Diskussion um Lebensmittel

Tagesthema 01. März 2013

Mitverantwortung der Konsumenten

Mit jeder Kaufentscheidung wird ein gnadenloser Wettbewerb befeuert

Hannovers Landesbischof Ralf Meister ist empört über die kriminelle Energie, die im Pferdefleischskandal deutlich wurde. Verbraucher sollten sorgsamer entscheiden, was sie kaufen.

Nun auch noch die Köttbullar. In 14 europäischen Ländern wurde der kulinarische Renner aus den Selbstbedienungsrestaurants einer schwedischen Möbelhauskette vom Fleischskandal eingeholt. In Deutschland fielen die Tests zuerst negativ aus: Es wurde kein Pferdefleisch in den Köttbullar gefunden, aber dann wurden die Fleischbällchen doch aus dem Sortiment genommen. In den betroffenen EU-Ländern reagierte die Firmenleitung sofort. Sie nahm die beliebten kleinen Hackbällchen, in denen Fleisch vom Pferd gefunden wurde, aus dem Angebot. Pferdefleisch statt wie ausgewiesen Fleisch vom Schwein oder Rind in Fertiggerichten. Die Wogen um den neuen Nahrungsmittelskandal schlugen in den vergangenen Tagen hoch.

Reagiert wurde mit mittlerweile gut bekanntem politischen Krisenmanagement: Empörung äußern, Aktionismus zeigen, Ware schnell aus den Regalen räumen und strengere Kontrollen versprechen. Wer die ethischen Dimensionen betrachtet und sich dagegen verwehrt, dass solche Lebensmittel ohne Nachdenken vernichtet werden, macht sich unbeliebt. „Geiz frisst Gaul“ tauchte in dieser Diskussion als ironischer Hinweis auf unsere eigene Verantwortung auf. Was erwarten wir in einer „Lasagne auf Hackfleischgrundlage“ für 1,99 Euro? Schweinefilet? Die kriminelle Energie, die hinter solchen Skandalen steckt, ist empörend und kann nicht hingenommen werden. Trotzdem können wir nicht ohne Nachdenken fordern, wieder allein zur regionalisierten Landwirtschaft zurückzukehren. Aus dem Wohlstand und mit einer gewissen Arroganz gegenüber Discounterkunden ist das schnell gesagt, jedoch weltfremd und nicht realisierbar. Ein urbanisiertes Land kann den täglichen Bedarf an Kilokalorien nicht mehr von glücklichen Hühnern, Schweinen und selbst geernteten Kartoffeln decken – zumal auch Bioprodukte immer wieder in die Diskussion geraten.

Für den gnadenlosen Wettbewerb um die billigsten Produkte jedoch tragen wir als Konsumenten die Mitverantwortung. Wir müssen entscheiden, was wir essen wollen und kaufen. Nur dann machen Forderungen nach scharfen Kontrollen, strengeren Umwelt- und Tierschutzauflagen, penibler Hygiene, Einhaltung von Kühlkreisläufen, einer ehrlichen Etikettierung, Sinn.

Ralf Meister, Bischof der Landeskirche Hannovers (aus: Evangelische Zeitung)

Ernährungswissenschaftler: Veränderte Nahrungsmittel nicht verdammen

Technisch veränderte Lebensmittel werden nach Ansicht des Wissenschaftlers Volker Heinz eine immer größere Rolle für die Gesundheit spielen. „Unsere Nahrung ist überwiegend zu energiereich für unsere Bedürfnisse und selten nachhaltig produziert“, sagte der Leiter des Deutschen Institutes für Lebensmitteltechnik am Rande des 6. Braunschweiger Bauerntages dem Evangelischen Pressedienst (epd). Eine Reduzierung von Zucker- oder Stärkegehalt sei ein Weg, um dieser Tendenz gegenzusteuern.

Jährlich gebe es auch ernährungsbedingt einen Zuwachs von rund 300.000 Schlaganfallpatienten in Deutschland. Rund 70 Prozent der erwachsenen Männer seien übergewichtig. Neben einer Veränderung des Lebensstils könnten vor allem veränderte Lebensmittel diese Zahlen verringern, sagte der Forscher: „Sie eröffnen uns nicht nur die Chance, die Gesundheit zu steigern, sondern wir können Nahrung auch nachhaltiger zu produzieren.“

Die Entwicklung von Verarbeitungsprozessen und die Verbesserung von Lebensmittelqualität gehören zu den Forschungsschwerpunkten des Lebensmitteltechnikers. Zu den technisch veränderten Lebensmitteln zählt er eine breite Palette von Erdnuss-Flips bis zu fettreduziertem Schinken. Diesem Essen hafte ein zu negatives Image an, sagte Heinz. „Wir müssen vor allem weg von polemisierenden Bezeichnungen wie Schummelkäse oder Klebefleisch.“ Bei Margarine komme beispielsweise niemand auf die Idee, ihr ein negatives Image anzudichten.

Entscheidend für das Vertrauen in die Lebensmittel sei eine ausreichende Kennzeichnung. „Der jüngste Pferdefleischskandal hat zu Recht zu einem Vertrauensverlust in die Lebensmittelindustrie geführt“, sagte Heinz. Verbraucher müssten jederzeit die Chance haben, nachzuvollziehen, was wie in ihrem Essen verarbeitet wurde. „Wenn das gelingt, könnten damit auch Vorbehalte gegen technisch veränderte Lebensmittel abgebaut werden.“

Gerade regionale Produzenten könnten sich nach seiner Ansicht mit neuen Herstellungsverfahren profilieren. "Mikrobrauereien oder Dorfmetzger könnten Produkte entwickeln, deren Herstellung für Verbraucher überschaubar bleibt und die zugleich Anforderungen an ausgewogene Ernährung Rechnung trägt", sagte Heinz. Es sei Aufgabe der Politik, Forschungs- und Entwicklungsarbeit der Mittelständler gezielt zu fördern.

epd-Gespräch: Björn Schlüter

Futtermittel-Skandal mit Schimmelpilzgift verunsichert Verbraucher

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Eine neuer Futtermittel-Skandal mit krebserregendem Schimmelpilzgift verunsichert die Verbraucher in mehreren Bundesländern. Nach Angaben des Niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums wurden rund 10.000 Tonnen mit Mais aus Serbien ausgeliefert, der mit giftigem Aflatoxin B1 verunreinigt ist. Für diesen Stoff gelten strenge Grenzwerte, die in diesem Fall jedoch um ein Vielfaches überschritten wurden.

Eine Gefährdung für die Verbraucher sei nach einer ersten Einschätzung jedoch unwahrscheinlich, hieß es. In die menschliche Nahrungskette gelange das Gift über die Milch, erläuterte Staatssekretär Udo Paschedag am Freitag in Hannover. Die Rohmilch werde von den Molkereien mit der Milch anderer Erzeuger in Stapeltanks vermischt, wenn sie vom Hof abgeholt werde. Fleisch und Eier seien unbedenklich, weil die Tiere dort den Stoff rasch abbauten.

Ermittler hatten im Hafen von Brake rund 45.000 Tonnen mit dem verunreinigten Mais entdeckt. Rund 10.000 Tonnen konnten im Hafen gesperrt werden, weitere 25.000 in einer Lagerhalle in Bremen. Die restlichen 10.000 Tonnen gingen an 13 Unternehmen in Niedersachsen, die daraus Mischfutter für Rinder, Schweine und Geflügel herstellten.

Dieses wurde an 3.560 landwirtschaftliche Betriebe in Niedersachsen sowie 14 in Nordrhein-Westfalen geliefert. Auch Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und die Niederlande seien in geringem Maße betroffen hieß es. Die letzten Höfe waren am Montag beliefert worden. Bis zu einer Woche lang könne das Gift nach der letzten Fütterung in die Milch gelangen, sagte Paschedag.

Das Schimmelpilzgift entstehe im Mais durch ungünstiges Wachstum oder durch falsche Lagerung, erläuterte Professor Michael Kühne vom Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Erhöhte Werte von Aflatoxin in der Milch waren bei der Kontrolle eines einzelnen Hofes aufgefallen. Die belastete Milch wurde entsorgt. Das Ministerium kündigte an, die Milch aller Höfe zu kontrollieren, die mit dem verseuchten Futtermittel beliefert wurden. Besonders betroffen sei der Nordwesten Niedersachsens.

Thema Landwirtschaft - Position

Traktor bei der Feldbestellung
Neue Technik, alte Hoffnung: Immer eine gute Ernte. Bild: Jens Schulze

„Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land“, heißt es in einem Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch, das Matthias Claudius gedichtet hat. Und weiter heißt es dort: „doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand“. Manche Anstrengung von Menschen erweckt den Eindruck, dass das Wachsen und Gedeihen aus der Hand Gottes genommen werden könnte.

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