2013_03_12

Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Konfirmation - ein wichtiges Datum für alle

Tagesthema 11. März 2013

Wer auf sich aufmerksam machen will, knipst das Licht an und aus. Die Partymusik muss so laut sein, dass die Bässe im Bauch wummern: Bei einer Konfirmandenfreizeit mit gehörlosen Teenagern ist manches anders.

Die Gehörlosenseelsorge fördert im Konfirmandenunterricht die Stärken hörgeschädigter Jugendlicher

Der Mörder ist schnell gefunden

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Der Gehörlosenseelsorger Gerriet Neumann zeigt die Gebärdengeste für Freude. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Konzentriert schaut Kommissar Kim in die Runde. Irgendwo zwischen den Jugendlichen sitzt einer, der die Rolle des Mörders übernommen hat und Mitspieler durch eine vorher verabredete und kaum sichtbare Geste „tötet“. Der 14-jährige Kim ist hörgeschädigt und hat den Täter schnell ermittelt. „Gehörlose sind Augenmenschen - sie können besonders gut beobachten und denken visuell“, sagt Christiane Neukirch, evangelische Gehörlosenseelsorgerin der hannoverschen Landeskirche.

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Die Gehörlosenseelsorgerin Christiane Neukirch gibt den hörgeschädigten Jugendlichen, die sich zu einer Konfirmandenfreizeit im evangelischen Jugendhof in Verden bei Bremen getroffen haben, Tipps beim Maskenbau. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

In der Gruppe fiebern hörgeschädigte Jugendliche aus der hannoverschen, der braunschweigischen, der oldenburgischen und der reformierten Kirche beim „Mörderspiel“ mit. Es ist Teil der jährlichen Konfirmandenfreizeit der evangelischen Gehörlosenseelsorge in Verden bei Bremen, die in dieser Form bundesweit einzigartig ist. „Hier geht es nicht um Defizite, hier geht es um die Stärken der Jugendlichen“, sagt Gerriet Neumann, Gehörlosenseelsorger der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg.

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Gehörlose Konfirmanden zeigen Masken, die sie bei einer Konfirmandenfreizeit für hörgeschädigte Jugendliche im evangelischen Jugendhof im Verdener Sachsenhain bei Bremen gestaltet haben. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Doch wer glaubt, dass es bei der Freizeit still zugeht, irrt sich. Die Partymusik beispielsweise muss so laut sein, dass die Bässe im Bauch spürbar wummern. Und dann gibt es noch ein paar Unterschiede zur Welt der Hörenden: Zum Beispiel, wenn jemand auf den Tisch klopft oder das Licht an- und ausschaltet, um die Konzentration der Gruppe auf sich zu ziehen. Und was bei Hörenden als unfein gilt, nämlich mit der Hand auf einen anderen zu zeigen, ist hier unter den Konfirmanden selbstverständlich und Teil ihrer Sprache.

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Vier selbstgebastelte Masken, die Gefühle ausdrücken: Die Gehörlosenseelsorger im Hintergrund übersetzen sie mit Gebärdengesten (von links): Christiane Neukirch gebärdet „fröhlich“, Reinhild Gedenk „glücklich“, Gerriet Neumann „feiern“ und  Thomas Exner „erschrecken“. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Technische Hilfsmittel wie etwa Hörgeräte und sogenannte Cochlea-Implantate haben den Alltag für viele der bundesweit etwa 80.000 gehörlosen Menschen revolutioniert. Das Implantat stimuliert über elektrische Signale die Hörzellen. Es hilft aber nicht jedem, weiß der pfälzische Pfarrer Friedhelm Zeiß. „Ein Drittel der betroffenen Kinder und Jugendlichen hört deutlich besser und hat Anschluss zur Welt, für ein weiteres Drittel verbessert sich nicht viel und bei einem Drittel kann das Implantat sogar Hörreste vernichten“, erläutert der Vorsitzende der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge.

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Gehörlose und hörgeschädigte Konfirmanden haben sich in der Kapelle des evangelischen Jugendhofes im Verden Sachsenhain zu dem Gebärdenlied "Gott geht mit" versammelt. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Integration oder gar Inklusion in Regelschulen oder hörende Konfirmandengruppen bleibt trotz technischer Fortschritte schwierig. Die eingeschränkte Lautsprache behindert die Kommunikation in Regelschulen, mit Ämtern, Behörden, Ärzten und selbst mit hörenden Verwandten. Das Radio fällt für die Betroffenen als Informationsquelle völlig aus, das Fernsehen liefert nur Bilder. Untertitel stehen meist nur kurze Zeit auf der Mattscheibe und geben viel weniger Informationen weiter als der gesprochene Text.

Manche Fluggesellschaften sehen in hörgeschädigten Menschen gar ein Sicherheitsrisiko. In Notfällen könnten sie nicht schnell genug den Anweisungen des Personals folgen, heißt es. „Aber Passagieren, die kein Englisch verstehen, wird es möglicherweise ähnlich gehen“, wendet der nordrhein-westfälische Gehörlosenseelsorger Ronald Ilenborg ein. „Wer nur Deutsch spricht, versteht nichts. Gehörlose sind da sogar im Vorteil, weil sie gute Übung darin haben, zu begreifen, ohne akustisch zu verstehen.“

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Gehörlose Konfirmanden und Gehörlosenseelsorger gebärden am Altar der Kapelle im evangelischen Jugendhof im Verdener Sachsenhain, während einer Konfirmandenfreizeit für hörgeschädigte Jugendliche, das Zeichen für Gott: Mittelfinger, Zeigefinger und Daumen sind gestreckt. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Trotzdem fühlen sich viele im Alltag ausgeschlossen. Zeitungen sind für Gehörlose in einer Fremdsprache geschrieben, denn ihre Muttersprache sind die Gebärden. „Und in der Gebärdensprache kann man sich kaum über Gefühle unterhalten - das ist belastend“, sagt Zeiß und hat erfahren: „Die Isolation bleibt.“

Deshalb läuft auch der Konfirmandenunterricht meist nicht mit hörenden und gehörlosen Jugendlichen zusammen, sondern wie in Niedersachsen angebunden an Landesbildungszentren für Hörgeschädigte. Die Konfirmationen selbst feiern die Teenager dann in den nächsten Wochen zumeist in ihren Heimatgemeinden, manchmal begleitet von den Gehörlosenseelsorgern oder von Gebärden-Dolmetschern.

Bei der Konfirmandenfreizeit im Verdener Sachsenhain jedenfalls ist Isolation ein Fremdwort. „Hier kann ich mich unterhalten“, schwärmt die zwölfjährige Maren, die schon als Kleinkind die Gebärdensprache erlernt hat. Und was ihr besonders wichtig ist: „Hier entstehen Freundschaften.“

Von Dieter Sell (epd)

AG Konfirmandenspende – Eine Aktion von sechs Werken in der Landeskirche

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Endlich Kind sein: Die „Bewegung zur Rettung der Kindheit“ befreite Karmi aus ihren sklavenähnlichen Verhältnissen, erstritt eine Entschädigung und sorgt dafür, dass sie zur Schule gehen kann. Bild: Brot für die Welt Hannovers

Kinder, die betteln oder arbeiten müssen, um sich und ihre Familien zu ernähren, Jugendliche mit Behinderungen, die gern einen Sport ausüben wollen statt nur am Rand zu stehen – mit solchen Beispielen will die AG Konfirmandenspende Konfirmandinnen und Konfirmanden anregen, bei ihrer Konfirmation für andere Menschen Gutes zu tun.

Seit 1994 bieten Brot für die Welt, ELM Hermannsburg, der Martin-Luther-Bund, die Diakonie in Niedersachsen, das Gustav-Adolf-Werk und die Hildesheimer Blindenmission dazu in der Landeskirche Hannovers die Aktion „Konfirmandenspende“ an.

„Wir möchten die jungen Menschen ermutigen, anlässlich der Konfirmation darüber nachzudenken, wie die Konfirmationskollekte am besten eingesetzt werden kann“, so Stephan Liebner, Geschäftsführer der AG Konfirmandenspende. „Dafür bieten wir ein Faltblatt an, in dem Beispiele vorgestellt werden, wie Jugendliche durch Diakonie, Diasporaarbeit und Mission gefördert werden. Wir wenden uns damit zuerst an die Pastorinnen und Pastoren in unserer Landeskirche, die am Anfang des Jahres immer einen Basissatz der Faltblätter erhalten. Für größere Konfirmandengruppen können diese kostenlos bei uns nachbestellt werden.“

Das kann am einfachsten über die Webseite erfolgen. Dort finden sich auch weitere Materialien zu den einzelnen Projekten, sowie Anregungen für Unterrichtseinheiten im Konfirmandenunterricht.

Zur Website konfirmandenspende.de
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Wie sieht die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen aus? Auf ihrer Postkarte „Für dich ist alles drin!“ wirbt die Initiative der Landeskirche Hannovers für die Konfer-Zeit. Repro: Nordbild