2012_03_19

Bild: *tigerente* / photocase.com 

Härtere Strafen - Opfer im Blick behalten

Tagesthema 08. März 2013

Pro und contra: Reichen die heutigen Strafen aus? Höhere Strafen verhindern keine Straftaten, auch den Opfern helfen Sie nicht

Pro: Gefühl für das Opfer entwickeln

Landesbischof Friedrich Weber bei Tacheles - Talk am roten Tisch
Landesbischof Friedrich Weber bei Tacheles - Talk am roten Tisch. Bild Dethard Hilbig / Tacheles

Es war einer der schwersten Momente in meinem Bischofsamt, als ich bei der Trauerandacht für den fünfjährigen Julian mitwirkte. Der Junge war von seinem Stiefvater zu Tode geprügelt worden. Ein weißer, kleiner Sarg stand in der Kirche von Delligsen. Es war ein lastendes Schweigen in der Kirche, von Weinen durchbrochen. Ich habe die Trauer geteilt, die Wut auf den Täter, die Fragen nach Gerechtigkeit. Und doch meine ich: Wir dürfen unseren Rachegefühlen nicht nachgeben, nicht einmal bei Taten, die so sehr verstören. Selbst dieser Täter hat eine Würde, so sehr sie verborgen ist.

Über viele Jahrhunderte galt die Regel, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Jesus aber sagt uns, selig sind die Sanftmütigen. Seine Botschaft lautet, die Rache nicht nur zu begrenzen, sondern zu überwinden. Denn mit dem Zurückschlagen wird das Elend nicht geheilt, wird ein ermordetes Kind nicht mehr lebendig, wird das Recht nicht wiederhergestellt. Der Ruf nach härteren Strafen ist blanker Populismus. Wir wissen aus der Forschung, dass bei Jugendlichen Strafen wie der Warnschussarrest gerade nicht abschrecken.

Völlig verfehlt wäre ein Internetpranger. Wenn per Internet mitgeteilt würde, wo ein früherer Straftäter wohnt, würden seine Resozialisierung verhindert und bei anderen die niedrigsten Instinkte geweckt – spätestens dann, wenn in der Nähe Gewalt passiert. Dann kann sich Ähnliches wiederholen wie nach dem Mädchenmord in Emden, als ein Mob vor dem Polizeirevier zur Lynchjustiz aufrief. Da saß der Verdächtigte, der sich später als unschuldig erwies, noch in einer schützenden Zelle.

Wir müssen die Interessen des Opfers wahren, wie es im Täter-Opfer-Ausgleich geschieht – damit demjenigen, der sich schuldig gemacht hat, bewusst wird, was er getan hat, dass er ein Gefühl für das Opfer entwickelt und danach handelt. Mit härteren Strafen wird dies nicht erreicht.

Prof. Dr. Friedrich Weber ist Landesbischof der Landeskirche in Braunschweig

Contra: Strafen müssen wehtun

Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, fordert mehr Strenge im Umgang mit Straft‰tern
Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, fordert mehr Strenge im Umgang mit Straftätern. Bild Dethard Hilbig / Tacheles

Strafen müssen spürbar sein, sie müssen schnell auf die Tat folgen, und sie müssen wehtun. In vielen Fällen wäre geholfen, wenn überhaupt bestraft würde. Viele junge Straftäter kommen selbst nach gravierenden Delikten frei und gehen aus dem Gerichtssaal mit einem triumphierenden Lächeln an Opfern vorbei, die alleingelassen werden. Die Justiz wird bei Jugendlichen erst nach massiven, zahlreichen Verstößen tätig.

Zu viele Sozialarbeiter lassen sich von Jugendlichen „den Bären aufbinden“, dass sie nur deshalb kriminell geworden seien, weil sie die Mutter nicht genug geliebt und der Vater sie nicht verstanden habe. Dann heißt es, „das ist mir passiert“. Unsinn, Strafen passieren nicht einfach, sie werden begangen. Wir sollten häufiger Warnschussarrest verhängen. Denn der Staat verliert an Autorität, wenn es zwar gegenüber jungen Leuten heißt, ihr habt etwas Schlimmes gemacht, aber trotzdem passiert nichts.

Die Politik erschöpft sich vielfach in Symbolhandlungen. Zwar sind einige Gesetze verschärft worden, aber das ist zunächst nur bedrucktes Papier. Die Gerichte kommen nicht mehr hinterher, von der Überlastung der Polizei ganz zu schweigen. In bestimmten Fällen halte ich einen Internetpranger für sinnvoll, wenn Schwerverbrecher nur deshalb freikommen, weil sich aus formalen Gründen die Sicherungsverwahrung nicht verfügen lässt. Wenn dieser Staat und seine Gerichte daran scheitern, Kinder vernünftig zu schützen, sollten zumindest die Eltern Gelegenheit haben, ihre Kinder zu schützen. Wenn jemand eine achtjährige Tochter hat, sollte er wissen, ob er Tür an Tür mit jemandem wohnt, der diesem Mädchen gefährlich werden könnte.

Nach einem Schlag auch noch die andere Wange hinzuhalten, das kommt für mich nicht infrage. Man kann ja bei aller Konsequenz freundlich sein – aber darf eben nicht vor Gewalt und Kriminalität weichen.

Rainer Wendt ist Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft

Reichen die heutigen Strafen aus?

Unsere Justiz sei zu milde, meinen vier von fünf Bundesbürgern. Aber welche Strafe ist angemessen? Ob die heutigen Strafen ausreichen – darüber diskutieren bei „Tacheles – Talk am roten Tisch“: der Braunschweiger Landesbischof Professor Dr. Friedrich Weber, der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt, der international renommierte Kriminologe Helmut Kury und Velin Marcone, dessen Bruder Guiseppe tödlich verletzt wurde. Jan Dieckmann moderiert die Sendung zum Thema: Die Rache ist mein – brauchen wir härtere Strafen?

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"Tacheles" im TV

Austrahlt wird die Sendung auf Phoenix am

  • 10. März, 17.00 Uhr
  • 24. März, 13.00 und 24.00 Uhr

Chef der Polizeigewerkschaft fordert härtere Strafen von Justiz

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Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, hat von der Justiz härtere Strafen für Gewalttäter verlangt. Kriminelle empfänden milde Urteile auf Bewährung oder mit Sozialstunden oft wie einen Freispruch, sagte er in der evangelischen Fernseh-Talkshow "Tacheles", die am Dienstagabend in der Marktkirche in Hannover aufgezeichnet wurde. "Ich habe oft genug gesehen, dass Täter feixend und grinsend aus dem Gerichtssaal gegangen sind", sagte Wendt. "Das hat mit Rechtsfrieden nichts zu tun."

Strafen müssten schnell, hart und angemessen sein, sagte Wendt. Oft stehe jedoch allein die Resozialisierung im Mittelpunkt, kritisierte er: "Wir haben aber ein Strafrecht und kein Resozialisierungsrecht. Strafe als Sanktion muss immer dazu gehören." Wendt sprach sich zudem für deutlich höhere Schmerzensgelder aus, etwa im Fall von Vergewaltigung oder Körperverletzung. Die Opfer müssten zumindest eine materielle Entschädigung erhalten.

Der Braunschweiger evangelische Landesbischof Friedrich Weber dagegen wies die Forderung nach strengeren Urteilen zurück: "Der Ruf nach härteren Strafen ist im Grunde populistisch." Politiker versuchten auf diese Weise oft, die Bevölkerung zu beruhigen. "Sie signalisieren: Wir tun etwas." Wichtig sei, die Opfer im Blick zu behalten: "Der Straftäter muss zum Nachdenken darüber kommen, was er seinen Opfern angetan hat."

Der Kriminologe Professor Helmut Kury bestritt, dass härtere Strafen zu weniger Kriminalität führten. "Wenn eine Strafe von zehn auf 15 Jahre hochgesetzt wird, erreichen wir nichts." In den USA sei sogar das Gegenteil der Fall: In den Staaten, in denen es die Todesstrafe gebe, sei die Rate der Tötungsdelikte weit höher als bei den anderen.

"Zur Strafe gehört immer die Rote Karte und die Handreichung", sagte Kury, der ehemalige Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Straftäter brauchten auch ein Angebot, sich zu ändern: "Der Täter muss kapieren, was er getan hat." Wenn er sich entschuldige, gehe es auch den Opfern besser.

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