Brauchen wir Karfreitag?

Tagesthema 28. März 2013

Wunde (Karfreitag)

Mit Wunden hat der Mensch in der Regel nicht gerne zu tun. „Hast du dir weh getan?“ fragen wir erschreckt, wenn jemand uns eine blutende Wunde zeigt. Wunden schmerzen. Sie erinnern an Verletzlichkeit und weisen an die Grenzen unserer eigenen Sicherheit. Und wenn sie nicht heilen, wird in ihnen die eigene Endlichkeit schmerzhaft sichtbar. Das, was wie eine dunkle Ahnung über unserem Leben liegt, bricht beim Anblick einer blutenden Wunde wieder auf: wir sind verletzlich, sterblich.

Brauchen wir da auch noch den Karfreitag mit seinen dunklen Bildern und seiner bedrückenden Erinnerung an Tod und Sterben, an das Haupt voll Blut und Wunden? Brauchen wir Filme mit Kreuzigungsszenen und Passionsspiele voller Blut und Tränen? Der Theologe Karl Barth hat das einmal ziemlich abfällig „Karfreitagschristentum“ genannt. Er meinte damit eine Form der Frömmigkeit, die ihren Glauben aus dem Nachvollziehen des Leidens Christi bezieht. Aus seiner Sicht wurde mit einer gewissen Wollust und Ergötzung auf die Wunden Jesu geschaut, wurde nachgespielt und scheinbar nachempfunden, was nicht zu fassen ist. Davon wollte er nichts wissen. Er war überzeugt: Wie furchtbar diese Welt mit ihrem Erlöser umging, das können unsere Filmversuche und Passionsspiele nicht fassen, wie wuchtig wir auch davon reden und wie blutig wir’s auch inszenieren. Wir wissen doch um das Wunder von Ostern, warum bei der Wunde von Karfreitag verharren?

Udo Mathees „mit wunde r“ hält beides zusammen: den Blick auf die Wunden Christi und die Verheißung seiner Auferstehung. „Ein zentrales Thema meines künstlerischen Schaffens war und ist auch heute noch die Frage nach der Erkenntnisfähigkeit des Menschen“ sagt Mathee, der Maschinenbau studiert hat und als Künstler und Journalist arbeitet. Erkenntnisfähigkeit – dazu arbeitet er unter anderem auch mit sandgestrahlten Spiegeln. An diesen Spiegeln ist keine Kontrolle der Haare oder des Make-ups im Vorbeigehen möglich. Alles Schmückende, Farbige, Glänzende wird hier nicht so ohne Weiteres wiedergegeben. Die Oberfläche ist mattgestrahlt, außer Funktion. Sie spiegelt nur an einer kleinen Stelle, die den Blick auf ein Wort lenkt: „Wunde r“. Die Schlichtheit besticht. Der Blick bleibt bei den ersten fünf Buchstaben hängen. „Wunde“. Durch die Buchstaben dieses Wortes, die der Sandstrahler ausgelassen hat, sieht man sich in Spiegelbruchstücken. Man kann nur erkennen, was die „Wunde“ frei gibt. Karfreitag heißt: den Blick wagen auf die Wunde und dabei in Berührung kommen mit den eigenen Wunden. Aushalten und erkennen, was ist. Jesus am Kreuz konnte die Wunden, die seine Folterer ihm geschlagen hatten, nicht alleine tragen und seinen Peinigern nicht selbst vergeben. Er hat gebetet: „Vater vergib Du ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!“ Dadurch hat er einen heilsamen Zusammenhang eröffnet, in den wir durch ihn treten können: unsere eigenen Wunden, die Wunden der Menschen mit denen wir leben kommen mit Jesu Wunden in Berührung. Sie werden angesehen, ausgehalten, aufgenommen und unter den liebenden Blick der Güte Gottes gestellt.

Landesbischof Ralf Meister

Stichwort: Karfreitag

Am Karfreitag erinnern Christen an das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz. Nach christlichem Verständnis leidet Gott in Gestalt des unschuldig gekreuzigten Jesus gemeinsam mit seiner gequälten Schöpfung. Der Karfreitag ist damit zugleich die Antwort des Christentums auf das Böse in der Welt. Das Christentum wurde so zur Religion des Kreuzes und das Kreuz Symbol für Mitgefühl und die Erlösung vom Tod.

Die Kreuzigung war die grausamste Hinrichtungsart der damaligen Zeit. Theologen warnen daher davor, die „harten Fakten“ von Kreuz und Auferstehung als Ursprung des christlichen Glaubens zu verharmlosen. Die von Jesus von Nazareth ausgehende Bewegung schien mit seinem gewaltsamen Ende zunächst abgeschlossen. Nach der Kreuzigung und der von den Jüngern bezeugten Auferstehung Christi an Ostern nahm das Christentum jedoch erst seinen Anfang.

Zwar steht der Karfreitag ganz im Zeichen der Trauer. Für Christen ist das Kreuz aber auch ein Zeichen des Heils. Jesus Christus habe mit seinem Sühneopfer „unsern Leib und unsere Seele von der ewigen Verdammnis“ erlöst, so zum Beispiel der protestantische Heidelberger Katechismus von 1563. Theologen betonen, dass sich solche Aussagen allerdings nur im Zusammenhang des Mysteriums von Leiden, Tod und der Auferstehung Jesu Christi von den Toten an Ostern verstehen lassen.

epd