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Bild: Philipp Eberstein

Harmonisch und selbstbewusst

Tagesthema 05. Mai 2013

So viel gebetet, gesungen und gestritten wurde zwischen Elbe und Alster schon lange nicht mehr. Mehr als 150.000 Besucher feierten in Hamburg fünf Tage lang Kirchentag - und Petrus feierte mit.

Das biblische Leitwort „Soviel du brauchst“ setzte in der Hansestadt den Grundton

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"Soviel du brauchst". Bild: epd-Bild

Was braucht ein Mensch wirklich zum Leben? Das war die beherrschende Frage in den mehr als 2.500 Veranstaltungen des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Hamburg. Sie wurde anhand von Armut und Ausbeutung, Spekulationen mit Lebensmitteln, anhand von Finanzkrise, Steuerflucht und der ungelösten globalen Probleme wie Klimawandel und Fluchtbewegungen diskutiert. Der Gier wurde in den fünf Tagen des am Sonntag beendeten Protestantentreffens eine Ethik des Genug, ein Appell zu Maß und Mitte entgegengesetzt.

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Politiker auf dem Kirchentag zu Gast: Peer Steinbrück (SPD) beim Roten Sofa, der Talkbühne der Evangelischen Zeitungen. Bild: epd-Bild

Politik trifft Kirche - in einem Wahljahr verspricht dies naturgemäß besondere Spannung. Deshalb lassen es sich Politiker nahezu jeglicher Couleur nicht entgehen, einer Einladung des Kirchentages zu folgen. Dass die von den Spitzenpolitikern dabei demonstrierte Kirchennähe von Kirchenmitgliedern geschätzt wird, mag durchaus ein Kalkül sein. Bundespräsident Joachim Gauck, selbst einmal evangelischer Pfarrer und kirchentagserfahren, empfahl den Politikern, die Themen des Kirchentages aufzunehmen. Die Debatten „sollte die Gesellschaft zur Kenntnis nehmen“, sagte Gauck.

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"Soviel du brauchst" - Kirchentag in Hamburg ging mit Abschlussgottesdiensten zu Ende. Bild: epd-Bild

Dennoch blieben politische Kontroversen in Hamburg weithin aus. Das gesellschaftskritische Potenzial, das Kirchentage in der Vergangenheit mitunter prägte, ist Harmonie und Konsenssuche gewichen. Kantige Standpunkte, die womöglich anecken und unbequem sind, waren die Ausnahme. Für Streit sorgte allein das kirchliche Arbeitsrecht, das Streiks und Aussperrung ausschließt. Spitzenvertreter der Gewerkschaften ließen keinen Zweifel daran, dass dieser Dissens ausgefochten werden muss, um Klarheit zu schaffen, ob dieser Sonderweg durch das kirchliche Selbstbestimmungsrecht gedeckt ist. Trotz starrer Fronten gibt es Bestrebungen, die Verhärtungen aufzulockern.

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Ökumenischer Gottesdienst auf dem Hamburger Fischmarkt. Bild: epd-Bild

Ein weiteres Signal war die Selbstverständlichkeit, mit der evangelische und katholische Christen sich in Hamburg begegneten. „Eigentlich passt kein Blatt dazwischen“, registrierte Kirchentagspräsident Gerhard Robbers. Wie Robbers zeigte sich der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, gewiss, dass es 2019 eine dritte Auflage des Ökumenischen Kirchentages geben werde. Weitaus ungewisser erscheint hingegen, welche Chance die Idee für einen europäischen Kirchentag hat, wie sie in Hamburg formuliert wurde.

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Konzentriertes Zuhören bei der Bibelarbeit. Bild: epd-Bild

Jenseits der überfüllten Hallen mit den Promis aus Politik, Gesellschaft und Kirche gibt es auch ein anderes Gesicht des Protestantentreffens. In Kirchen, Gemeinde- und Kulturzentren finden die Teilnehmer bei Workshops und Vorträgen reichlich Gelegenheit, sich zu begegnen, zu informieren, zu Gebet, Andacht und Gottesdienst. Für viele der 120.000 Dauerteilnehmer, die zumeist in ihren Gemeinden verankert sind, ist diese spirituelle Dimension eine willkommene Gelegenheit, Anregungen für den kirchlichen Alltag zu bekommen.

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Die Hamburger Innenstadt an der Binnenalster. Bild: epd-Bild

Dieser Mehrwert der „Wolke“ Kirchentag, die nur alle zwei Jahre am Boden ist, dürfte noch immer für die große Anziehungskraft maßgeblich sein. „Wenn wir die Begeisterung der Ehrenamtlichen nicht mehr haben, dann haben wir auch keinen Kirchentag mehr“, sagt Generalsekretärin Ellen Ueberschär. Gleichwohl muss die Verantwortlichen in Kirche und Kirchentag nachdenklich stimmen, dass Religion bei den Deutschen an Relevanz einbüßt. Für die Wertevermittlung ist dem jüngsten Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung zufolge Familie und Schule wichtiger.

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Sie Studiogruppe von Pastor Fritz Baltruweit auf dem Kirchentag. Bild: Philipp Eberstein / Evangelische Zeitung

Im Unterschied zum Deutschen Humanistentag, der zeitgleich, jedoch nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Hamburg stattfand, strahlte der Kirchentag über Messehallen und Kirchen selbstbewusst aus in das Stadtleben. Vor dem organisierten Atheismus in seiner deutschen Spielart, dem es an zugkräftigen intellektuellen Köpfen fehlt, brauchen sich die Kirchen nicht zu fürchten.

Was vom Kirchentag bleibt, wie nachhaltig das Christentreffen mit seiner vielstimmigen Botschaft zu sein vermag, dürfte schwerlich zu ermessen sein. Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) jedenfalls gab sich zuversichtlich, dass der Geist des Kirchentages noch lange durch die Straßen der Stadt wehen werde. Einer Stadt, von deren Einwohnern nur noch ein Drittel der evangelischen Kirche angehören. 

Von Rainer Cloß (epd)

Eindrücke vom Kirchentag

Hamburg feiert Kirchentag mit Sonne und Gerechtigkeit

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Der anglikanische Bischof Nick Baines predigte im Schlussgottesdienstes des Kirchentages. Bild: epd-Bild

„Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit“ sangen 130.000 Christen am Sonntag zum Abschluss des evangelischen Kirchentags in Hamburg. Es war vor allem das Thema Gerechtigkeit, das sich als Leitfaden durch die rund 2.500 Veranstaltungen zog. Das Motto „Soviel du brauchst“ war Anregung für eine breite Debatte über das rechte Maß von Geld und Glück.

Fünf Tage lang war Hamburg eine Stadt in hellblau. Nicht nur blaue Fahnen, Plakate und Kirchentagsschals bestimmten die Farbe der Stadt, sondern auch ein strahlender Himmel. Nicht der übliche Regenschirm, sondern Sonnencreme war ständiger Begleiter der mehr als 150.000 Besucher. „Petrus ist Protestant“ überschrieb eine Hamburger Zeitung ihren Wetterbericht.

Vor allem beim Thema soziale Gerechtigkeit herrschte große Einigkeit. Gemeinsam forderten Kirchenvertreter und Gewerkschafter Maßnahmen gegen Lohndumping. „Menschen, die arbeiten, müssen von ihrem Lohn auch leben können“, sagte Kirchentagspräsident Gerhard Robbers in seiner Bilanz. Unternehmer Michael Otto erklärte, dass auch bei seiner umstrittenen Logistiktochter „Hermes“ künftig TÜV-geprüft alle Subunternehmer faire Löhne zahlen sollten.

Erstmals in seiner Geschichte wurde der Kirchentag am 1. Mai eröffnet - dem Tag der Arbeit. Die anfängliche Harmonie zwischen Kirche und Gewerkschaft endete jedoch, als über das Streikverbot bei der Kirche diskutiert wurde. Das Streikrecht sei „unteilbar und unverzichtbar“, wetterte ver.di-Chef Frank Bsirske. Gute und faire Arbeitsbedingungen gebe es in einer Dienstgemeinschaft auch ohne Streiks, konterte Diakonie-Präsident Johannes Stockmeier.

Trotz der Politik-Prominenz war von der anstehenden Bundestagswahl wenig zu spüren. Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Herausforderer Peer Steinbrück vermieden den direkten Schlagabtausch. Merkel sprach am Freitag über weltweite Gerechtigkeit: „Uns wird es auf Dauer nur gutgehen, wenn es auch anderen Ländern gutgeht.“ Steinbrück warb für einen fairen Umgang mit Steuersünder Uli Hoeneß. Die Herausforderungen bei Klima und Finanzkrise müssten gemeinsam bewältigt werden, betonten beide einmütig. Wahlkampf sieht anders aus.

Nur beim Thema Frieden und Bundeswehr wurde es laut. Als „Kriegstreiber“ und „Mörder“ wurde Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) von Demonstranten beschimpft, die die Rüstungsgeschäfte mit Saudi-Arabien anprangerten. Als der Protest vor der Halle weitergingen, schritt die Polizei ein. De Maizière forderte mehr Wertschätzung für die Soldaten in Afghanistan. Ihnen dürfe „man auch mal danke sagen“. Da wusste er noch nicht, dass am Samstag ein Bundeswehrsoldat in Nord-Afghanistan getötet werden sollte.

Umso friedlicher waren die Begegnungen zwischen den Religionsvertretern. „Kein Blatt“ passe zwischen Protestanten und Katholiken, sagte Kirchenpräsident Robbers. Erzbischof Werner Thissen regte einen Ökumenischen Kirchentag in Hamburg an. Die Forderung von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) nach einem gemeinsamen Abendmahl blieb ohne Resonanz. Auch rund 600 Muslime und Christen feierten am Samstag einen gemeinsamen Gottesdienst.

Zu den größten Herausforderungen des Kirchentags zählte es, alle Angebote auch den 1.700 behinderten Gästen zugänglich zu machen. Ein deutliches Zeichen setzte Bundespräsident Joachim Gauck bei der Diskussion mit Samuel Koch, der seit einem Unfall bei „Wetten, dass..?“ gelähmt ist. Behinderte seien „ein Vorbild in Lebensfreude und Lebensbejahung“, sagte Gauck und reichte Koch während der Diskussion fürsorglich das Wasserglas.

Im Schlussgottesdienst rief der britische Bischof Nicholas Baines noch einmal zu einem bescheideneren Lebensstil auf. „Die Welt muss nicht so sein, wie sie jetzt ist.“ Und so sangen die 130.000 Besucher nach seiner Predigt: „Komm in unsre stolze Welt/ Überwinde Macht und Geld./ Schaff aus unserm Überfluss/ Rettung dem, der hungern muss.“

Von Thomas Morell (epd)