2013_03_28

Bild: epd-Bild

Das Scheitern rehabilitieren

Tagesthema 27. März 2013

„Erst das Scheitern gibt menschliche Tiefe“

Matthias Viertel
Matthias Viertel

Gescheiterte Existenzen, wo der Blick hinfällt. „Es gibt keine Gestalt, die ganz glatt und sauber rüberkommt“, sagt Pastor Matthias Viertel über das Evangelium. Diese Ansammlung von „Brüchen“ fasziniert den Kieler Pastor seit 40 Jahren und inspirierte ihn zu seinem Buch „Warum wir scheitern – Zum sinnvollen Umgang mit Misserfolgen“. Auch im Leben des 60-Jährigen ging es nicht ohne Höhen und Tiefen zu. „Warum auch“, fragt er. „Die glatten Karrieregeschichten interessieren nicht.“ Viertel hat sich ein Ziel gesetzt: Er will das Scheitern rehabilitieren. „Erst das Scheitern gibt menschliche Tiefe.“

Ein halbes Jahrhundert liegt seine erste Niederlage zurück, an die sich Matthias Viertel erinnern kann. Der Sohn eines Kaufmanns wollte aufs Gymnasium, doch sein Lehrer entschied „Bleib du mal hier auf der Hauptschule!“ Dem Pädagogen erschien das angemessen für den Zehnjährigen. Der kleine Matthias sah das anders und kämpfte, gelangte schließlich mit Verspätung aufs Gymnasium. Ein Triumph für den sprichwörtlich Totgesagten. Viertel war aufgestanden für sein Recht auf eine höhere Schulbildung und hatte Erfolg. Dennoch: Ein bitterer Nachgeschmack und eine „tiefe Skepsis gegenüber pädagogischen Systemen“ blieb.

Der gebürtige Eutiner studierte in Kiel Philosophie, Musikwissenschaft und Evangelische Theologie. Doch während des Vikariats in der St. Stephanus-Gemeinde in Lübeck beschloss er: „Ich will nicht Pastor werden.“ Stattdessen arbeitete er beim Rundfunk in der Kulturredaktion, berichtete zehn Jahre lang über die angenehmen Dinge des Lebens. Als der Platz für die Radioberichterstattung über Oper und Co. schrumpfte, wechselte Viertel 1996 frustriert als Direktor an die Evangelische Akademie in Hofgeismar.

Was aber der Wechsel „mit Haut und Haar“ – eine Ablösesumme inbegriffen – von der damals Nordelbischen Kirche nach Kurhessen Waldeck wirklich bedeuten würde, war ihm nicht klar. Viertel war der Exot, „das U-Boot“. Nach zehn Jahren wollte er zurück in den Norden, doch das Recht auf eine Bewerbung gilt nur innerhalb einer Landeskirche. „Das hatte ich mir nicht klargemacht.“ Plötzlich war Viertel in seiner alten Heimat Schleswig-Holstein ebenfalls ein Fremder. Für den jahrelang Erfolgsverwöhnten hagelte es Absagen. Den „verkopften Akademiker“ wollte niemand. Ein herber Rückschlag. Er fragte sich: „Bin ich noch sprachfähig?“ Viertel schien gescheitert.

Schmerzhafte Knicks haben etwas Heilsames

12-32-10-d

Über die neu geschaffene Stabsstelle „Glaube und Bildung“ in Lübeck durfte Viertel schließlich in den Schoß Nordelbiens heimkehren, seit 2009 ist er einer der Pastoren der Heiligengeist-Gemeinde. Zur festen Institution ist mittlerweile seine „Teestunde“ am Dienstagnachmittag ab 16 Uhr in der Kirche geworden, wo er zum Zweiergespräch einlädt.

Zu ihm kommen Menschen mit ihren Geschichten vom Scheitern, die auch zeigen, dass nicht jeder seines Glückes Schmied ist. Matthias Viertel weiß: „Es ist nicht alles machbar. Vieles hängt vom Schicksal ab.“ Auch wenn der Pastor aus seiner eigenen Biografie heraus für einen gelasseneren Umgang mit den Brüchen im Leben plädiert, Arbeitslosigkeit, Krankheit, der Verlust eines geliebten Menschen dürfen nicht billig vertröstet werden. Noch weniger dürfe das Scheitern als individuelle Schuld betrachtet werden, vielmehr sei der Umgang damit als soziale Leistung zu begreifen.“ Für Viertel ist das der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.

Die Passionszeit sieht er als ideal an, mit nicht-erfüllbaren Erwartungen umgehen zu lernen. „Das Scheitern trainiert sich im Kleinen“, ist Viertel überzeugt. So ist der Karsamstag für ihn persönlich der wichtigste Tag in der Karwoche. Ohne Perspektive, ohne Hoffnung. Dieses Scheitern Jesu und letztlich auch das eigene Scheitern auszuhalten – das ist in seinen Augen die eigentliche Herausforderung.

Von Maren Warnecke (aus: Evangelische Zeitung)

Buchvorstellung in Kiel

Das letzte Abendmahl
Das Scheitern im Blick

Abendmahlskelch und Abendmahlsteller
Bild: Klaus-Uwe Nommensen

Wenn Jesus mit Menschen gegessen hat, saß er auch immer mit denen zu Tisch, die gescheitert waren - oder noch scheitern würden. Selbst bei seinem letzten Abendmahl, waren der, der ihn den Mächtigen übergab, und der, der ihn verleugnen wiürde, mit am Tisch.

Es kam nun der Tag der Ungesäuerten Brote, an dem man das Passalamm opfern musste. Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Geht hin und bereitet uns das Passalamm, damit wir's essen. Sie aber fragten ihn: Wo willst du, dass wir's bereiten? Er sprach zu ihnen: Siehe, wenn ihr hineinkommt in die Stadt, wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Wasserkrug; folgt ihm in das Haus, in das er hineingeht, und sagt zu dem Hausherrn: Der Meister lässt dir sagen: Wo ist der Raum, in dem ich das Passalamm essen kann mit meinen Jüngern? Und er wird euch einen großen Saal zeigen, der mit Polstern versehen ist; dort bereitet es. Sie gingen hin und fanden's, wie er ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Passalamm. Und als die Stunde kam, setzte er sich nieder und die Apostel mit ihm. Und er sprach zu ihnen: Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, dass ich es nicht mehr essen werde, bis es erfüllt wird im Reich Gottes. Und er nahm den Kelch, dankte und sprach: Nehmt ihn und teilt ihn unter euch; denn ich sage euch: Ich werde von nun an nicht trinken von dem Gewächs des Weinstocks, bis das Reich Gottes kommt. Und er nahm das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird! Doch siehe, die Hand meines Verräters ist mit mir am Tisch. Denn der Menschensohn geht zwar dahin, wie es beschlossen ist; doch weh dem Menschen, durch den er verraten wird!

Lukasevangelium 22,7-22