2013_03_14_schmal

Bild: Thomas Paterjey/ Evangelische Zeitung

„Das wäre Oma nicht würdig“

Tagesthema 13. März 2013

Die Wohnung von Verstorbenen aufzulösen,
fällt vielen Menschen schwer

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Thomas Groh (links) und Victor Braun vom Sozialkaufhaus „fairKauf” tragen einen alten Kühlschrank aus dem verkauften Haus. Am Abend ist es besenrein. Bild: Thomas Paterjey/ Evangelische Zeitung

9 Uhr morgens, der LKW vom Sozialkaufhaus „fairKauf“ kommt. In wenigen Stunden schon wird das Haus, in dem bis vor kurzem noch die Großmutter wohnte, leergeräumt sein. Marianne Müller (Name geändert) gibt den Männern noch ein paar letzte Anweisungen: In Windeseile sind die ersten der in die Jahre gekommenen Küchenschränke zu Sperrholz zerlegt, Alt-Elektrogeräte aus der Wohnung getragen, Auslegeware herausgerissen.

Tagtäglich werden in Deutschland die Haushalte von Verstorbenen aufgelöst. Für Angehörige ist das oftmals nicht leicht – verbinden sie die Räume doch mit den Menschen, die dort gelebt haben, und mit den schönen Stunden, die sie dort verbrachten. An die ausgelassenen Familienfeiern denkt Müller gerne zurück. „Um den großen Wohnzimmertisch saßen wir dann mit 30 Mann“, erinnert sich die 35-Jährige. Ihre Großmutter sei immer ein fröhlicher und gastfreundlicher Mensch gewesen. „Kaum war man da, stand sie schon in der Küche und kochte für einen.“ Sie habe wohl gar nicht anders gekonnt, sagt Müller, schließlich habe die Oma jahrelang eine Gastwirtschaft geführt.

Zuletzt habe die 92-Jährige dann aber doch etwas den Lebensmut verloren. Dreimal in der Woche musste die alte Dame zur Dialyse. „Jetzt hat sie es geschafft“, sagt die Enkelin erleichtert. „Und natürlich sind wir froh, dass meine Oma in ihrem Haus bis zum Tod gelebt hat und nicht ins Heim musste.“ Einen alten Baum verpflanze man nicht. Die gewohnte Umgebung war der Verstorbenen bis zum Sterbebett wichtig.

Die Erben haben die Immobilie inzwischen verkauft. Müller, die in der Sicherheitsbranche tätig ist, lebt seit vielen Jahren in Köln. Auch sonst gab es niemanden in der Familie, der das Haus übernehmen konnte. „Meine Tante, die sich jeden Tag um Oma gekümmert hat, ist selbst schon kurz vor dem Rentenalter“, sagt Müller. „Da fängt man ja nicht noch einmal mit einem Haus an, oder?“ Dennoch sei es wichtig, dass Grund und Boden „in gute Hände“ komme.

Unter den 30 Interessenten, die zum Besichtigungstermin kamen, habe es einige gegeben, die von vornherein ausgeschieden wären. Ein potenzieller Käufer habe etwa das große Haus zu einer Art Studentenwohnheim umfunktionieren wollen. „Das wäre Oma aber nicht würdig gewesen“, urteilt sie. „So haben wir das Haus an eine kleine Familie verkauft.“ Sie wirkt ganz zufrieden mit der Vorstellung, dass ab Sommer die kleine Tochter der neuen Besitzer im idyllischen Garten spielen wird. Und vor allem ist sie sich sicher, dass auch die Verstorbene daran ihre Freude haben könnte.

Unterdessen macht die Entrümpelung sichtbare Fortschritte. Der Trupp des hannoverschen Sozialkaufhauses „fairKauf“, das unter anderem von Diakonie und Caritas getragen wird, packt Dinge, die zu günstigen Konditionen an Langzeitarbeitslose und andere Bedürftige abgegeben werden sollen, sorgsam in schwarze Boxen. Meist sind das Bücher oder Kleidung, berichtet Thomas Groh. Viele Erinnerungen hängen an der Wohnungseinrichtung Die „Entrümpler“ gehen gezielt vor. Als Erstes suchen die Männer nach Altmetall, dann montieren sie die Spüle aus der Küche ab, holen Kühlschränke und Waschmaschinen heraus.

Auf der Müllkippe müssten die Dinge letztlich auch getrennt abgeliefert werden, so sei es nur sinnvoll, sie sortiert auf den LKW zu laden. Angehörige hätten diesen Überblick in der Regel nicht, sagt Groh. Zum einen, weil sie so eine Wohnungsauflösung nicht alle Tage machen. Zum anderen, weil für sie viele Erinnerungen an der Einrichtung hängen. „Damit geht jeder noch einmal anders um“, unterstreicht er. Während einige Hinterbliebene jedes kleinste Stück noch einmal selbst in die Hand nehmen wollten, um Abschied zu nehmen, brächten viele genau das nicht übers Herz, beobachtet Thomas Groh. „Sie holen sich dann nur ein paar Sachen, die sie unbedingt behalten wollen, gucken aber nicht noch mal alles durch. Bei der Entrümpelung sind sie dann auch nicht mit dabei.“

Thomas Paterjey, Ausgabe 11

Intaktes Wohnumfeld hält bis ins hohe Alter gesund

Mann und Frau im Herbst, Ruheständler, Kopf an Kopf, nachdenkend.
Mann und Frau im Herbst, Ruheständler, Kopf an Kopf, nachdenkend. Bild: privat

Das Wohnumfeld hat für ältere Menschen eine zentrale Bedeutung. Es sei im hohen Alter nicht nur wichtig für die Selbstständigkeit, sondern auch für die Teilhabe am Leben, den sozialen Austausch und die Gesundheit, sagte der Alternsforscher Frank Oswald in Frankfurt am Main. Der Inhaber der Stiftungsprofessur für Interdisziplinäre Alterswissenschaft an der Goethe-Universität präsentierte die Ergebnisse einer Feldstudie zur Bedeutung des Wohnens in der Nachbarschaft für gesundes Altern.

Oswalds Team hatte in mehreren Frankfurter Stadtteilen rund 600 Frauen und Männer im Alter von 70 bis 89 Jahren in mehrstündigen Sitzungen zu ihrer Wohnsituation befragt. Außerdem wurden die allein oder mit einem Partner in einer Privatwohnung lebenden Senioren gebeten, in Tagebüchern alle ihre Aktivitäten außer Haus zu notieren. Schließlich suchten Mitarbeiter der Universität in der Umgebung der Wohnungen nach Barrieren. Finanziert wurde das rund 200 000 Euro teure Forschungsprojekt von der BHF-Bank-Stiftung.

Die befragten älteren Frankfurter seien „Liebhaber ihres Quartiers“, bilanzierte Oswald. Sie hätten im Schnitt 45 Jahre in ihrem Stadtteil gelebt, seien ihm tief verbunden und blickten optimistisch in die Zukunft. Sie seien trotz zahlreicher gesundheitlicher Beeinträchtigungen auch noch sehr mobil. Mehr als die Hälfte der Befragten sei häufig zu Fuß an zentralen Orten im Stadtteil unterwegs, ein Drittel nutze das Auto und 17 Prozent Busse und Bahnen.

Anders als in anderen Studien fühlten sich die hochbetagten Frankfurter Befragten (80 bis 89 Jahre) auch nicht einsamer als die jüngeren Alten (70 bis 79 Jahre), ergänzte Oswald. Es komme also nicht nur darauf an, dass Ältere in ihrem Stadtteil versorgt und sicher seien, „sondern dass sie sich auch von dem Umfeld anregen lassen, sich aufgehoben und zu Hause fühlen“.

Die Feldstudie solle Politik, Vereine, Verbände oder Kirchen in den Stadtteilen anregen, das Wohnumfeld für ältere Menschen zu verbessern, bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen, Barrieren abzubauen, den öffentlichen Nahverkehr auszuweiten und Begegnungsorte im Quartier – „ähnlich wie Dorfbrunnen in Südeuropa“ – zu schaffen.

epd

Alter ist alles

Blick in die Ferne

Die Älteren in unserem Land sind jung genug, um zu reisen, sich zu bilden, um sich Lebensträume zu erfüllen, neue Familien zu gründen. Aber auch jung genug, um sich ehrenamtlich zu engagieren, um ihre Kinder und Enkelkinder zu unterstützen – in vielen Fällen auch finanziell – und um den Hochaltrigen, ihren Eltern, zu helfen.

Mehr über das breite Angebot der hannoverschen Landeskirche für Ältere