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Pellegrina / photocase.com 

Entmenschlichung in Kriegszeiten

Tagesthema 18. März 2013

Eine neue Oper bringt den Zuschauern die Abgründe der menschlichen Natur und seine Neigung zur Brutalität nahe - und kommt dabei doch ganz ohne Gewaltdarstellungen aus. Musik bringt das seelische Drama von zwei Jungen zum Ausdruck.

Dargestellt in einer Oper in Osnabrück

„Wir schlagen mit all unserer Kraft, und alles wird rot“

Sie schlagen sich gegenseitig mit Fäusten, nageln Frösche an die Wand und sehen die Mutter im Bombenhagel sterben. So viel Grausamkeit war selten in einem deutschen Musiktheater: Zwei Jungen wandeln sich unter Folter, Missbrauch und Demütigungen in Zeiten des Krieges zu gefühllosen Kämpfern ums eigene Überleben. Die Oper „Das große Heft“, die in Osnabrück uraufgeführt wird, kommt dennoch ganz ohne Gewalt auf der Bühne aus: „Das seelische Drama dieser Kinder wird dem Zuschauer durch Musik und Text vermittelt“, sagt Intendant Ralf Waldschmidt.

Erstmals ist aus dem gleichnamigen Roman von Agota Kristof, die 2011 gestorben ist, eine Oper entstanden. Waldschmidt hat damit den Komponisten Sidney Corbett beauftragt, der in den USA geboren wurde und jetzt in Berlin lebt. Gemeinsam haben sie das Libretto geschrieben. Das Buch gehöre zu den eindringlichsten, die sie je gelesen hätten. „Als ich es zum ersten Mal gelesen habe, habe ich geheult“, sagt Corbett.

Der Roman entstand 1986. Die Autorin, in Ungarn geboren wurde und nach dem niedergeschlagenen Aufstand von 1956 in die Schweiz floh, bezieht sich bewusst nicht auf eine historische Kriegssituation. Die Ereignisse im Buch kennen keine Zeit. Personen und Orte tragen keine Namen.

Ein bis dahin wohlbehütetes Zwillingspaar, neun Jahre alt, kommt zum Schutz vor Bombenangriffen bei der Großmutter auf dem Land unter. Dort herrschen nahezu archaische Zustände. Die Großmutter schlägt die Jungen, lässt sie hart arbeiten, hungern und frieren. Ein Soldat und die Magd des Pastors missbrauchen sie. Dargestellt werden die beiden von den erwachsenen Schauspielerinnen Marie-Christine Haase und Susann Vent. Eva Gilhofer, Gast vom Theater Bremen, spielt die Großmutter.

Gegen die Grausamkeiten setzen die Zwillinge auf Abhärtung: Sie schlagen und beschimpfen sich gegenseitig - so lange, bis sie nichts mehr fühlen. Keinen Schmerz, keine Trauer, kein Mitleid: „Wir schlagen mit all unserer Kraft und alles wird rot.“ Sie wollen überleben, um jeden Preis. „Wir wollen nur den Schmerz besiegen, die Hitze, die Kälte, den Hunger, alles, was wehtut.“ Ihre „Übungen zur Abhärtung des Geistes und des Körpers“ und ihre Gedanken tragen sie in ein Schreibheft ein.

Eine Sprecherin liest daraus. Sie gibt damit die banal anmutende Sprache des Romans wieder, die zur Brutalität in scharfem Kontrast steht: „Eines Tages hängen wir unseren Kater an einen Ast. Aufgehängt zieht er sich in die Länge. Als er sich nicht mehr rührt, hängen wir ihn ab.“

Das Orchester ist für eine Oper ganz untypisch mit einer zahlreichen Schlaginstrumenten besetzt und arbeitet die bedrückende Atmosphäre mit dunklen Klängen heraus: Ölfässer donnern, Metallketten rasseln, Sandpapier knirscht. Doch die Oper bleibt nicht im Grauen stehen: Sie stellt die Frage nach der Ethik des menschlichen Handelns, sagt Corbett. Er wolle mit seiner Musik zeigen, „dass wir selbst auch in Situationen kommen können, wo wir so handeln würden“. Deshalb bekomme jede Figur einen eigenen musikalischen Charakter.

Waldschmidt geht noch einen Schritt weiter: „Die Musik gibt dem Geschehen eine Dimension von Hoffnung und setzt ihm die Utopie einer anderen Welt entgegen.“ Denn sie spiegele die Sehnsucht der Kinder nach Liebe und Wahrheit wider.

„Ihr habt recht, man muss töten können, wenn es nötig ist“, sagt die Großmutter kühl, als sie ihre Enkel bei den Abhärtungsübungen überrascht. Am Ende treffen die Kinder ihren Vater, der wie sie über die Grenze fliehen will. Der Weg führt über ein Minenfeld: „Ja, es gibt eine Möglichkeit über die Grenze zu gehen: Wenn man jemanden vor sich hergehen lässt“, sagt einer der Jungen. „Über den leblosen Körper unseres Vaters steigend, geht einer von uns hinüber in das andere Land.“

Von Martina Schwager (epd)

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Friedensbotschaft auf der Berliner Mauer / Bild: Klaus Burckhardt

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