2013_03_18

Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Die Osterbotschaft auf einem Kassiber

Tagesthema 17. März 2013

Es sind zerbrechliche Liebesgaben, die Jürgen Bartholdi da gestaltet hat. Seine im Innern mit Spruchbändern gefüllten Biedermeiereier sind im Norden wie im Süden begehrt. Nur sind die Geschmäcker an der Küste und in den Bergen verschieden.

Bremer Pastor verkauft Biedermeier-Kunstwerke zugunsten von Aids-Waisen

Der Reformator Martin Luther (1483-1546) mochte es bekanntermaßen auch deftig. „Aus einem traurigen Arsch kann kein fröhlicher Furz kommen“ ist so ein Satz, der ihm zugeschrieben wird. Er steht auf einem Spruchband, das bei der Kundschaft von Jürgen Bartholdi besonders gut ankommt. Fast 20 Jahre hat der evangelische Theologe aus Bremen nach Biedermeier-Tradition sogenannte Freundschaftseier mit biblischen Texten, Liedversen und Lebensweisheiten verziert. So wurden die Eier auch zu Kassibern für eine versteckte Osterbotschaft.

Mehr als 3.000 Eier sind durch seine Hände gegangen, meist von Hühnern, Enten und Wachteln, manchmal auch im XXL-Format vom Strauß. Doch bevor die Spruchbänder auf rätselhafte Weise im Innern der Schalen verschwinden, wurden sie mit Feder und Ausziehtusche säuberlich beschriftet. „In der ersten Hälfe des 19. Jahrhunderts hat man sich solche Überraschungseier mit ausziehbaren Papierfahnen als Freundschaftsgeschenk überreicht“, erinnert der 75-jährige Ruhestandspastor Bartholdi.

Der Brauch, Eier zu verschenken, geht auf das Zinsei zurück, das die Bauern im Mittelalter jährlich zu Ostern als Pacht an den Grundherrn abgeben mussten. Aus der Abgabe wurde später ein Geschenk, das sich schnell als Tradition in allen Bevölkerungsschichten verbreitete. Früh bekannt in klösterlicher Tradition sind beschriftete oder beklebte Freundschafts- und Gebetseier. In der Zeit der Romantik entwickelte sich in ganz Europa dann der Brauch, Ostereier als Liebesgaben zu verschenken. Dazu gehörten dann auch fein verzierte Biedermeiereier, die Sprüche verbergen.

Die Spruchbänder sind an einem kleinen Holzstäbchen befestigt, mit dem sie sich mühelos aus dem Ei ziehen lassen. Über Jahre hat Bartholdi mit Fingerspitzengefühl die zerbrechlichen Kunstwerke hergestellt, ausgerüstet mit Fräse, Schaschlikstäben, Kleber und Holzperlen. Als Pastor in psychiatrischen Kliniken und bei der Telefonseelsorge hat er viele Menschen begleitet, die im Gefühlschaos versanken. „Als Ausgleich habe ich mir etwas mit klarer Struktur gesucht, etwas mit Anfang, Mitte und Ende.“

Jetzt produziert er zwar keine Eier mehr. Im Bremer evangelischen Informationszentrum „Kapitel 8“ verkauft er dafür nun seine Bestände - für einen guten Zweck. Der Erlös ist für das Hilfsprojekt seines Freundes Konrad Landsberg bestimmt. Der Jesuiten-Pater unterstützt in Simbabwes Hauptstadt Harare Hunderte Aids-Waisen.

Es sind die kecken und die tröstlichen Sprüche, die am meisten gefragt sind. „Immer, wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“ lautet so ein Schlager. Mit den jetzt so sehnsüchtig erwarteten ersten warmen Frühlingstagen wird aber auch Goethes „Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein“ gern genommen.

Im pietistischen Württemberg kommen Bibelsprüche am besten an. Der Norden steht auf märchenhafte Zitate. Die Fangemeinde der Ostereier, die der Bremer verziert hat, kommt aus ganz Deutschland. In seiner Heimatstadt an der Weser ist natürlich das Ei mit den Stadtmusikanten der Renner, aus dessen Schale sich ein Ausschnitt aus dem wohlbekannten Grimmschen Märchen ziehen lässt.

„Ei was, Du Rotkopf, komm lieber mit uns. Wir gehen nach Bremen. Etwas Besseres als den Tod findest Du überall“, steht auf der Fahne, die Bartholdi kunstvoll beschriftet hat. Der Theologe selbst liebt den fein in Fraktur gemalten 23. Psalm: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“

Von Dieter Sell (epd)

Informationen zur Ausstellung

„Kapitel 8“ ist montags bis freitags von 12.30 Uhr bis 18.30 Uhr sowie sonnabends zwischen 11 Uhr 14 Uhr geöffnet. Bartholdi verkauft seine Biedermeier-Eier auch persönlich am Sonnabend, 23. März.

Die Adresse:
„Kapitel 8“, Domsheide 8, 28195 Bremen

Der Lieblingstext des Künstlers

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Mit Fingerfertigkeit, Klebstoff und einem kunstvollen Trick brachte Bartholdi über Jahre Spruchbänder in die Eier vor allem von Hühnern, Gänsen und Wachteln, auf denen biblische Texte stehen. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Psalm 23