2013_03_15

Bild: Robert Kresse / photocase.com

Es bleibt noch viel zu tun

Tagesthema 14. März 2013

Diskussion über Afghanistan

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Militärbischof Dr. Martin Dutzmann und Oberst i.G. Jürgen-Joachim von Sandrart im Gespräch. Bild: Michael Eberstein/ Evangelische Zeitung

„Ich glaube, wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir mit militärischem Einsatz nicht mehr erreichen können“, zeigte sich Oberst i.G. Jürgen-Joachim von Sandrart in der Diskussion über den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan überzeugt. Es sei richtig und gut, dass der militärische Einsatz Ende 2014 beendet werde. Gleichwohl sei Hilfe beim Aufbau des Staates und seiner Sicherheit nötig, auch von Soldaten als Beratern, betonte der Referatsleiter Strategie und Einsatz im Verteidigungsministerium. „Es ist schon vieles gut in Afghanistan, aber es bleibt noch viel zu tun“, sagte von Sandrart, der selbst dreimal im Einsatz am Hindukusch war.

Die kritische Haltung der evangelischen Kirche an dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan verdeutlichte Militärbischof Martin Dutzmann. „Bis 2010 war nicht erkennbar, mit welchem Konzept der Einsatz erfolgte.“ Das habe sich bis heute gewandelt, „es bleibt aber der Eindruck, dass vieles zu kurzatmig geschieht“, sagte Dutzmann mit Hinweis auf die jüngsten Entscheidungen für Einsätze in Mali und in der Türkei. Offenbar gelinge es nur schwer, die Ressortgrenzen zu überschreiten; er halte es zum Beispiel für sinnvoll, den Verteidigungsausschuss zu einem Unterausschuss des Außenministeriums zu machen. „Doch die kriegen ja noch nicht einmal gemeinsame Sitzungen hin“, bedauerte der lippische Landessuperintendent.

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Militärbischof Dr. Martin Dutzmann und Oberst i.G. Jürgen-Joachim von Sandrart im Gespräch. Bild: Michael Eberstein/ Evangelische Zeitung

Dass die Kirche wegschaue von einer schleichenden Militarisierung der Bundesrepublik, wie ein Zuhörer einwarf („Gestern Hindukusch, heute Mali – und morgen die ganze Welt?“), mochten weder Dutzmann noch von Sandrart akzeptieren, ebenso wenig wie eine „Schwarz-Weiß-Sicht“ auf deutsche Rüstungsexporte oder den Einsatz von sogenannten Drohnen. Es komme darauf an, ob die Waffen an einen befreundeten Bündnispartner oder in ein Krisengebiet geliefert werden. Und Drohnen könnten auch größeres Leid verhindern. „Wir Soldaten sind im wesentlichen auch Christen und machen uns Gedanken über den Einsatz militärischer Mittel“, betonte der Oberst. In vielen Fällen würden Soldaten auch viel vielschichtiger eingesetzt, so etwa am Horn von Afrika, wo sie im Kampf gegen Piraten auch ohne Waffen wertvolle Hilfe leisteten.
Zu der Diskussion hatte das Hanns-Lilje-Forum unter der Fragestellung „Wofür riskieren deutsche Soldaten ihr Leben?“ eingeladen. Dazu hatte einleitend Militärbischof Dutzmann an die Kritik erinnert, die Verteidigungsminister Thomas de Maizière für seine Bemerkung geerntet habe, Bundeswehrsoldaten seien süchtig nach Anerkennung. Ihnen gehe es nicht um vordergründige Anerkennung ihrer Leistung, sondern dafür, dass sie, anders als fast alle anderen „Arbeitnehmer“, in ihrem Beruf ihr Leben riskierten. Und ihre Fragen, wofür sie ihren Kopf hinhielten, wofür sie gegebenenfalls töten und sterben sollten, bekämen sie nicht hinreichend beantwortet. „Es gibt keinen gesellschaftlichen Konsen“, stellte Dutzmann fest.

Es sei akzeptabel, für die Verbesserung menschlicher Entfaltungsmöglichkeiten – für alle Menschen auf der ganzen Welt – sein Leben zu riskieren. Diese Menschenrechte müssten auch durchgesetzt werden; dabei müssten aber gewaltfreie Methoden Vorrang haben. Doch nur ein halbes Prozent der weltweiten Verteidigungsausgaben seien Friedenseinsätzen der UN vorbehalten. Eine Mehrheit der Deutschen sehe Auslandseinsätze der Bundeswehr kritisch, die größten Bedenken gebe es beim ISAF-Einsatz in Afghanistan. Auch er frage, ob das Mehr an Sicherheit, besserer Infrastruktur, Frauenrechte oder Medienfreiheit den Tod von Zehntausenden rechtfertige. Und in Afghanistan würden die ausländischen Soldaten von 56 Prozent der Bevölkerung als Besatzung und nur von 39 Prozent als Garant des Friedens angesehen.

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Nachdenkliche Gesichter bei der Frage: Wofür riskieren deutsche Soldaten ihr Leben? Bild: Michael Eberstein/ Evangelische Zeitung

Oberst von Sandrart kritisierte scharf die Äußerung der damaligen EKD-Ratsvorsitzenden und hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann: „Nichts in Afghanistan ist gut.“ Manchmal sei es besser, sicher erst einmal zu informieren, dann nachzudenken und dann erst zu reden, sagte der Afghanistan-Veteran. Und er zeigte am Lebenslauf eines 56-jährigen Afghanen auf, welche Veränderungen und Belastungen die Bevölkerung mitgemacht habe: Vom Untergang eines Königsreichs über zahlreiche Revolten und Revolutionen, Umstürze und Besatzungen bis zu Bürgerkrieg und Terror-Herrschaft. Dies zeige, wie wichtig und wertvoll der Einsatz in Afghanistan sei.

Deutsche Soldaten, so von Sandrart, leistet nicht nur sechs Monate vor Ort ihren Dienst, gelegentlich auch wiederholt. Es gingen auch sechs bis 18 Monate „exzellente Vorbereitung“ voraus. Sie schaffe Handlungssicherheit und sei „zu zwei Dritteln Garant dafür, dass wir Erfolg haben konnten.“ Zu den größten Herausforderungen und Erfolge gehöre, die „Akzeptanz eines 62 Jahre alten stolzen Generals“ zu gewinnen. Wenn ein solcher Afghane auch auf den Rat eines jüngeren Untergebenen höre, sei viel erreicht. „Manchmal müssen wir aber auch überlegen, ob nicht unserer Strukturen für dieses Land zu kompliziert sind“, meinte der Oberst.

Schließlich betonte von Sandrart die Bedeutung der Familie und des Freundeskreises als Rückhalt für die eingesetzten Soldaten. Beide lebten in völlig verschiedenen Welten, da helfe weder Skype noch Telefon. Und jeder komme aus dem Einsatz anders zurück, als er hineingegangen sei. Dies alles müssten Politiker im Blick haben, wenn sie über Auslandseinsätze nachdenke: „Politik muss zum Besseren gestalten und darf nicht nur den Weg des geringsten Widerstands gehen“, erklärte der Militär. Es gelte also, mit einer „preußischen Kultur des freien Denkens“ ein Gesamtkonzept zu entwickeln, sich dafür zu entscheiden und es dann auch durchzusetzen.

Von Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Hanns-Lilje-Stiftung nominiert drei Wissenschaftlerinnen und drei Initiativen für den Hanns-Lilje-Stiftungspreis „Freiheit und Verantwortung“ 2013

Hanns-Lilje-Stiftung

Die Hanns-Lilje-Stiftung hat drei junge Wissenschaftlerinnen und drei Initiativen für den Hanns-Lilje-Stiftungspreis „Freiheit und Verantwortung“ 2013 nominiert. Mit 20.000 Euro Preisgeld ist die Auszeichnung der höchstdotierte Preis, den kirchliche Stiftungen in Deutschland an Wissenschaftler/innen und Initiativen verleihen. Projekte und Arbeiten zur Zukunft von Politik und Gesellschaft standen diesmal im Mittelpunkt des Wettbewerbs.

Nominiert sind in der Kategorie Wissenschaftspreis die Politikwissenschaftlerin Dr. Anja Hennig, die Theologin Dr. Nicole Frommann sowie die Theologin Dr. Monica Schreiber.

In der Kategorie Initiativpreis sind das Antikriegshaus Sievershausen, das Haus der Religionen in Hannover und die Ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche nominiert.

„Mit dem Preis wollen wir den Dialog zwischen Kirche und Theologie mit Politik und Gesellschaft fördern und den gegenseitigen Austausch intensivieren“, sagt der Sekretär der Hanns-Lilje-Stiftung, Christoph Dahling-Sander.