2013_05_07

Bild: epd-bild / Dieter Sell

In Sandbostel galt immer das Prinzip Lager

Tagesthema 06. Mai 2013

Es ist eine der wenigen Gedenkstätten am Ort eines NS-Kriegsgefangenenlagers in Deutschland: Im niedersächsischen Sandbostel informiert eine neue Dauerausstellung über den Schreckensort. Hier starben Menschen aus der ganzen Welt.

Ein Taschentuch voller Tränen

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Jugendliche haben die Namen sowjetischer Soldaten in Tonziegel geritzt, die nun auf Stelen an die Opfer des ehemaligen NS-Kriegsgefangenenlagers im niedersächsischen Sandbostel erinnern. Bild: Dieter Sell / epd-Bild  

Fast genau 70 Jahre ist das Martyrium von Chasansch Zhanokow her. Im April 1943 starb der Rotarmist vom Nordrand des Kaukasus wie viele andere Soldaten im NS-Kriegsgefangenenlager Sandbostel. Seine Frau wusste nichts über das Schicksal ihres Mannes, der nur 40 Jahre alt wurde. Lange trocknete sie mit einem Taschentuch ihre Tränen. Genau dieses besondere Stück Stoff ist nun in einer neuen Dauerausstellung zu sehen, die Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) im niedersächsischen Sandbostel eröffnet hat.

Der Sohn des Russen, Zaudin Zhanokow, hat das Tuch auf den Spuren seines Vaters vor zwei Jahren nach Sandbostel gebracht. Am Tag der Eröffnung der neuen Dauerausstellung ist der heute 73-Jährige aus der Kleinstadt Argudan in der fernen russischen Republik Kabardino-Balkarien wieder in Sandbostel. „Eine 3.200 Kilometer lange Reise“, sagt Gedenkstättenleiter Andreas Ehresmann (48).

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Der Leiter der Gedenkstätte auf dem Areal des ehemaligen NS-Kriegsgefangenenlagers im niedersächsischen Sandbostel, Andreas Ehresmann (48), zeigt Objekte, die in einer neuen Dauerausstellung zu sehen sind. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Auf dem 3,2 Hektar großen Areal der heutigen Dokumentations- und Gedenkstätte steht ein einzigartiges Ensemble historischer Lagerbauten. Es ist eine der wenigen Gedenkstätten am Ort eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers in Deutschland. Bund, Land, Kreis und die Reemtsma-Stiftung haben rund 1,4 Millionen Euro investiert. Baracken wurden vor dem Verfall gerettet, in zwei Gebäuden ist die Ausstellung untergebracht.

Ein Team von vier Wissenschaftlern hat in mehr als zweijähriger Arbeit erforscht, was an diesem Schreckensort der Wehrmacht passiert ist. Jetzt gibt es nachprüfbare Zahlen. „Geholfen hat uns, dass wir erstmals Zugang zu Archiven in Frankreich, Belgien und Russland hatten“, erläutert Ehresmann, der selbst seit Juni 2007 in Sandbostel arbeitet. „Wir bekamen kartonweise Material.“

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Andreas Ehresmann, zeigt Objekte, die in einer neuen Dauerausstellung zu sehen sind Der handgeschnitzte Löffel aus Wurzelholz und die Gefangenenmarke gehörten einem norwegischen Seemann, der hier interniert war. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Dokumentiert ist nun das Schicksal von 313.000 Menschen aus mehr als 55 Nationen, die im Stalag XB, wie das NS-Lager offiziell hieß, interniert und als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. In der Ausstellung markiert eine Weltkarte mit blauer Farbe die Länder, aus denen sie stammen. Alle Kontinente sind blau.

Zu den größten Haftgruppen zählten Franzosen, Sowjets und Italiener, unter ihnen der Verfasser von „Don Camillo und Peppone“, Giovannino Guareschi. Die britischen Befreier verglichen Sandbostel aufgrund der katastrophalen Zustände auf dem Gelände mit dem Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Celle. Noch kurz vor der Befreiung trafen Ehresmann zufolge rund 9.500 KZ-Häftlinge aus Neuengamme bei Hamburg in Sandbostel ein. Die Überreste von etwa 2.500 nicht mehr identifizierbaren Toten aus diesem KZ-Auffanglager liegen heute auf dem Lagerfriedhof.

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Andreas Ehresmann zeigt eine Informationstafel aus der neuen Dauerausstellung auf dem Gelände des ehemaligen NS-Kriegsgefangenenlagers im niedersächsischen Sandbostel. Bild: Dieter Sell / epd-Bild  

Die Nazis hatten im Lager eine perfide Hierarchie eingerichtet. Amerikaner und Briten standen an der Spitze, ganz unten waren Polen, Italiener und schließlich die sowjetischen Gefangenen - Männer wie Chasansch Zhanokow. Während die einen nach den Genfer Konventionen behandelt wurden, malen durften und Jazz spielten, verweigerte die Lagerleitung den anderen fast alles. So bekamen die Rotarmisten ein „Russenbrot“ aus Laub, Sägespänen und wenig Mehl.

Unter den nachweislich rund 5.200 toten Kriegsgefangenen sind die Sowjets mit allein fast 4.700 Opfern die bei weitem größte Gruppe. „Wahrscheinlich ist die Zahl der Toten viel höher“, fügt Ehresmann hinzu, schränkt aber ein: „Das können wir seriös nicht nachweisen.“ Mit Dokumenten, Fundstücken, erklärenden Texten, Fotos, Ton- und Videodokumenten - darunter vielen Zeitzeugenaussagen - spürt die neue Ausstellung multimedial dem Schicksal der Opfer nach.

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Ein schlichter Gedenkstein erinnert an das Schicksal Tausender Menschen, die auf dem Gelände des ehemaligen NS-Kriegsgefangenenlagers im niedersächsischen Sandbostel ums Leben gekommen sind. Bild: epd-bild / Dieter Sell  

Über Jahrzehnte war das nicht möglich, eine Gedenkstätte am Ort des Grauens war politisch nicht mehrheitsfähig. Die Geschichte wurde lange verdrängt: Auf dem ehemals 35 Hektar großen Lagergelände entstand unter dem Titel „Immenhain“ ein Gewerbegebiet, zu dem auch heute noch viele ehemalige Baracken gehören.

Bürgerinitiativen lehnten sich dagegen zwar auf. Doch den Durchbruch brachte erst 2004 die Gründung der „Stiftung Lager Sandbostel“. Zum Gedenken gehört nun in einem zweiten Teil der Ausstellung auch die Nachkriegsgeschichte. Denn nach der Befreiung errichteten die Briten ein Internierungslager für SS-Angehörige. Später wurde Sandbostel als Strafgefängnis und später als Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge und als Bundeswehrdepot genutzt. „Immer gab es hier das Prinzip Lager“, resümiert Gedenkstättenleiter Ehresmann.

Von Dieter Sell (epd)

Stiftung Lager Sandbostel

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Ein schlichter Gedenkstein erinnert an das Schicksal Tausender Menschen, die auf dem Gelände des ehemaligen NS-Kriegsgefangenenlagers im niedersächsischen Sandbostel ums Leben gekommen sind. Bild: epd-bild / Dieter Sell  

Über Jahrzehnte verdrängten Politiker und Menschen in der Region die dramatische Geschichte des ehemaligen NS-Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers Stalag XB im niedersächsischen Sandbostel. Überlebende und Bürgerinitiativen kämpften über Jahrzehnte für ein angemessenes Gedenken an diesem Ort des Schreckens. Einen Durchbruch erreichte aber erst die «Stiftung Lager Sandbostel», die 2004 als Träger einer Gedenkstätte gegründet wurde.

Beteiligt an der Stiftung sind das Land, der Landkreis Rotenburg/Wümme, Vereine, Kommunen und die evangelische Kirchengemeinde Selsingen. Unter ihrer Leitung wurden 2005 und 2008 insgesamt 3,2 Hektar des einstmals 35 Hektar großen Lagergeländes gekauft. Auf diesem Areal stehen elf historische Gebäude. Viele waren marode, einige konnten denkmalgerecht saniert werden. In zwei Baracken entstand eine Dauerausstellung. Die evangelische Kirche will sich in der NS-Gedenkstätte verstärkt friedenspädagogisch engagieren.

Insgesamt stehen zusammen mit den Baracken im benachbarten Gewerbegebiet „Immenhain“ noch 25 Gebäude des Lagers, darunter Wohngebäude aus Holz und Stein, Küchen-, Wasch- und Latrinengebäude. Sie bilden damit nach Angaben der Stiftung einen bundesweit einzigartigen Gebäudebestand eines Kriegsgefangenenlagers aus dem Zweiten Weltkrieg.

epd

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