverbrennung aufgerufen. Bücher von Autoren wie Heinrich Mann und Erich Kästner wurden verbrannt, später wurde die Liste verfemter Schriftsteller immer länger. „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“, hatte Heinrich Heine schon 1821 geschrieben - und sollte recht behalten.

Salzmann las nach dem Krieg die Zeitschrift „Aufbau“, die Publikation des russischen „Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“. Er begeisterte sich für Thomas Mann und Theodor Plievier (1892-1955), saugte die neu entdeckte Literatur auf, noch ohne sie systematisch zu sammeln. 1948 steckten ihn die Behörden der damaligen sowjetischen Besatzungszone ins Gefängnis, um an seine Firma zu kommen. Ein Jahr später kam Salzmann frei, heiratete und ging in den Westen.

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Gerhard Stumpf von der Universitätsbibliothek Augsburg blättert in dem unter Pseudonym Peter Panter verfassten Tucholsky-Band „Träumereien an preußischen Kaminen“. Es ist Teil der von Georg P. Salzmann zusammengetragenen „Bibliothek der verbrannten Bücher“. Bild: Annette Zoepf / epd-Bild

Sein Geld verdiente er bis zum Ruhestand 1990 mit Immobilien, seine Leidenschaft galt der Literatur. „Ich habe mich immer als Teil des 'Volks der Dichter und Denker' empfunden.“ Aus seiner Lese- wurde Sammellust und 1976 fasste er das Ziel, die einstmals verbotenen Bücher möglichst vollständig und als Erstausgaben zu erwerben. „Mir ist bewusst geworden, dass die Nazis mit ihrer Kulturpolitik versucht haben, diesen Teil der Literatur aus dem Gedächtnis der Deutschen zu eliminieren“, sagt er. So sammelte er gegen das Vergessen an.

Bei den Bücherverbrennungen schlug Hochkultur in Hass und Vernichtungswillen um. In Berlin wollten 70.000 Zuschauer sehen, wie etwa 25.000 „undeutsche“ Bücher auf dem Opernplatz verbrannt wurden, in München kamen 50.000 Menschen zusammen. In 20 weiteren Universitätsstädten brannten die Bücher und mit ihnen die Menschlichkeit. In ganz Deutschland hörten Menschen die Hetzrede des Propagandaministers Joseph Goebbels, eines promovierten Germanisten, im Radio. Zum Auftakt und zum Ausklang spielte ein Kammerorchester Ludwig van Beethoven.

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Der unter Pseudonym Peter Panter verfassten Tucholsky-Band „Träumereien an preußischen Kaminen“ ist Teil der von Georg P. Salzmann zusammengetragenen „Bibliothek der verbrannten Bücher“. Bild: Annette Zoepf / epd-Bild

Salzmanns Sammeltrieb wurde irgendwann zur „Lebensaufgabe“. Von den 60 wichtigsten Autoren wollte er alle Werke erstehen. Immer wieder lud er Schulklassen in sein Haus nach Gräfelfing ein, interessierten Schülern schenkte er Dubletten. „Ich wollte erreichen, dass die verbotenen und verbrannten Bücher nicht auch noch zu vergessenen werden“, sagt er. Er leidet darunter, dass das Interesse für die ehemals verbotenen Autoren heute immer geringer zu werden scheint.

Seit 2009, als Salzmanns Haus aus allen Nähten platzte, steht die „Bibliothek der verbrannten Bücher“ in der Universitätsbibliothek Augsburg. 12.000 Bücher von über 80 Autoren umfasste die Sammlung, als Salzmann sie an den Freistaat Bayern verkaufte. Ein großer Teil der Bestände ist in einem eigenen Raum der Universitätsbibliothek öffentlich zugänglich, einige handsignierte und seltene Exemplare lagern im Magazin.

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Die „Bibliothek der verbrannten Bücher“ in der Universitätsbibliothek Augsburg (Foto vom 30.04.2013): Die größte private Sammlung der von den Nazis verbotenen Literatur ist seit Juli 2009 im Besitz der Universitätsbibliothek Augsburg. Bild: Annette Zoepf / epd-Bild

„Die Sammlung in ihrer Komplettheit, in diesem Umfang, ist schon etwas Einzigartiges“, sagt Georg Stumpf von der Universitätsbibliothek. Mit Veranstaltungen will die Universität das Interesse daran aufrechterhalten, in diesem Jahr mit einer Ausstellung zum Thema „Exil in den USA“. Die Aufbereitung der Sammlung ist schon weit vorangeschritten. In den Regalen fehlt noch der Buchstabe Z, wie Carl Zuckmayer und Arnold Zweig, sowie einige ausländische Autoren. „Und die eine oder andere Lücke wird noch durch Zukäufe geschlossen werden“, sagt Stumpf.

Georg Salzmann ist inzwischen ein paar Häuser weiter gezogen, ins Altersheim. Immer noch schwärmt der 84-Jährige leidenschaftlich von seinem „Idol“ Stefan Zweig, von politischen Autoren wie Alfred Döblin, von Feuchtwanger oder dem Expressionisten Ernst Weiß. Seinen Doktortitel, den er sich immer gewünscht hat, strebt er nicht mehr an. Aber von Büchern ist er umgeben wie eh und je. Bald eröffnet er seine erste Ausstellung im Seniorenzentrum: „Das illustrierte Buch im 20. Jahrhundert“.

Von Simon P. Laufer (epd)

Ausstellung erinnert an Verbrennung von Büchern und Noten

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Andor Izsák (rechts), Direktor des Europäischen Zentrums für jüdische Musik (EZJM) mit Yona Metzger, Oberrabbiner des Staates Israel vor dem Porträt Siegmund Seligmanns von Max Liebermann in der Villa Seligmann in Hannover. Bild: Jens Schulze / epd-Bild

Mit einer neu konzipierten Ausstellung soll in Hannover an die durch Nationalsozialisten betriebene Zerstörung jüdischer Kultur im Dritten Reich erinnert werden. „Verbrannte Bücher - Verbrannte Noten“ ist eine gemeinschaftliche Ausstellung der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek und des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik in der Villa Seligmann. Sinn sei es, die Autoren der gezeigten Werke in Erinnerung zu behalten, sagte Bibliotheks-Direktor Georg Ruppelt am Montag in Hannover. Würden sie vergessen, verhülfe das den Nationalsozialisten zu einem späten Erfolg.

Gezeigt werden 37 Bücher aus den Beständen der Leibniz-Bibliothek, die 1933 von den Nationalsozialisten auf eine Liste der zu verbrennenden Werke gestellt wurden. Bereits 2008 zeigte die Bibliothek die Bücher in einer ähnlichen Ausstellung. Ergänzt werden sie nun aber durch sechs Notenbände, die während der Novemberpogrome 1938 aus der brennenden Frankfurter Hauptsynagoge gerettet werden konnten.

„Eigentlich ist es ein trauriger Anlass, über den wir hier sprechen“, sagte der Direktor des Zentrums für Jüdische Musik, Andor Izsak. „Aber ich habe ein Strahlen in meinen Augen, denn die Bücher und Noten sind da, und wir können sie lesen.“ Anders als bei den Büchern lässt sich laut Izsak bei den Noten aber nur erahnen, wie groß das Ausmaß der Zerstörung von Musikliteratur war. Es fehlten Verzeichnisse, die heute Aufschluss über die ehemals vorhandenen Werke geben könnten. Dementsprechend schwieriger sei es, die Kompositionen zu rekonstruieren. Izsak sprach von einer Art „Puzzle-Spiel“, da meist sogar der Name des Komponisten fehle.

Am 10. Mai 1933 sowie darauffolgenden Tagen wurden in mehr als 70 Städten des Deutschen Reiches Bücher auf Scheiterhaufen verbrannt. Die nationalsozialistisch dominierte Deutsche Studentenschaft und deren Auftraggeber hatten die Werke von Autoren zusammengestellt, die als „undeutsch“ galten und vernichtet werden sollten. Nach der Bücherverbrennung 1933 brannten 1938 jüdische Geschäfte und Synagogen. Auf die organisierte Zerstörung folgte die Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung durch das nationalsozialistische Regime.

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Die „braune Liste verbrennungswürdiger Literatur“

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Am 26. April 1933 veröffentlichte die Deutsche Studentenschaft eine „braune Liste verbrennungswürdiger Literatur“. Grundlage für die Zusammenstellung war die „Schwarze Liste“, die der Berliner Bibliothekar Dr. Wolfgang Hermann (1904-1945) entworfen und gemeinsam mit dem „Ausschuss zur Neuordnung der Berliner Stadt- und Volksbüchereien“ für die Bücherverbrennung erweitert hatte. Ursprünglich hatte Hermann diese Liste erstellt, um indizierte Werke für die Ausleihe in Büchereien sperren zu lassen.

Er definierte seine Auswahlkriterien wie folgt:

  • wissenschaftliches Schrifttum des Marxismus und Kommunismus
  • aus dem Geiste volksentfremdeten Großstadtliteratentums hervorgegangene Asphaltliteratur
  • Literatur, die das Erlebnis der Frontsoldaten in den Schmutz zieht
  • Literatur, die die sittlichen und religiösen Grundlagen unseres Volkes untergräbt
  • Schriften zur Verherrlichung der Weimarer Republik
  • Schrifttum, welches das berechtigte Empfinden nationaler Kreise verletzt.

Nach der Bücherverbrennung, die an den meisten Orten am 10. Mai 1933 stattfand, ordneten Fachverbände wie der Börsenverein des deutschen Buchhandels und der Reichsverband der deutschen Leihbüchereien an, die „Ausmerzung undeutscher Literatur“ systematisch fortzusetzen. Dies führte dazu, dass öffentliche Bibliotheken und Buchhandlungen zunehmend die von den Nationalsozialisten verfemte Literatur aus ihren Beständen entfernten.

1934 umfassten die von Hermann erstellten „Schwarzen Listen“ bereits mehr als 3.000 indizierte Titel. Ab 1936 erschienen offizielle „Schwarze Listen“, die schließlich fast 12.500 Titel und 150 Autoren umfassten. Gleichzeitig ging damit auch die Zahl der Neuerscheinungen von Büchern in Deutschland zurück. Während es 1932 noch über 32.000 Neuerscheinungen gab, waren es zwei Jahre später nur noch 24.000.

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