2013_03_04

Bild: Dethard Hilbig / epd-Bild

Abgeschobene Kurdin zurück

Tagesthema 03. März 2013

Vor acht Jahren wurde die schwangere Gazale Salame mit ihrer jüngsten Tochter abgeschoben. Ihr Mann blieb mit den älteren Töchtern in Hildesheim. Sonntagnacht nahm sich die Familie erstmals unter Tränen in die Arme.

Tränenreiche Umarmungen nach acht Jahren

Acht Jahre hat die getrennte Flüchtlingsfamilie auf diesen Moment gewartet. Umringt von Kameras und Mikrofonen nehmen sie sich in der Nacht zum Sonntag am Flughafen Hannover unter Tränen endlich in die Arme. „Ich bin einfach nur froh“, sagt die 2005 in die Türkei abgeschobene Gazale Salame (31). Ihr Mann Ahmed Siala (33) umarmt erstmals seinen in der Türkei geborenen Sohn Gazi (7) und seine neunjährige Tochter Schams.

Salame war 2005 als Schwangere gemeinsam mit ihrer damals einjährigen Tochter abgeschoben worden. Ihr Ehemann Siala blieb mit den älteren Töchtern Amina (15) und Nura (14) im Landkreis Hildesheim. Er entging der Abschiebung nur durch einen Zufall, weil er zu diesem Zeitpunkt gerade die Mädchen zur Schule brachte. Durch ihren ungesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland konnten die drei Salame und die jüngeren Kinder nicht in der Türkei besuchen. Sie befürchteten, nicht zurückkehren zu dürfen. Der Fall der getrennten Familie sorgte bundesweit für Aufsehen.

Zum Flughafen sind in dieser Nacht neben Niedersachsens neuem Innenminister Boris Pistorius (SPD) weitere Familienmitglieder und Unterstützer mit Blumen und Willkommens-Transparenten gekommen. Die Unterstützer hatten vor deutschen Gerichten, der niedersächsischen Härtefallkommission und Appellen an Politiker jahrelang für ein gemeinsames Leben in Deutschland gekämpft. Der Landtag beschloss im vergangenen Dezember einstimmig eine Resolution für die Rückkehr der Kurdin.

Für den Unterstützerkreis begrüßt der evangelische Superintendent Helmut Aßmann die Kurdin nach ihrer Ankunft mit Blumen und Schokolade für die Kinder. Er selbst könne kaum fassen, dass Gazale endlich in Deutschland sei, sagte der Theologe. „Nach acht quälend langen, schmerzlichen Jahren der Trennung hat doch die Hoffnung und die Beharrlichkeit gesiegt.“

Abseits der Mutter unter dichtem Gedränge der Journalisten steht die 15-jährige Amina. Die letzten acht Jahre habe sie immer versucht ihre Trauer und Tränen zu unterdrücken. „Jetzt überrollt es mich“, schluchzt sie. Erst langsam müsse sie sich wieder an ihre Mutter und ihre Geschwister gewöhnen. „Wir sind uns fremd geworden.“

Auch Salame kämpft gegen die Tränen. „Jetzt bin ich ja da“, sagt sie, während sie ihrer Tochter sanft über die Haare streicht. In der Türkei hat die Mutter mit ihren zwei jüngsten Kindern in einem Armenviertel bei Izmir gelebt. „Die letzten acht Jahre waren die Hölle“, sagt sie mit bebender Stimme. Dadurch sei sie krank geworden. Vor der Abschiebung hatte sie 17 Jahre in Deutschland gelebt.

Währenddessen lässt Ahmed Siala seinen gerade erst getroffenen Sohn Gazi nicht mehr los. „Es ist unbeschreiblich.“ So ein Tag könne beweisen, dass es nicht schwer ist, eine Familie zu vereinen.

Innenminister Pistorius kündigt unterdessen eine andere Flüchtlingspolitik an. „Trennungen von Familien finde ich ganz und gar unerträglich.“ Bei Menschen die bereits lange im Land lebten, müsse nach Möglichkeit eine Abschiebung vermieden werden.

Eine Umarmung bleibt in dieser Nacht jedoch aus. Siala und Salame wahren Distanz. „Wir haben versprochen, uns Zeit zu geben“, sagt Siala. Nur für ein gemeinsames Foto stellen sie sich nebeneinander auf. Näher kommen sie sich nicht.

Die Familie braucht jetzt nach Ansicht von Kai Weber vom niedersächsischen Flüchtlingsrat vor allem Zeit und Freiräume. „Keine Beziehung lässt sich über acht Jahre aufrechterhalten.“ Dafür haben die Unterstützer Salame und den jüngsten Kindern eigens eine Wohnung in Hildesheim angemietet und eingerichtet.

So trennt sich die wiedervereinte Familie nach einer Stunde wieder am Flughafen. Noch am selben Tag wollen sie sich aber wiedersehen. „Jetzt will ich erstmal meine Kinder genießen“, sagt Salame strahlend.

Von Charlotte Morgenthal (epd)

Bischof Meister begrüßt Ankunft von Gazale Salame

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Landesbischof Ralf Meister

Der evangelische Landesbischof Ralf Meister aus Hannover hat die Rückkehr der abgeschobenen Kurdin Gazale Salame zu ihrer Familie nach Deutschland begrüßt. „Dass die Familie nun wieder zusammen hier in Deutschland leben kann, entspricht dem, was wir als evangelische Kirchen in Niedersachsen uns für die Flüchtlingspolitik wünschen und einfordern“, sagte er in Hannover.

Salame kam in der Nacht zu Sonntag auf dem Flughafen in Hannover-Langenhagen zurück. Die Kurdin war vor acht Jahren als Schwangere nach 17 Jahren in Deutschland gemeinsam mit ihrer damals einjährigen Tochter in die Türkei abgeschoben worden. Ihr Ehemann Ahmed Siala brachte zum Zeitpunkt der Abschiebung die zwei älteren Kinder zur Schule.

Bischof Meister betonte, gut integrierte Flüchtlingsfamilien dürften nicht durch Abschiebungen auseinandergerissen werden. „Ich hoffe, dass die Ankunft von Gazale Salame ein nachhaltiges positives Signal in diese Richtung ist.“ Die Rückkehr sei eine große Freude und Grund zur Dankbarkeit.

epd

Ärztin: Gazale Salame wird seelische Narben behalten

Nach ihrer langersehnten Rückkehr nach Deutschland am Sonntag wird Gazale Salame nach Meinung ihrer Ärztin seelische Narben behalten. „Sie will sich um eine Therapie bemühen“, sagte Gisela Penteker im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Medizinerin hat in den vergangenen acht Jahren regelmäßig mit der Kurdin telefoniert und sie in der Türkei besucht. Die aus dem Libanon stammende Salame war 2005 als Schwangere gemeinsam mit ihrer damals einjährigen Tochter aus Hildesheim abgeschoben worden.

Ihr Ehemann Ahmed Siala blieb mit den älteren Töchtern in Hildesheim. Durch ihren ungesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland konnten sie Salame und die jüngsten Kinder nicht in der Türkei besuchen. Sie befürchteten, nicht zurückkehren zu dürfen. Die Familie werde die Trennung wohl nie vergessen, vermutet Penteker, die sich im Vorstand des „Netzwerks für traumatisierte Flüchtlinge“ engagiert.

Gazale sei an ihrer Situation oft verzweifelt, berichtete Penteker. „Sie hat auch damit gedroht, sich umzubringen.“ Nur die Verantwortung für ihre zwei jüngsten Kinder Gazi (7) und die neunjährige Schams habe sie am Leben gehalten. Die Familie hatte mit einem Unterstützerkreis acht Jahre erfolglos für ein gemeinsames Leben in Deutschland gekämpft.

Alle müssten sich jetzt vorsichtig einander annähern. Salame wolle daher zunächst nicht zu ihrem Mann und ihren älteren Töchtern, sondern in eine von ihren Unterstützern angemietete Wohnung in Hildesheim ziehen. Auch wolle sich die 31-Jährige Arbeit suchen oder ihren Schulabschluss nachholen. Um die Erlebnisse zu verarbeiten, bräuchte sie Freiräume und das Gefühl von Sicherheit, betonte die Ärztin aus Hemmoor bei Bremerhaven. „Oft reicht ein offizieller Brief von einer Behörde und alles bricht wieder heraus.“

Wenn die Beamten vor einer Abschiebung vor der Tür stehen, sei das für Betroffene immer eine schreckliche Erfahrung, sagte Penteker. Trotz ankündigender Briefe der Behörden treffe dieser Moment die Menschen unvorbereitet. „Es passiert in einem Land, wo man sich sicher fühlt und das ist traumatisch.“

Erschwerend komme hinzu, dass Salame mit ihrem jüngsten Kind in ein Land geschickt worden sei, in dem sie nie gelebt habe, sagte Penteker. Die Kurdin habe in der Nähe von Izmir in ärmlichen Verhältnissen gewohnt. Als alleinstehende Frau sei sie von der übrigen Gesellschaft ausgegrenzt worden. „Abgeschobenen Flüchtlingen, die ein soziales Netz aus Freunden und Familie vor Ort haben, fällt das Einleben leichter.“

epd-Gespräch: Charlotte Morgenthal

Margot Käßmann zur Rückkehr der Kurdin

Die ehemalige hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann wünscht der am Sonntag nach Deutschland zurückgekehrten Gazale Salame zunächst einmal Ruhe und Geduld. Käßmann, die inzwischen Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist, forderte im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) auch ein anderes Umgehen mit Flüchtlingen. Sie hatte sich vor acht Jahren bei der Abschiebung von Gazale Salame gegen diese Abschiebung einer Schwangeren eingesetzt. Was sie sagt, ist bei Evangelische-Zeitung-online weiterzulesen:

Zum Gespräch mit Margot Käßmann