Rote Reihe: Straße der Toleranz

Tagesthema 02. März 2013

„Straße der Toleranz“ wurde sie genannt. Aus gutem Grund. Aber es ist auch die Straße, in der bis 1924 Fritz Haarmann sein Unwesen trieb. Heute liegt in dieser Straße das Landeskirchenamt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers: „Rote Reihe 6“.

„Rote Reihe“ ist nicht nur der Straßenzug in der Calenberger Neustadt, dem Quartier zwischen Leine, Lavesallee, Humboldtstraße und Goethestraße, sondern auch ein Fanclub von Hannover 96 trägt stolz diesen Namen. Der Name der Straße und des Fanclubs ist ins Gerede gekommen, weil der Präsident des hannoverschen Bundesligisten, Martin Kind, selbst Ehrenmitglied in der „Roten Reihe“, verboten hat, dass Fans, die nicht zur „Roten Reihe“ gehören, eine Fahne mit dem Konterfei des Kindermörders im Stadion zeigen dürfen: Fritz Haarmann, der mindestens 24 junge heimatlose Menschen zwischen 1918 und 1924 bestialisch ermordet hat; Fritz Haarmann, der schon mal auf einem offiziell von der Stadt Hannover herausgegebenen Adventskalender zu entdecken ist; Fritz Haarmann, der von Götz George in „Der Totmacher“ genial gespielt worden ist.

Theodor Lessing hat die Straße in seinem Buch „Geschichte des Werwolfes“ von 1925 beschrieben: „Das Haus, an die 250 Jahre alt, ist ein großes Fachwerkhaus mit zwei Fronten, und zwar mit einer nach der 'Roten Reihe' dem Judentempel gegenüber, und mit der anderen nach der
Bäckerstraße zu belegen.“ Die Rote Reihe war nach dem Ersten Weltkrieg „eine Gruppe müder, einander kaum noch stützender, morscher Häuser..."

Weder das Haus mit der Nummer 4 noch die von Lessing erwähnte Synagoge stehen noch. An die Opfer von Haarmann erinnert das Grab ihrer aufgefundenen Reste auf dem Stöckener Friedhof – sieben Kilometer entfernt. An die Synagoge erinnert eine Tafel neben dem Landeskirchenamt. Sie ist im 19. Jahrhundert nach Plänen von Edwin Oppler erbaut worden. Die jüdische Gemeinde baute ihr Gotteshaus außerhalb der Altstadt, weil dort seit 1588 nur Protestanten wohnen durften. Alle Toleranz verbrannte in der Reichspogromnacht, als die Synagoge in Flammen aufging: „Hier stand die Synagoge. Das Gotteshaus der jüdischen Gemeinde unserer Stadt.“
In dieser Straßenflucht stehen noch drei Gotteshäuser und zeugen zumindest von einer innerchristlichen Toleranz: An der Ecke Rote Reihe / Clemensstraße die nach italienischem Vorbild zu Beginn des 18. Jahrhunderts gebaute Kirche St. Clemens. Damals konnte die kleine katholische Gemeinde in Hannover gar nicht so prachtvoll bauen, wie sie wollte. Ausgebrannt nach einem Bombenangriff 1943 wurde St. Clemens in den 50er Jahren wieder aufgebaut – mit der venezianischen Kuppel, die schon 250 Jahre vorher geplant war.

Etwa ein halbes Jahrhundert vor der katholischen Basilika wurde die lutherische Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis gebaut. Auch die Barockkirche überstand die dramatischen Bombenangriffe auf Hannover nicht. Zeitgleich wie die katholische Schwester wurde sie wieder aufgebaut. Sie ist nicht nur Gemeindekirche und Kirchenraum für die Gottesdienste des Landeskirchenamtes, sondern Begräbnisstätte für das große Genie Hannovers: Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716). 40 Jahre lebte das Universalgenie in Hannover. Toleranz war eines seiner Themen, aber auch sonst schreckte er vor keinem noch so komplizierten Gedanken zurück: „Beim Erwachen hatte ich schon so viele Einfälle, dass der Tag nicht ausreichte, um sie niederzuschreiben,“ soll er über sich gesagt haben.

In Gedanken die „Rote Reihe“ Richtung Waterlooplatz ein wenig verlängert, steht dort die Kirche der reformierten Gemeinde. Diese entstand aus dem Zusammenschluss einer Gemeinde hugenottischer Flüchtlingen aus Frankreich und einer deutschen reformierten Gemeinde im Jahre 1703. Kurz danach wurde die erste Kirche eingeweiht. Eine neue wurde zum Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Auch sie fiel den Bombennächten 1943 zum Opfer. Aufgebaut wurde sie, wie es die Pläne aus dem 19. Jahrhundert vorsahen, auch weil die Grundmauern noch standen. Nur auf den Turmhelm wurde verzichtet.

Drei christliche Kirchen, die Erinnerung an eine der Intoleranz zum Opfer gefallene Synagoge, die vergessene Adresse eines Massenmörders und die aktuelle Adresse des Landeskirchenamtes: So können die Geschichte einer Straße und ihr Name Mahnung zur Toleranz und Menschlichkeit sein.
 

Von Christof Vetter, Geschäftsführer des Lutherischen Verlagshauses in Hannover, auf der Grundlage eines Spaziergangs, den Stefan Wittke beschreibt. Beide sind Mitglied des Fanclubs „Rote Reihe” (aus: Evangelische Zeitung)

„Vollkommen Beten“

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Der Abdruck des Leibniz-Schädels. Bild: Jens Schulze / epd-Bild

„O einziger, ewiger, allmächtiger, allwissender und allgegenwärtiger Gott, du einziger, wahrhafter und unbeschränkt regierender Gott: ich dein armes Geschöpf, ich glaube und hoffe auf dich, ich liebe dich über alles, ich bete dich an, ich lobe dich, ich danke dir, und gebe mich auf an dich. Vergib mir meine Sünde und gib mir, sowie allen Menschen, was nach deinem heutigen Willen nützlich ist für unser zeitliches wie für unser ewiges Wohl, und bewahre uns vor allem Übel.“

Gottfried Wilhelm Leibniz

Der Universalgelehrte Leibniz arbeitete mit seinem Toleranzbegriff auf eine Wiedervereinigung der Kirchen hin

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Pastorin Martina Trauschke präsentiert den Gipsabdruck vor dem Grab des berühmten Gelehrten. Bild: Charlotte Morgenthal / Evangelische Zeitung 

Am Beginn seiner Überlegungen zur Toleranz stand der Gedanke der Einheit aller Christen: Die Verwerfungen und Zerstörungen des 30-jährigen Krieges noch deutlich vor Augen, führte er Verhandlungen über eine „Reunion“ der Konfessionen, die sich unversöhnlich gegenüberstanden. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), der als letzter „Universalgelehrter“ gilt, warb als hannoverscher Hofbeamter dafür, „Andersartigkeit“ in Glaubensfragen zu akzeptieren.

Leibniz scheint auf den ersten Blick mit dieser Position seiner Zeit weit voraus zu sein. Martina Trauschke, Leibniz-Expertin der hannoverschen Landeskirche, betont jedoch, dass der Gelehrte fest im Denken seiner Epoche verwurzelt war: „Der Gedanke der Toleranz ist geprägt von der Aufklärung“, sagt die Pastorin der der Neustädter Hof- und Stadtkirche in Hannover, zu deren Gemeinde Leibniz zu Lebzeiten gehörte und in der er begraben ist. Nicht als Theologe, sondern in erster Linie als Philosoph habe er sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Das erkläre, warum er recht wenig Bezug auf Bibelstellen und Kirchenväter nimmt, sondern rational und verstandesgemäß argumentiert: „Die Autonomie des Denkens sollte für jeden einzelnen auch in Frömmigkeitsdingen gelten“, hebt Trauschke hervor.

Leibniz billigte den christlichen Konfessionen daher zu, unterschiedliche Formen des Glaubens zu praktizieren. Trotz des beträchtlichen Maßes an Individualität sollten sich die Kirchen und Gläubigen aber stets als Teil des Ganzen verstehen. „Leibniz dachte die Toleranz daher in den Grenzen der christlichen Wahrheit.“ Eins zu eins auf die anderen monotheistischen Religionen lässt sich sein Toleranzbegriff daher nicht beziehen. Zu den Türken äußerte er sich vor allem in politischer Hinsicht; zu jüdischen Mathematikern pflegte er gute Kontakte. Während seiner Zeit in Paris verfasste der gebürtige Leipziger ein Gebet, das für Gläubige aller drei Weltreligionen gleichermaßen gültig sein sollte. Plädoyers, in denen er in ähnlicher Weise wie unter den christlichen Konfessionen zu einer volle Akzeptanz des fremden Glaubens aufrief, formulierte Leibniz in Bezug auf Judentum und Islam jedoch nie.

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Gottfried Wilhelm von Leibniz, Gemälde von Bernhard Christoph Francke, Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum, um 1700.

Eine mögliche „Reunion“, eine äußere Einheit aller christlichen Kirchen, war schließlich seine Triebkraft, die zu den Toleranz-Überlegungen führte. „Seine Großzügigkeit im Verständnis des anderen wurde oft als Unfestigkeit missverstanden“, erläutert die Pastorin. So glaube beispielsweise 1680 der Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels nach einem Briefwechsel, dass der hannoversche Hofrat bald zum Katholizismus konvertieren würde. Denn Leibniz machte deutlich, dass er als Protestant bereit wäre, sogar den Papst an der Spitze einer Einheitskirche zu akzeptieren. Jedoch hatte er ein gänzlich anderes Amtsverständnis vor Augen, als es den Katholiken gefallen konnte: Der Bischof von Rom sollte allenfalls die Einheit der Christenheit verkörpern, nicht aber als moralische Autorität wirken können. Die persönliche Freiheit des Einzelnen in seiner Religionsausübung sollte er schließlich nicht behindern können.
Die rationale und nüchterne Herangehensweise an das Thema blieb der Mehrheit der Gemeindeglieder in der hannoverschen Hofkirche suspekt. Trauschke zufolge war Leibniz gegen Ende seines Lebens kein häufiger Kirchgänger. Auch wenn das Genie einem sonntäglichen Gottesdienst nur wenig abgewinnen konnte, hatte das „praktische Christentum“ doch eine größere Bedeutung für ihn. Die Liebe, die Caritas, sollte im Leibniz'schen Denken den Weg zur Wiedervereinigung der Kirchen ebnen. Und dieser Ansatz macht den Gebildeten aus dem 17. Jahrhundert für die hannoversche Theologin auch heute noch zu einem Vordenker der Ökumene. In christlicher Nächstenliebe sollten Katholiken und Lutheraner beispielsweise die unterschiedlichen Abendmahlsformen als gleichberechtigt akzeptieren, fordert sie. Auch fast 300 Jahre nach seinem Tod sei dies leider ein „uneingelöster Ansatz“ geblieben. In Erklärungen zur Ökumene würde in erster Linie versucht, Gemeinsamkeiten zu formulieren. Leibniz hätte eher aufgeschrieben, dass man die Unterschiede akzeptiert.

Leibniz, umfassend gebildet und auch in theologischen Fragen versiert, lehnte eine Professur zeitlebens ab. Nicht auf die abgeschottete Welt der Wissenschaft konzentrierte er seine Schaffenskraft, sondern auf die Gesellschaft und ihre drängenden Probleme, unterstreicht die Leibniz-Expertin. Seitdem sie die Pfarrstelle an der Hof- und Stadtkirche inne hat, begeistert sie sich für den Gelehrten. Sein unscheinbares Grab zieht zahlreiche ausländische Besucher an. Hannover tue sich jedoch immer noch etwas schwer mit seinem „exquisiten Erbe“.

Von Thomas Paterjey (aus: Evangelische Zeitung)