2013_03_11

Bild: Dieter Sell/epd-Bild

Ein Bienenkorb ohne Ecken und Kanten

Tagesthema 10. März 2013

In Nordholz bei Cuxhaven ist etwas passiert, was selten geworden ist: Die evangelische Kirchengemeinde hat ein neues Gotteshaus eingeweiht. Dort entstand eine im wahrsten Sinne des Wortes runde Sache, die den Maurern alles abverlangte.

Nach vielen Jahren wird im Norden erstmals wieder eine neue evangelische Kirche eingeweiht

Nordholz1
Nach Jahrzehnten weihen die Protestanten in Norddeutschland an diesem Sonntag erstmals wieder eine neue Kirche ein: In Nordholz bei Cuxhaven. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Manche Kirchenregion nicht nur in Norddeutschland steht vor schmerzlichen Einschnitten. Angesichts rückläufiger Mitgliederzahlen müssen immer öfter sakrale Gebäude geschlossen, verkauft oder sogar abgerissen werden, weil sie mittlerweile zu groß sind und ihre Unterhaltung zu teuer wird. Da ist Nordholz bei Cuxhaven so etwas wie ein Fanal gegen den Trend der Zeit: Dort hat der hannoversche Landesbischof Ralf Meister am Sonntag in der evangelischen Gemeinde „Zum Guten Hirten“ eine nagelneue Kirche eingeweiht.

Nordholz2
In Nordholz bei Cuxhaven ist nach Angaben der evangelischen Gemeindepastorin Sabine Ulrich in mehr als einjähriger Bauzeit ein Gotteshaus mit einem besonderen architektonischen Konzept entstanden. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Zwar öffneten die Katholiken vor einem Jahr im Küstenort Schillig (Kreis Friesland) eine auch architektonisch bemerkenswerte neue Kirche, die einer Welle nachempfunden ist. Doch bei den Protestanten hat es das in Niedersachsen und Bremen lange nicht mehr gegeben. In den vergangenen 25 Jahren seien in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers nur sehr wenige Kirchen eingeweiht worden, sagte Meister. Er würdigte das Projekt als als „ein landeskirchenweites besonderes Ereignis“.

Nach mehr als einjähriger kräfteraubender Bauzeit hat sich Gemeindepastorin Sabine Ulrich auf diesen Moment gefreut, denn auch dieser Neubau ist architektonisch spektakulär: „Hier ist alles rund, es gibt keine rechte Ecke“, schwärmt die Theologin. Für die Maurer eine echte Herausforderung, denn nirgends konnten sie eine gerade Schnur spannen.

Nordholz3
Das zentrale Kreuz, das in der neuen evangelischen Kirche von Nordholz aufgehängt wurde. Bild: Dieter Sell / epd-Bild  

Trennwände sorgen für ein flexibles Raumkonzept, sogar der Altar ist mobil. Architekt Heinrich Wiebusch schuf einen zeitlos-schlicht gestalteten Kirchenraum, der seine Gäste lichtdurchflutet empfängt. „Besucher sollen sich durch die Rundungen geborgen fühlen, so, als ob sie mit offenen Armen empfangen werden“, erläutert Wiebusch und freut sich, dass der Plan offenbar aufgeht: „Gäste erinnert die Kirche an einen Bienenkorb.“

Etwa 120 Menschen finden Platz in dem Gotteshaus. Wird die Trennwand zum älteren und jetzt direkt anschließenden Gemeindezentrum geöffnet, sind es noch 100 mehr. Der schleswig-holsteinische Metallkünstler Hans-Dieter Schrader hat passend dazu aus Stahlrohr ein zentrales Kreuz geschaffen, das vor einer weißen Wand alle Konzentration auf sich zieht.

Nordholz6
Auf Spendenziegeln in der neuen evangelischen Kirche von Nordholz sind am die Namen von Gruppen und einzelnen Gemeindemitgliedern zu lesen, die den Bau finanziell unterstützt haben. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Die neue Kirche kostet 921.000 Euro und ersetzt einen größeren Altbau, der 1959 am Ortsrand in unmittelbarer Nachbarschaft des Marineflieger-Stützpunktes Nordholz eröffnet wurde. Das Gebäude war zu groß, schlecht gedämmt, die Wände feucht. Und vor allem: Gemeindezentrum und Pfarrhaus in der Ortsmitte waren weit entfernt. „Deshalb wurde vor sieben Jahren die früher schon mal diskutierte Idee wieder aufgegriffen, die Kirche ins Zentrum zu holen“, erinnert sich Ulrich, die eine Gemeinde mit knapp 3.500 Mitgliedern versorgt.

Im Juli 2011 schließlich wurde das alte Gebäude entwidmet. Ulrich: „Für einige war das ein Sakrileg.“ Die baufällige Kirche wurde für 70.000 Euro verkauft, der Turm abgerissen. In das ehemalige Kirchenschiff werden nun fünf Wohnungen eingebaut. Nur noch eine Glasrosette in der Fassade erinnert an alte Zeiten. Auch andernorts werden Kirchen umgewidmet wie etwa in Hannover, wo auf diese Weise zwei Synagogen entstanden. In Hann.-Münden beherbergt eine alte Kirche sogar ein Café.

Die große Mehrheit der Nordholzer unterstützt den Neubau, für den bereits rund 120.000 Euro Spenden zusammenkamen. Und Ulrich sammelt weiter, denn im Turm hängen noch keine Glocken. Landeskirche und Kirchenkreis haben zwar den Löwenanteil der Kosten übernommen, aber das Geläut muss die Gemeinde selbst finanzieren. Doch auch, wenn am Sonntag keine Glocken zum Einweihungsgottesdienst rufen konnten: Die Kirche war voll.

Von Dieter Sell (epd)

Landesbischof würdigt Kirchenneubau als besonderes Ereignis

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat den Neubau einer Kirche in Nordholz bei Cuxhaven als „ein landeskirchenweites besonderes Ereignis“ gewürdigt. Nur sehr wenige Kirchen seien in den vergangenen 25 Jahren in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers eingeweiht worden, sagte der Bischof am Sonntag bei der Kirchenweihe der Gemeinde „Zum guten Hirten“. Der Neubau für 921.000 Euro ersetzt eine baufällige Kirche am Ortsrand. Für die alte Kirche bekam die Gemeinde noch 70.000 Euro. In ihrem ehemaligen Kirchenschiff werden jetzt fünf Wohnungen geschaffen.

Kirchen seien Schutzräume, sagte Meister seinem Predigtmanuskript zufolge. „Von alters her sind die Orte der Religionen besondere Orte, die sich abgrenzen von der Welt. An diesen Plätzen gibt es Asyl.“ Die Gewährung von Kirchenasyl sei für manche bis heute ein Ärgernis. Hier werde das Recht zwar nicht gebrochen, aber von einer anderen Gerechtigkeit gesprochen: „Wenn in der Welt Hoffnung schwindet, so bleibt sie in diesen Mauern bestehen.“ Wer sich im antiken Tempel an den Hörnern des Altars festklammerte, konnte nicht ergriffen werden, weil er Gott selbst nahe war, erläuterte der Bischof.

Das seien scheinbar überkommene Vorstellungen. Bei der Einweihung einer Kirche werde jedoch "die außerordentliche Bedeutung dieser Orte" deutlich. So sei auch die Kirche "Zum Guten Hirten" ein besonderer Schutzraum für die Gemeinde und für jeden, der dieses Haus aufsuche, unterstrich der Theologe: "Hier ist ein Ruhepol gegen den Lärm der Welt, Weisheit wird gepflegt, Achtung geschieht, Fürsorge gilt."

Die Gemeinde gehöre zu einem weltweiten Zusammenhang von Christen. Doch diese Gemeinschaft sei an vielen Orten bedroht. Kirchen im Irak, Kopten in Ägypten, Christen in Nigeria oder in islamischen Ländern würden verfolgt, sagte Meister. "Es ist wichtig, die Gemeinschaft mit unseren bedrohten Geschwistern immer wieder in unseren Fürbitten und unserem Engagement zu formulieren."

epd