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Bild: D. Woltmann

Verstehen leicht gemacht

Tagesthema 20. März 2013

Was die Übertragung eines Predigttextes
in „Leichte Sprache“ leistet

Verstehen leicht gemacht ist das Ziel der „Leichten Sprache“. Ursprünglich ist sie eine Errungenschaft der Selbsthilfebewegung von Menschen mit geistigen Behinderungen, die ihr Recht auf verständliche schriftliche Informationen eingefordert und auf eine Sprache gedrängt haben, die ihren kognitiven Fähigkeiten entspricht. Doch auch in der Predigt leistet „Leichte Sprache“ einen wertvollen Dienst.

Gottesdienst soll Wortverkündigung sein – aber wie an dieses Wort herankommen, es verständlich machen? Die biblischen Texte und liturgischen Gebete sind überliefert und da – zugleich soll „das Wort“ aktuell werden, „zur Welt kommen“, lebendig sein, ins Herz treffen. Um das Herz zu treffen, muss es auf etwas im Innern treffen, was schon da ist, was versteht, was glaubt, hört, mitbetet, sich einfühlen kann.

„Leichte Sprache“ ermöglicht diese Brücke. Zu den Regeln der „Leichten Sprache“ gehört es, kurze Sätze zu verwenden. Dabei enthält jeder Satz nur eine Aussage. Lange Sätze mit mehr als 15 Wörtern werden aufgeteilt. Verbalisierungen sind Nominalisierungen vorzuziehen. Konjunktive sollen nicht verwendet werden, ebenso wenig Abstrakta, Fremdwörter oder Fachwörter. Lange Zusammensetzungen werden aufgelöst, Negationen durch positive Aussagen ersetzt. Mit Bildern und Metaphern wird sparsam umgegangen.

Natürlich muss nicht jede gottesdienstliche Passage in „Leichter Sprache“ gehalten sein. Je nach Typus von Predigerin und Prediger und je nach Gemeindemilieu und Anlass des Gottesdienstes ist die Sprachform immer neu zu überlegen. Es geht um Aufmerksamkeit für bestimmte Teile des Gottesdienstes, wo es um das Verstehen geht.

„Leichte Sprache“ heißt nicht, dass durch einen schlichten Übersetzungsvorgang unter Anwendung von ein paar Regeln das vollständige Verstehen erreicht wäre. Glaubenssprache ist geräumiger als die Begriffssprache des praktischen Lebens. Beim Anwenden von „Leichter Sprache“ im Gottesdienst geht es vielmehr darum, Gedanken zu sortieren, zu reduzieren und Begriffe zu öffnen.

Die Verwendung des Begriffs „Übersetzung in Leichte Sprache“ suggeriert, es gehe darum, denselben Sachverhalt in einer anderen Sprache zu sagen. Das trifft nicht zu, deswegen wäre „Übertragung“ oder „Nachdichtung“ ein besserer Ausdruck.

genau wird unter die Lupe genommen
Der Gottesdienst wird unter die Lupe genommen. Bild: Fiebke / photocase.com

Wer konsequent versucht, die Regeln von „Leichter Sprache“ auf gottesdienstliche Rede anzuwenden, merkt, dass sich die Sachverhalte selbst verändern. Eine Sicherheit wird entlarvt, die von überkommenen Wortkombinationen getragen wird. „Leichte Sprache“ enttarnt auch den Appellcharakter von Gebetsformulierungen. In den allermeisten Fällen bewirkt sie als „Zwischenfilter“ aber, dass die Texte an Zugänglichkeit, an Hörbarkeit, an Klarheit und gelegentlich an Demut gewinnen (siehe Beispiel oben).

Nach diesem Überarbeitungsschritt liegt in der Regel keine ganz fertige neue Predigtpassage vor. Vielmehr wird, so auch in diesem Beispiel, erst einmal der Kern des vorher verklausuliert Gesagten freigelegt. Teils – so auch hier – tritt ein relativ schlichtes Gedankenkonstrukt zu Tag. Der „Übersetzungsvorgang“, der wie jede Übersetzung auch ein Interpretationsvorgang ist, kommt mit Hilfe der Regeln für „Leichte Sprache“ an eine Art Substanz, die sich leichter hören lässt. Ob es das ist, was der Prediger der Gemeinde wirklich sagen möchte, wären in einem nächsten Schritt zu klären.

Diese Überlegungen und Erfahrungen aus der Praxis eines Gottesdienst Instituts seien hier offen gelegt als Teil einer Suche nach zeitgemäßer Rede von Gott. Aus meiner Sicht stehen theologisch Lehrende, Denkende, methodisch Arbeitende in der gegenwärtigen kirchlichen Lage vor großen Herausforderungen. Es gilt, plausibel und wach zu sein für die Formen von Verkündigung und religiöser Sprache, wie sie auch außerhalb der christlichen Kirchen existiert. Es gilt auch, das Gespräch mit diesen Formen zu suchen. Zugleich ist der Schatz zu bewahren, der Schatz der Traditionen, der biblischen Schriften, der liturgischen Erfahrungen, der religiösen Poesie der Jahrhunderte.

Pastorin Anne Gidion arbeitet im Gottesdienst-Institut der Nordkirche

„Im Anfang war das Wort“

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Aufgeschlagene Bibel mit einem Handy, auf dem ein Bibelvers abgeschrieben ist. Bild: epd-Bild

Kein Text der Bibel ist mir bekannt, der dem Wort einen vergleichbar hohen Platz in der Rangordnung der Kulturbedeutungen zuschriebe, wie das Johannes-Evangelium.

Es beginnt mit einer Art Fanfarenstoß: „Im Anfang war das Wort“, heißt es. Ist das eine normative Feststellung, die nur das Vergangene betrifft, oder hat es auch Geltung für die heute Lebenden, für den Weltzusammenhang im Ganzen? Und um welches Wort handelt es sich hierbei?

Oskar Negt ist Sozialphilosoph und gilt als einer der führenden Denker der Kritischen Theorie. Lesen Sie seinen Artikel.

Rechtfertigung in einer Lesepredigt

„Für Paulus war das der Wechsel vom Sünder zum Gerechten, vom Verfolger der Christen, zum Verkündiger der Botschaft des Jesus von Nazareth. Jesus ist gekommen, um die Sünder selig zu machen. Der Sünder Paulus wurde zum Gründer christlicher Gemeinden über den größeren Teil des Mittelmeerraumes hinweg. Für ihn war der Glaube ein Wechsel im eigenen Selbstverständnis. Der Sünder gründet sein Ich auf sich selbst. Er versucht, sich selbst eine Rechtfertigung des Lebens zu bauen, mit Geschichten und Argumenten. Aber diese Rechtfertigung muss brüchig und instabil bleiben. Als Paulus das erkannt hat, merkt er, dass er dieses Rechtfertigen nicht mehr nötig hat. Er muss sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Er hat gemerkt: Wer sich in Gott gründet, wer sich auf seine Gnade und Barmherzigkeit verlässt, der kann einfach damit aufhören, sich zu rechtfertigen. So gewinnt er eine ungeheure Freiheit und vor allem Zeit. Eine dauernde Veränderung ist dieser Glaube, weil auch Paulus gemerkt hat: es gibt Rückfälle, und ich brauche das, dass mir jemand anderes sagt: so kannst Du dich wieder neu auf Gott ausrichten. So kommt die Gott in Gnade und Barmherzigkeit entgegen...“

aus: Wilfried Engemann, „Er ist unser Friede. Lesepredigten Trinitatis bis Ewigkeitssonntag 2010“, Textreihe II/2, Seite 37ff.

Rechtfertigung in der „Leichten Sprache“

„Wenn wir die Briefe von Paulus lesen, dann merken wir: es ist etwas Besonderes passiert. Etwas sehr Wichtiges. Paulus hat erkannt: Gott hat ein Herz für mich. Das kann ich spüren. Und das möchte ich anderen Menschen weitersagen. Paulus hat gemerkt, dass er vieles falsch macht. Immer wieder. Ohne es zu wollen. Das nennt er „Sünde“. Aber er hat auch gemerkt: Gott hat gerade die Sünder lieb. Die, die immer etwas falsch machen. Eigentlich sind wir das alle. Gott will uns helfen. Darum hat er Jesus zu uns geschickt. Jesus sagt uns, Du und Gott, ihr gehört zusammen. Gott will, dass du glücklich bist. Es ist egal, ob du etwas falsch machst oder nicht.“

Anne Gidion

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Bild: misterQM / photocase.com

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